Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1872)
- Date
- 1872-05-21
- Page
- Seite 407 (sequence 3)
- Language
- German
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der außerordentlichen Reichhaltigkeit' des Lehrstoffes, bei der Menge der.mehr oder weniger unentbehrlichen Disciplirwn nicht ausreichen, und werden daher verstärkt werden müssen.. Hierzu , aber ist vor allem die Vermehrung der Geldmittel, sei es der Fonds's, sei es der Jahresbeiträge, nothwendig. Es wird sich jetzt zeigen, ob unsere Glaubensgenoffen in Deutschland den nöthigen Sinn haben, auch für die idealen Zwecke, für den Ausbau ihrer uralten Gotteslehre Opfer zu bringen, wie sie solche für wohlthätige Zwecke stets in reichem Maße bieten. Sie würden sich sonst ein Armuthszeugniß ausstellen, das für sie sehr unrühmlich wäre. Das Curatorium mit seinen unablässigen Bemühungen und die verhältnißmäßig geringe Zahl der hochherzigen Spender haben durch das, was sie bis jetzt ausgeführt haben, der gesammten Glaubensgenoffenschaft in Deutschland eine Ehrenschuld auferlegt, die zu entrichten. sie wohl verpflichtet, ist. — Ebenso ist es ein unumgängliches Bedürfniß, aus dem Provisorium in sofern heraus zu kommen, als ein bestimmter Lehrplan für den Studiencursus von mehreren Jahren entworfen werden muß. Das Curatorium hat schon in seiner öffentlichen Ankündigung denselben versprochen und, wie wir hören, ist das Lehrercollegium damit beschäftigt. „Eine andere Bemerkung wollen wir nicht übergehen. Thatsache ist es, daß das jüdisch-theologische Seminar in Breslau nur wenige Schüler aus Deutschland zählt, und auch diese zumeist nur aus Schlesien und der Provinz Posen. Die Mehrzahl seiner Zöglinge stammen aus außerdeutschen Ländern. Auch unter den zwölf Studenten der neuen Hochschule sind bis jetzt nur wenig deutschen Ursprungs. Wir hoffen, daß durch die neue akademisch eingerichtete Lehranstalt der Sinn für die wiffenschaftliche jüdische Theologie auch in Deutschland geweckt werden wird, so daß die deutschen Juden gleichfalls bald ein größeres Contingent zu den Zöglingen derselben 'stellen. Vorzüglich müssen diejenigen jungen Männer, welche das höhere Lehrfach zu ihrem Lebensberufe machen, die Gelegenheit benutzen, die ihnen die Hochschule in so freigebigem Maße bietet, sich in der Religionswissenschaft eine tüchtige Kenntniß und Bildung zu erwerben. ' ' „Mögen daher die Männer, welche das neue Werk mit so regem Eifer bis jetzt gefördert haben, nicht ermüden, ihre Bemühungen fortzusetzen, um diese Schöpfung zu immer schönerer Blüthe und zu immer größerer Vollständigkeit zu bringen!" Die ÄMilverfolgiingeit im Orient. Mit tiefer Betrübniß und wahrhafter Entrüstung empfangen wir jetzt leider fast täglich Nachrichten über Verfolgungen und Mißhandlungen unserer Glaubensgenossen in den östlichen Ländern Europas und selbst in Westasien. Es ist, als wäre diese Verhöhnung der Menschlichkeit und der Civilisation wieder einmal wie im Mittelalter epidemisch geworden in jenen Ländern, die freilich noch dem Mittelalter näher stehen, als der neueren Zeit. In der That sehen wir dieselben Motive vorschützen, wie im Mittelalter: Kirchenschändung, Kinderraub, Ausbeutung u. s. w. Zu Grunde liegen aber dieselben Triebfedern: neben etwas religiösem Fanatismus ein großes Maß von Plünderungssucht, Mordlust und dergleichen. Der nichtsnutzige Pöbel, von' gemeinen Hassern aufgestachelt, will sich an dem Blute wehrloser ergötzen und an der Deute bereichern. Von Rumänien ist diese Seuche, die viel zu gut mit dem Worte viehisch bezeichnet werden würde, da sie weit unter die Jnstincte der Raubthiere gesunken ist, aüsgegangen, hat zunächst in Odessa ihre weiteren Opfer gefunden, und sucht diese, hier beschränkt, dort sreigelaffen, an ferneren Orten. Unsere Leser kennen bereits die Nachrichten aus Kischenew, wo die russische Regierung die ersten Anfänge energisch erdrückte, sowie aus Smyrna, wo den Maßregeln der türkischen Regierung blutige Opfer fallen mußten, um den Aufstand zu bewältigen. Aus Konstantinopel vom 6. Mai meldet man: „Der „Courrier de l'Orient" veröffentlicht ein ihm zugegangenes Telegramm aus Gallipoli vom 4. d., wonach auf der Insel Marmara bereits seit drei Tagen Judenverfolgungen stattfinden, angeblich weil ein Grieche verschwunden sei. Die Synagoge ist demolirt, die Wohnungen der Juden und die Judengewölbe werden geplündert, die Rabbiner in's Gefängniß gesetzt. Die verfolgten jüdischen Familien flüchten sich in die Häuser der Türken." Aus Warschau vom 5. Mai schreibt man der „N. Z.": „Die Zugeständnisse, welche die russische Regierung in letzter Zeit den Juden hinsichtlich ihrer bürgerlichen Gleichberechtigung gemacht hat, haben nicht verfehlt, den ohnehin sehr regen Judenhaß der russischen Bevölkerung : noch mehr anzufacken. Immer häufiger werden in den : öffentlichen Blättern Stimmen laut, welche warnend darauf Hinweisen, daß die den Juden verliehenen Rechte eine höchst gefährliche Waffe gegen die Gesellschaft seien,