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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-05-21 · Heft 21 (21.5.1872) · p. Seite 422

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 21 (21.5.1872)
Date
1872-05-21
Page
Seite 422 (sequence 18)
Language
German
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Eine amerikanische Tischrede. In- Amerika wie. in England werden für Wohlthätigkeitsgesellschaften Festmähler gehalten, bei welchen Beiträge für den Zweck .des Vereins gezeichnet und vorgelesen werden. Dies ersetzt die sogenannten Jahresbeiträge, wie sie bei uns gewöhnlich sind. Die Gesellschaften befinden sich bei dieser Sitte nicht schlecht, denn selbstverständlich kann, wer nicht da ist, doch geben. Bei dem letzten Souper der jüdischen Wohlthätigkeitsgesellschaft zu Baltimore hielt Rabbiner vr. Hochheimer eine Rede, welche von einem Jesuitenblatte „der deutsche Correspondent" verstümmelt wiedergegeben, darauf vom „Baltimore Wecker" vollständig veröffentlicht ward. Man wird sie hier gern lesen. „Bürgerliche und religiöse Freiheit! Das Geburtsrecht der Menschheit! Ihr verdankt Amerika Größe und Wohlfahrt! Meine geehrten Anwesenden! Es gibt einen Laut, der eine magische Gewalt ausübt auf jedes bessere Herz, der seinen Wiederhall findet in der Brust eines jeden edlen Mannes: es ist das Wort „Freiheit!" — Freiheit! Wessen Herz schlüge nicht hörbar, welche Wange färbte sich nicht mit einem höhern Roth beim Klange dieses Namens? Welch unwiderstehlichen Zauber aber muß dieses Wort auf denjenigen ausüben, der durch die Jahrhunderte hindurch aller und jeder bürgerlichen Freiheit beraubt, ein Spielball war in den Händen der Könige und Völker, der nur hier und dort die Livree gewechselt hat, bald ein Knecht Pharao's, bald ein Kammerknecht des deutschen Reichs gewesen ist — welch unwiderstehlichen Zauber, sage ich, muß dieses Wort auf den Israeliten ausüben? Und wenn die Tyrannei es sogar wagte mit verruchtem Arme einzugreifen in das innerste 'Heiligthum des Menschen, in sein Gewissen: wessen Mund wird da wohl in lautern Jubel ausbrechen, wenn es der Anerkennung der religiösen Freiheit gilt, als des Israeliten Mund? — Doch gilt es ja jetzt nicht, der Freiheit ein Loblied zu singen, es gilt dieselbe als „das Geburtsrecht der Menschheit" darzustellen. Bedarf es dazu aber erst vieler Worte? bedarf es dazu eines Beweises? Mögen Individuen und Völker dieses ihr Geburtsrecht für ein Gericht Linsen verkaufen, mögen Pfaffen und Junker sich der Freiheit entgegenstemmen und ihr Hindernisse jeder Art in den Weg legen: ihren Gang aufhalten, das können sie, aber wahrlich nicht für immer — das Ende ist doch unser. Was der Dichter singt: „Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei, und wär' er in Ketten geboren", die Geschichte bestätigt es. Und welch ein großer Humorist ist sie, die Geschichten Blicket . hin nach jener „ewigen Stadt", von wo aus man auch den Geistesdruck und die Knechtschaft zu einer ewigen machen wollte, blicket hin! Wann hätte Rom je die Freiheit, dieses „GeburtSrecht der Menschheit", geachtet? „Esau oder Edom" — und Sie wissen, daß unsere Alten allenthalben, wo sie Edom nennen, Rom meinen — „Rom-Edom hat von jeher dieses angeborene Menschenrechtmit Füßen getreten." (1 B. M. 25, 34.) Blicket jetzt hin! Der sich gestern noch unfehlbar nannte und mit jenem wahnwitzigen Könige ausrief: „Die Höhen der Wolken erklimm' ich, stelle gleich mich dem Höchsten" lJesaias 14, 14), der gestern noch einen Gott sich dünkte, der selbst über den Himmel verfügen könne — heute hat er über keinen Fuß breit Erve mehr gu, gebieten — Italien ist einig und frei! Habt ihr das durch Tyrannei und Pfaffentrug verdampfte und versumpfte Spanien gesehen, wie es hundertmal niedergeworfen, sich dennoch und trotz alledem wieder zum Lichte emporrang? — Armes Land! Wirst du endlich Ruhe und Freiheit gefunden haben? Jahre lang mit allen Lichtern suchtest du nach einem Könige, und der, den du endlich gefunden hast, wird er dir Licht und Freiheit bringen? Saul, so erzählt uns die Schrift, Saul war einst ausgegangen, seines Vaters Esel zu suchen, und siehe da, er fand zwar die Esel nicht, aber er fand einen Thron — er wurde Israels König. — Möchten doch die wackeren Spanier nicht umgekehrt einen König gesucht und einen Esel gesunden haben! Doch warum den Blick in die Ferne schweifen lassen? Wenden wir uns lieber dem Lande zu, in dessen Mitte wir uns befinden, das wir so glücklich sind unser Vaterland zu nennen, und das uns alle, ohne Unterschied der Religion, des Standes und der Abkunft als seine Kinder liebt und von Stiefkindern nichts weiß — wenden wir uns unserm geliebten Amerika zu! Wem verdankt dasselbe seine Größe und Wohlfahrt? Was hat dieses Land in so beispiellos kurzer Zeit zu dieser schwindelnden Höhe erhoben, daß es dasteht wie ein Riesenbau, über Nacht gleichsam von unsichtbaren Händen hingezaubert? Was anders, als jene Worte, die es gleich bei seinem Eintritte in die Hallen der Geschichte mit goldner Flammenschrift den Weltaltern vorhielt, die Worte „bürgerliche und religiöse Freiheit!" Müßte ich erst noch mit vielen Worten Ihnen die Segnungen dieser Freiheit schildern? Wir alle sind ja Theilnehmer und lebendige Zeugen der Größe und Wohlfahrt dieses Landes, leben ruhig und ungestört im Schutze seiner weisen Gesetze; wir alle sehen es ja mit eigenen Augen, wie da, wo gestern noch Wüsteneien waren, heute schon blühende und volkreiche Städte emportauchen, und wo vor einigen Jahrzehnten noch kaum der scheue Fuß des Indianers sich hinwagte, da sehen wir es heute schon dahinbrausen, das feurige Roß, „bei Tag mit seiner Wolkensäule und bei Nacht mit seiner Feuersäule"; und wo vor kurzem noch der Wiederhall ertönte von des Hinterwäldlers Axt, da fliegt heute schon das kaum gesprochene Wort durch die Lüfte, spottend der Zeit und des Raumes. — Wer wird es nun wohl läugnen wollen, daß es die „religiöse und bürgerliche Freiheit" sei, die

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