Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1872)
- Date
- 1872-05-28
- Page
- Seite 429 (sequence 5)
- Language
- German
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durch ungerechte und überstürzte Verurteilungen schwäche. Die Strafe eines einzigen Schuldigen, wenn nicht noch andere überführt werden-, genügt für die Reaction der Gesellschaft, und es braucht nicht die Zahl der Berurtheilten erhöht zu werden, indem man die Unschuldigen den Schuldigen beigesellt. Die Gesellschaft fordert Justiz, aber keine Opfer. ' In tiefer Ehrfurcht komme ich daher, Durchlauchtigster Fürst, die hohe Gnade Euerer Hoheit für David Goldschläger und den Rabbiner Alter Brandes zu erflehen, welche unschuldig sind, da gegen sie keinerlei Beweise von Schuld, weder als Anstifter, noch als Mitschuldige, noch als Hehler bestehen. Ebenso für Israel Vaißmann, A. Preißmann und Haim David; diese, obschon schuldig, darf man jedoch nicht als Mitschuldige oder Anstifter bestrafen, da in keiner Weise festgesteüt werden konnte, daß sie irgend eine frühere Kenntniß von der That gehabt, noch direct oder indirect bei der Begehung derselben mitgewirkt haben. Was gegen sie, wie ich oben gezeigt, eruirt wurde, ist lediglich die Hehlerei des Geldes und der gestohlenen Kirchengegenstände, diese haben sie mit Vorwissen versteckt, denn es läßtsich nicht behaupten, daß Vaißmann den illegalen Ursprung des ihm von seinem zukünftigen Schwiegersohn Silbermann übergebenen und von ihm versteckten Geldes nicht gekannt habe, da er selbst gesteht, daß Silbermann am Sonntag Abend, den 26. Dec. 1871, nach seiner Wohnung gekommen sei, ihn neben eine am Thore stehende Laterne geführt, und ihm eine in einem Lappen ein gehüllte Summe Geldes, die er auf dem Boulevard gefunden zu haben vorgab, zur Aufbewahrung übergeben habe, daß Silbermann die Nacht bei ihm geschlafen habe und am folgenden Tage abgereist sei. ' Desgleichen kann man nicht behaupten, daß Haim David und Abraham Preismann nicht gewußt hätten, daß die von Silbermann zu Preismann gebrachten heiligen Gegenstände gestohlen seien, angesichts der ausführlichen Erklärungen, die sie selbst abgegeben haben, und des Umstandes besonders, daß diese Gegenstände, nach ihren Angaben, in dem paskalowitzschen Hause eruirt worden sind. Wenn also, Durchlauchtigster Herr, diese drei zu Zuchthaus Verurtheilten diese Strafe nicht verdienen, da sie. weder Miturheber noch Anstifter sind, so müssen sie doch als einfache Hehleb bestraft werden. Wenn Euere Hoheit diese meine Ansicht theilen, so bitte ich Euere Hoheit, das beiliegende Decretsproject unterzeichnen zu wollen. Ich habe mir, Hoheit, erlaubt, Ihnen die Einzelnheiten der Instruction auseinanderzusetzen, damit Euere Hoheit, in Erwägung der Schuld der einen und der Unschuld der andern durch den Gebrauch der Ihnen verfassungsmäßig ein geräumten hohen Prärogative geruhen mögen, das Gleichgewicht der aus Jrrthum für einen Moment erschütterten Justiz mittelst der hohen Gnade Euerer Hoheit wieder herzustellen. So wird das Recht der Gnade und der Strafmilderung zu allen Zeiten ein heilsames Correctiv gegen überstürzte Urtheile sein, und nicht zu sagen gestatten, daß in einem gesetzlich organisirten Staate' die Unschuldigen mit den Schuldigen gleichmäßig verurtheilt wurden. Ich bin, in tiefster Ehrfurcht, Durchlauchtigster Herr, Euerer Hoheit unterthänigster und ergebenster Diener. Minister, Staatssecretär des Iustizdepartements, G. Kosta-Foru. Nr. 5,30V. 20. April 1872." Aber alles dies betrifft doch nur die eine Seite, und wir möchten sagen, die andere ist-noch scheußlicher, schlägt aller Gerechtigkeit noch schamloser in das Angesicht. So eben berichtet der Telegraphendraht, daß sämmtliche, wegen der Mißhandlung, Plünderung und des Mordes an den Juden in Ismail Angeklagte von dem Schwurgerichte zu Braila freigesprochen worden sind, was früher schon mit den Verbrechern aus Kahul und Bilkov der Fall war. Dies ist eine Schandthat, wie ihrer nicht viele seit langer Zeit vorgekommen sind, und documentirt die Rechtszustände unter den Wallachen und Moldauern in der unzweideutigsten, aber erschreckendsten Weise. Wenn nunmehr die europäischen Börsen einem solchen Volke noch ihr Geld leihen, dann verdienen sie/ dasselbe zu erleben, was sie an den früheren spanischen Anleihen erlebt haben; sie würden sich dadurch als eine Anstalt brandmarken, die weit unter dem Niveau der socialistischen Wühlereien steht. Den ersten Theil dieses Artikels ergänzen wir durch folgendes, was der Telegraph bringt: Rom, 15. Mai. In der Deputirtenkammer erklärte der Minister des Aeußern auf eine seitens des Abgeordneten Macchi gestellte Anfrage, daß die Regierung zu Gunsten der verfolgten Israeliten im Oriente Schritte gethan habe.