Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1872)
- Date
- 1872-05-28
- Page
- Seite 432 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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vierzig türkischen Soldaten bewachen. Nachmittags verfügte er sich selbst zu den bedrohten Nationalen, sah, ob seine Anordnungen' ausgeführt worden waren,, und tröstete die in so unverschuldeter Weise an Leben und Eigenthum Bedrohten. Heute ist die Ruhe wieder hergestellt , aber man fürchtet nächsten Sonntag eine Wiederholung der Excesse, da die Griechen das Georgsfest feiern — ein politisch-religiöses Fest, bei welchem auch hier, wie bei den meisten Kirchenfesten, weit mehr getrunken als gebetet wird, so daß sich im Kopfe der ohnedem so leicht erregbaren orthodoxen Bevölkerung wieder neuer Zündstoff ansammeln dürfte. Türkei. Konstantinopel, 12. Mai. Die Urheber der Judenhetzen in Smyrna sind in Ketten hierher gebracht worden. Die Regierung will das' strengste Beispiel statuiren. Der Sultan sagte: „In meinem Reiche gibt es nicht mehr Christen, Mohammedaner und Juden mit verschiedenen Rechten, sondern Staatsbürger mit gleichen Rechten." (W. Pr.) (Mögen sich die christlichen Donauländer und noch einige andere christliche Staaten ein Exempel, hieran nehmen!) . ' . Rußland. Bon der polnischen Gränze, im Mai. (Privatm.) Bei Beurtheilung der Zustände unter den polnischen Juden macht man gewöhnlich den Unterschied nicht, welcher in dieser Beziehung zwischen Litthauen und den eigentlichen polnischen Gouvernements stattfindet, und der insonders darin seine Ursachehat, daß die Staatsregierung die Russificirung Litthauens besonders anstrengt und von Erfolg begleitet sieht, während sie in. den acht polnischen Theilen des Landes nicht gelingt. Hieraus entspringen zwei Thatsachen, daß nämlich die Regierung in Litthauen den Schulunterricht unter den Juden fördert, während sie ihn z. B. in unserem Gouvernement (Suwalki) eher behindert, und -daß sie die Einwanderung aus Litthauen in das Innere Rußlands begünstigt, dagegen aus unseren Provinzen mit Mißtrauen ansteht , und daher so gut wie nicht gestattet. Die Juden aus hiesiger Gegend dürfen sich nur kurze Zeit in den russischen Hauptstädten aufhalten., auf dem Lande aber finden sie keinen Erwerb. Da sie nun zumeist zwar die polnische, aber nicht die russische Sprache verstehen, so ist ihre Einwanderung in das Innere Rußlands gleich Null, während sie aus Rußland zugenommen. hat. - Demungeachtet wächst seit einigen Jahren auch hier zu Lande der Besuch der öffentlichen Schulen, besonders der Gymnasien, seitens der jüdischen Jugend ganz außerordentlich , und wo man vor noch kurzer Zeit in einer Classe kaum eimge Judenkinder erblickte, sieht man jetzt deren zwanzig bis dreißig. Ist also die Einwanderung in das Innere Rußlands von hier aus nur gering, so ist dagegen die Auswanderung nach Deutschland und ganz besonders nach Amerika eine ausnehmend große. Was hierfür die Alliance insbesondere durch das Hauptgränzcomits "in Königsberg geleistet hat, ist als Impuls sehr dankenswerth, aber der Zahl nach, wie es auch in der Natur der Umstände liegt, nur geringfügig gegen die Masse, der wirklichen Auswanderer. Aus dem Städtchen Czaki z. B. ist einer durch die Alliance befördert worden, aber an 300 sind wirklich nach Amerika ausgewandert. Es ist dies ja die gewöhnliche Erfahrung, so bald aus einer Gegend einige ausgewandert. sind und in Amerika ihr Brod gefunden haben, so reizen ihre - Briefe und ihre Geldsendungen viele an, ihnen zu folgen. Es mehren sich dann die Auswanderer' in einem unerwarteten Verhältnis und so wissen wir aus Amerika, daßwo noch vor geringer Zeit kaum einige 'polnische Juden zu finden waren, deren sich jetzt zu Tausenden niedergelassen haben, z. B: in Chicago, wo sie bereits die Hälfte der jüdischen Bevölkerung ausmachen. Aber auch in den großen deutschen Städten sammeln sich die Colonien der polnischen Juden an. In Berlin giebt es, wie ich aus genauer Kenntniß weiß, außer den als solche auftretenden, theils Unterstützung beanspruchenden, theils derselben bereits nicht mehr bedürfenden polnischen Juden, wohl an 5—600 solcher, welche Beschäftigung gefunden haben und gar nicht als Juden bekannt sind. Sie werden hier fragen, geben sie sich denn Nicht für Juden aus und leben als solche? Ich muß Ihnen antworten: nein! Diese Leute mögen als Juden wohl bei der Polizei gemeldet sein, aber ihre Lebensart ist durchaus keine jüdische. Haben diese Leute einmal die polnische Gränze überschritten und ihre langen Röcke ausgezogen, so.ist ihnen das jüdische Gesetz nicht mehr vorhanden, und dieselben, welche noch vor; kurzem in den polnischen Städtchen als die strengsten Orthodoxen ■' *