Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1872)
- Date
- 1872-05-28
- Page
- Seite 437 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Zeitung des Zirdeuthurns. Feuilleton-Geilaze zu Nr. 22. Leipzig, den 28. Mai 1872. Vertrauliche Briefe. X. \ Ueber Redekunst. Sie haben, werther Freund, in Ihrem doch so mannichfaltig bewegten und reichen Leben niemals die Veranlassung genommen, öffentlich zu reden, obschon Sie die Unterhaltungsgabe in einem Maße besitzen, wie selten. Sie haben die Schätze Ihres Geistes Md Gemüthes stets nur für den engeren Kreis Ihrer Freunde aüfbewahrt, da aber mit vollen Händen gespendet. Dennoch hegten Sie, ich weiß es aus vielen Ihrer Aeußerungen, stets ein besonderes Verlangen, wie Sie sagten, hinter die Räthsel der Redekunst ^zu. kommen^, die Quellen aufzuspüren, aus denen der Strom einer mächtigen Beredsamkeit hervorfließt, und welche Wege dieser nimmt, um in die große und tiefe See des Menschenherzens zu münden. Freilich ist dies kein ganz correctes Bild; denn statt daß der Öcean 'seine Fluth in die breiten Mündungen der Ströme hineindrängt, soll jene Beredsamkeit in dem Herzen der Hörer einen mehr oder minder heftigen Wellenschlag hervorbringen, und schließlich strömt sie ebenso aus dem Herzen, wie in das Herz. Doch ich will nicht vorgreifen. — Sie waren stets ein guter und fleißiger Hörer. Es ist ebenso eine Kunst gut zu hören, wie gut zu reden, ja sie will geübt sein, diese Kunst zu hören. Die meisten Menschen, ja ganze Völker verstehen wenig zu hören; sie lassen nur Schlagwörter auf sich wirken, Aussprüche, die sie betroffen machen; sie besitzen nicht das gebildete Gefühl, in die Feinheiten der Rede einzugehen und sie sich zur Empfindung zu bringen; der Ausführung eines Gedankens folgen sie schlecht; sie werden des Hörens leicht müde. Solche Völker reden auch schlecht, und werden nur wenige bedeutende Redner hervorbringen. Im Alterthum waren es die Athener, welche ausgezeichnete Hörer waren, wie riüS ihnen auch die bewundertsten Redner hervorgingen; in unsrer Zeit sind die Engländer geböreM Redner und Hörer; sie vermögen viele Stunden hindurch einem Redner mit gespanntem Interesse zuzuhören.,' und haben nicht weniger Redner gehabt, welche ebenso lange bas Interesse zu fesseln vermöchten. Es kam vor, daß ein Redner drei Tage lang sprach, und diese seine Rede den außerordentlichsten Beifall fand; Lord Brougham hielt im hohen Lebensalter noch als Kanzler der Universität Edinburg eine sieben Stunden währende Rede, und niemand gab ihm ein Zeichen der Ungeduld. Wir Deutsche sind bis jetzt noch schlechte Hörer, und das Zeitmaß, das wir auch dem besten Redner zugestehen, ist ein sehr kurzes. Ich sagte schon, so etwas muß geübt werden: der Hörer lernt am Redner hören, und der Redner am Hörer reden. Dennoch gehört auch eine gewisse Anlage, ein natürlicher Tact dazu, der ausgebildet werden muß. — Doch ich kehre zu uns zurück. Sie haben, sagte ich, jede Gelegenheit reden zu hören benutzt, und ein besonderes Vergnügen hierin gefunden. Sie begegneten daher sehr verschiedenen Rednern und gewährten durch sehr mannichfache Mittel hervorgebrachte Wirkungen. Sie sahen, wie mancher Redner mit dem Aufwands bedeutender Kräfte und Mittel doch nur einen geringen Erfolg erreichte und kalt ließ, während ein andermalein schlichter einfacher Sprecher die Gemüther in starke Aufregung versetzte; Sie sahen, wie ein Redner mit mächtigem Effect begann und matt und schwächlich aufhörte, während ein anderer fast ermüdete, und doch am Schlüsse sich gleichsam zufammenraffend, die Geister traf und zu seiner Ueberzeugung brachte.Ich deute hier nur an, denn die Erscheinungen aus diesem Gebiete sind von ver größten Mannichfalügkeit. Gerade darum dünkte ihnen die Redekunst etwas Räthselhaftes; sie dachten darüber nach, ohne die bestimmten Gesetze cmffrnden zu können, welche doch auch hier walten-müssen. Sie verlangen daher von mir, der ich so oft und unter den'verschiedensten Verhältnissen gesprochenhabe, einigen Aufschluß; eine vollständige Theorie erwarten Sie nicht, und in der That haben die Systeme der Rhetorik, die un8 geboten wurden, wenig genützt; entstanden sie doch zumeist, wenn die Redekunst selbst bereits in Verfall gerathen war. Nun, mehr kann ich auch nicht versprechen, als Beobachtungen und Winke, bescheiden vorgetragen und dem dargebracht, der sie entgegen nehmen und vielleicht benutzen will. Sie sprechen von der „Redekunst." Viele giebt es, welche von einer solchen Kunst nichts wissen wollen und die Beredsamkeit als eine Naturgäbe betrachten, die auch