Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1872)
- Date
- 1872-05-21
- Page
- Seite 406 (sequence 2)
- Language
- German
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eine markirte Frühreife liegt hierbei in unserer Jugend ausgesprochen, die wir nicht weiter beurtheilen wollen. Zeigt sich doch dieselbe auch in dem Umstande, daß gegenwärtig eine größere Anzahl von Jünglingen zum Universitätsstudium in sehr frühem Lebensalter kommt, worüber manche Professoren den Kopf schütteln, indem sie meinen, daß der Ernst und die Vertiefung betreffs der wissenschaftlichen Studien darunter leide. Die Folge davon ist, daß auch diese jungen Männer sehr frühzeitig in die praktischen Carriören eintreten. „Doch eine ganz andere Wirkung obiger Thatsache ist es, auf welche ich eigentlich aufmerksam machen wollte. Das wahrhaft un- und übermäßige „Glück", welches jetzt so viele junge Leute im Finanz- und im industriellen Fache machen, verlockt eine immer größere Anzahl, sich den wissenschaftlichen und dm Staatslaufbahnen fern zu halten. Die Erscheinung z. B., daß die Zahl derer, welche Medicin studiren, in steter Abnahme begriffen ist, giebt einen Beleg hierfür. Andererseits gehen immer mehr Männer von Staatsämtern zu einträglichen Posten bei industriellen Associationen über, z. B. in die Verwaltungsräthe von Actienunternehmungen. Es ist ersichtlich, daß z. B. der mit so vielen Opfern verbundenen akademischen Laufbahn sich bald nur noch wenigere - befähigte junge Männer widmen werden als bisher. Denn am Ende spricht der materielle Erfolg auch ein starkes Wort im Leben der Menschen mit, und wir können nicht so viel auf die Kraft des Idealen rechnen, wenn noch dazu die Geistesthätigkeit und das geistige Interesse auch mit solchen praktischen Wegen verbunden sind. Abgesehen davon, daß der Staatsdienst hierunter mannichfach leiden wird und das Budget für denselben sich sehr wird steigern müssen, kann die Gefahr nicht verkannt werden, welche durch diese Entwickelung für das wissenschaftliche und mehr ideale Leben der Nation entsteht. Treibt das wirkliche Leben immer mehr dem materiellen Wirbel zu, entzieht es der Wissenschaft und Kunst immer mehr die bedeutendsten Kräfte, bildet sich dadurch zugleich eine Atmosphäre, in welcher das geistige Wirken einer gewissen Mißachtung anheim fällt, so steht die ganze Civilisation vor einer nicht zu unterschätzenden Gefahr, vor einem Wendepuncte, der zum Niedergang leitet. Man darf hierbei, nicht vergessen, daß in den unteren Volksschichten durch die socialistischen Wühlereien nicht minder der sittliche Gehalt bedroht ist, und daß dieses Treiben mit der obigen Erscheinung in Verbindung sehr mißliche Aussichten eröffnet." Berlin, den 9. Mai. „Die Eröffnungsfeier der „Hochschule für die Wissenschaft des Iudenthums" ist nun vorüber, und zwar in würdigster Weise vor sich gegangen. Die Betheiligung war eine überraschend große. Wenn die Festanordner dies hätten voraussehen können, würden sie vielleicht eine größere Localität gewählt haben; denn es mußten mindestens eben so viele zurückgewiesen werden, als man zulassen konnte. Die beste Wirkung der Feier bestehi aber darin, daß gewisse Vorurtheile, die noch gegen die neue Lehranstalt gehegt wurden, jetzt widerlegt und beseitigt scheinen, wenigstens bei denen, welch» eines besseren belehrt sein wollten. Von liberaler Seite, namentlich von der etwas scharf zugespitzten, war natürlich die Befangenheit gegen das neue Institut vorhanden, welche gegen alle im Grunde theologischen Anstalten einmal da ist. Man will kaum die alten Einrichtungen bestehen lassen, wie viel weniger das Recht einräumen neue zu gründen. Man setzt alsbald von vorn hörein hierarchische Absichten voraus, Motive neue pfäffische Fesseln zu schmieden, während man die alten noch nicht gebrochen hat. Daß von diesem allen hier durchaus nicht die Rede ist, daß es vielmehr darauf ankommt, durch eine wissenschaftliche Behandlung aller einschlägigen Disciplinen den gewissenhaften Fortschritt und die weitere geschichtlich begründete Entwickelung zu sichern, und auf diesem Wege eine Ausgleichung der positiven Religion mit dem modernen Leben zu Stande zu bringen, sprachen die Festredner so bestimmt aus und erwiesen es an den Einrichtungen der Hochschule in einer Weise, daß ein Zweifel bei den billig denkenden nicht mehr aufsteigen dürfte. Wie es jetzt bei allen Unternehmungen geschieht, hatte man gleich anfangs auch in der Presse Anfeindungen ergehen lassen, welche das Gelingen zwar nicht verhinderten, aber doch erschwerten, so daß die Mittel der neuen Lehranstalt nur mäßig geblieben sind. Man kann es der Ausdauer des Curatoriums und insbesondere des Vorsitzenden desselben, des Professors Dr. Lazarus, nicht genug Dank wissen, daß es sich von diesen Schwierigkeiten nicht abschrecken ließ, sie alle überwand, und nun an einem gewissen Ziele steht. Die Hochschule ist eröffnet, die Vorlesungen haben begonnen, von Schülern sind bereits zwölf inscribirt, und somit ist die Anstalt zur Thatsache geworden: . „Indeß wollen wir uns nicht verhehlen, daß noch viel zu thun und zu schaffen übrig bleibt. Die gewonnenen Lehrkräfte, so trefflich sie auch sind, können bei