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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-05-21 · Heft 21 (21.5.1872) · p. Seite 423

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 21 (21.5.1872)
Date
1872-05-21
Page
Seite 423 (sequence 19)
Language
German
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all diese Wunder bewirkt? — Darum getrost , Freunde, getrost, wenn auch hier und dort noch trübe Wölken den Horizont der Freiheit urndÜftern, getrost : die Sonne der Freiheit, ausgehend von diesem Lande, bricht um so herrlicher durch mit ihrem goldnen Strahl, der am Ende dennoch die ganze Welt erleuchten wird, denn für die Dauer läßt sich die Menschheit ihr Geburtsrecht nicht vorenthalten. - > Zum Börsenwesen in Altberttn.*) Das Jahr 1809 muß für Berlin noch ein sehr beveutendes Geschäftsjahr gewesen sein. Die Jobberei muß gefahrdrohende Dimensionen angenommen haben. Daß die berliner Israeliten den bedeutenden Speculationen in Staatspapieren sehr ergeben sein mußten, kann man sich leicht denken. Nicht bekannt ist heute noch, daß der Courszettel damals nur sechs Nummern aufwies, während heute manche Zeitung so viel hundert Branchen dieses Geschäftszweiges einer Coursnotirung täglich zu widmen bestrebt ist. Aber auch ein Verbot der preußischen Staatseffection als Handelsgegenstand ist damals transitorisch dagewesen, schwere Strafe war darauf gesetzt. Ein culturhistorisches Denkmal aus dieser Zeit ist mir jüngst von dem unermüdlichen Forscher altberlinischer Zustände, Herrn Jnspector Landshuth, mitgetheilt worden, der die Güte hatte, mir dies Manifest des damaligen Gemeindevorstandes aus der Urschrift, einem Folioblatt in jüdisch-deutscher Quadratschrift, zu erklären. Es lautet: Orffentliche Bekanntmachung. An.die hiesige jüdische Gemeinde. Der'Handel mit Staatspapieren hat durch die Art, wie er in den letzten Monaten betrieben worden ist, die Aufmerksamkeit auf sich gezogen, und sie wird nach ihrer Weisheit die Maßregeln zu ergreifen wissen, wie den Unregelmäßigkeiten zu steuern sei. Indessen halten sich Endes unterschriebene Aelteste und Vorsteher kraft ihres Amtes und in ihrem Gewissen verpflichtet, den Mitgliedern der hiesigen Gemeinde so wohlmeinend als ernstlich zu eröffnen: Der Handel mit vorgenannten Papieren, so wie er nach eingezvgenen nicht zu bezweifelnden Nachrichten besonders auf Kaffeehäusern betrieben wird, ist in einen ungesetzlichen Verkehr ausgeartet, so-daß er nicht als ein Handelsgeschäft, sondern als ein Hazardspiel betrachtet und behandelt werden darf. Er setzt nicht allein das Vermögen der Hausväter in Gefahr, giebt nicht allein Veranlassung zu Betrug, Uebervortheilung und gereizten Unternehmungen, sondern hat noch die übelste Rückwirkung auf den Credit der Staatspapiere und auf das Interesse des Staates selbst, dessen Nachtheile auf alle Weise zu entfernen die Pflicht eines jeden getreuen Unterthanen ist. Die Judengemeinde läuft besondere Gefahr, daß die Unthaten einzelner aus den Ruf des Ganzen einen nachtheiligen Einfluß haben. Es ist daher die doppelte Pflicht der Aeltesten und Vorsteher, dafür zu sorgen, daß dem allgemeinen Uebel, so weit es in ihren Kräften steht, gesteuert werde. Wir warnen also jeden, welcher Handlung zu treiben berechtigt ist, auf das ernstlichste, diesen ungesetzlichen Handel, der sich nicht auf Realitäten bezieht, sondern wobei die Preise größtentheils durch Vorspiegelungen bestimmt werden und auf Lieferungen geschehen, nicht zu ergreifen oder doch ferner zu unterlassen. , Es will auch verlauten, daß mehrere Handlungsdiener ohne Vorwissen ihrer Brotherren dergleichen und andere Geschäfte treiben, wozu sie nicht befugt sind. Dieses ist eine mehrfache Uebertretung der Gesetze, und es werden die Hausväter der Gemeinde darauf aufmerk- ‘ sam gemacht, daß sie die gehörige Aufsicht über ihre Handlungsdiener haben, und auf alle Weise die Gelegenheiten vermieden werden mögen, die zu ungesetzlichen Geschäften.Reiz und Anlockung geben. Die Aeltesten vertrauen der Einsicht und der Rechtlichkeit ihrer Gemeinde, daß ein jeder sich selbst von der Nothwendigkeit dieser Warnung wird Rechenschaft geben können, damit alle unangenehmen Folgen für den einzelnen wie für das Ganze vermieden werden mögen. .Beschlossen in der allgemeinen Versammlung der Aeltesten und der Vorsteher der Judenschaft. Berlin, Sonntag, den 12. Februar 1809. Lipman Meyer Wulf, David Praeger (Hirsch-Potsdam), Samuel Bendemann, David Friedländer (der Stadtrath), Rüben S. Breslau (Gumpertz). Damals schon gab es gar manchen Selbstmord waghalsiger Börfenspeculanten zu registriren. Diese ebenso patriotische als gemeinnützige Ansprache, welche im Vergleiche zur heutigen Geschäftswüthigkeit und Schnellerwerberei wie „ein Märchen aus alten Zeiten" klingt, hat noch eine wirkliche den gemüthvollen Forscher sentimental stimmende Saite anzuschlagen gewußt: wir meinen die Solidarität der bewußten konfessionellen Gemeinschaft für etwaige gemeinschädliche Mißspeculationen einzelner. In civilisirten Ländern ist diese Connexität längst aufgehoben, selbst die Erinnerung daran ist abhanden gekommen. Aber nicht überall ist diese Trennung der Person von der Gemeinde dürchgeführt, ein Generalschwindelunternehmer wird nur dann als confessionslos angesehen, wenn es ihm geglückt ist. Andernfalls dient die Kehrseite ver Medaille stets zu willkommener solidarischer Verfolgung. Exempla sunt odiosa. ') Aus der Voss. Ztg. vr. Julius Beer.

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