Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1872)
- Date
- 1872-05-21
- Page
- Seite 417 (sequence 13)
- Language
- German
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schäfte und Fabriken aller Art ist deren Zahl, wohl in steter Zunahme begriffen. Die jetzt bestehenden jüdischen Gemeinden enthalten nur einen kleinen Theil der hier wohnenden Familien. Die Kehiloth Ansche Maariv (Gemeinde der Männer des Westens) gründete ihre Synagoge im Jahre 1851; die Kehiloth Benai Scholom (Gemeinde der Männer des Friedens) die ihre im Jahre 1854; die Sinaigemeinde organisirte sich am 20. Juni 1861; die Zionsgemeinde am 20. September 1864; die Gemeinde der Nordseite im Jahre 1867, und in den letzten drei Jahren bildeten sich drei orthodoxe Gemeinden nach polnischem Ritus mit Bethäusern in der Clarkstraße zwischen Harrison- und Polkstraße (die frühere Halle des „Unionturnvereins"), an Pacific Avenue nahe der Harrisonstraße und seit wenigen Monaten an Milwaukee Avenue. . Jüdische Hilfsgesellschaften bestehen hier in genügender Anzahl und werden in ihrer Wirksamkeit von der vereinigten jüdischen Hilfsassociation bedeutend gefördert. Durch die ganzen vereinigten Staaten ist eine Art jüdischer Nationalverein für Hilfs-, Bildungs - und Unterhaltungszwecke verbreitet, bekannt unter dem Namen Benai Berith (Bundessöhne), welcher hier fünf Logen zählt, nämlich: Ramah, seit ' Juni 1857; Hillel seit Juni 1865; Moritz Meyer seit 1867; Sovereignty seit 1869, und Jonathan seit 1870. Unter den Vereinen, , welche ausschließlich für Vergnügungen da find, verdienen Erwähnung der Standartclub und der Phönixclub auf der Südseite, und Harmonia auf der Westseite. Das Brandunglück auf der Nordseite hat daselbst aus unbestimmte Zeit das Gemeinde- und Vereinsleben gelähmt. Bis zum Jahre 1850 gab es in Chicago fast keine anderen als deutsche Juden; seither hat jedoch ein so starker Zuzug aus „polnischen Gegenden" stattgefunden, daß wohl die Zahl auf Leiden Seiten ziemlich gleich stehen mag. Dies ist insofern erwähnenswerth, als die deutschen Juden dem reformirten, die polnischen dem orthodoxen Gottesdienst anhängen. Seit zehn Jahren hat die „Reform" unausgesetzt Fortschritte gemacht, bis schließlich alle deutschen Gemeinden und sogar die größte polnische Gemeinde reformirt worden sind, indem die meisten veralteten Gebräuche und religiösen Ueöüngen abgeschafft wurden. Die durchgreifendsten Aenderungen wurden durch Dr. Chroniks Predigeramt. in der Sinaigemeinde vorgenomnten. Den Unterschied zwischen Reformirten und Strenggläubigen wollen wir nicht näher besprechen; nur sei bemerkt, daß die Reformirten die Predigt als* die Hauptsache betrachten und die Gebete meist, in deutscher Sprache verrichten, während die Strenggläubigen (Altjuden) die hebräischen Gebete unverkürzt gebrauchen, die alten Satzungen befolgen, den Talmud als maßgebend betrachten und überhaupt etwas abgeschlossenes bilden wollen. Zwei wesentlich verschiedene Stämme leben also mit und unter einander, die im Vereins- und GemeindeleLen einander abstoßen. Die erste eingeborene Generation in Chicago wird vielleicht diesen Mißstand etwas heben. Die hiesigen Juden haben sich allmälig im Geschäftsleben allenthalben Platz gemacht; jedoch im geselligen Leben sind sie fast gänzlich von Deutschen uüd Amerikanern fern geblieben und leben ganz und gar unter sich. Nachtrag. Berlin, 8. Mai. Auf den vom Curatorium und von vielen Theilnehmern der Eröffnungsfeier ausgesprochenen Wunsch erscheint die Rede des Or. Philippson (nebst einer kurzen Einleitung) in einer besonder» Ausgabe. Anzeigen. Die hiesige Lehrer- und Cantörstelle, mit welcher außer einigem Nebeneinkommen ein fixer jährlicher Gehalt von 3OO Thlrn. verbunden, wird am 1. September a. c. vacant und soll bis dahin neu besetzt werden. Qualificirte Bewerber, mit seminaristischer Ausbildung, werden ersucht ihre Meldungen unter Anschluß der Zeugnisie dem Unterzeichneten einzusenden. Wattenscheid in Westphalen, d. 14. Mai 1872. Der ©^)nftgd‘ßeJn3or|^(tnb: Robert Dalberg. Der Unterzeichnete Vorstand sucht für die hiesige Gemeinde zum 1. September d. I. einen a'V'u), der zugleich. als pV'n ,n"n und Religionslehrer fungiren kann. Gehalt 300 Thaler und Sporteln. Qualificirte Bewerber belieben ihre Zeugnisse bis spätestens ultimo Juli d. 9. einzusenden. - Der Vorstand der israelitischen Gemeinde zu Ki el in Holstein.