Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1872)
- Date
- 1872-05-14
- Page
- Seite 388 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3226852-3226873--30607-3253491- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Kritik auSfüllen — wie sie Hörern aller Eonfessionen unentgeltlich und gleich berechtigt geöffnet ist , so ihre wissenschaftlichen Ergebnisse der Gesammtheit der Wissenschaft einreihen. Und hier ist es, wo wir von einem allgemeinen wieder auf einen besonderen, nationalen Boden einlenken. Diese Hochschule wird der Universität Berlin zugehören, wenn auch nicht durch ein äußeres Band mit ihr verknüpft. Wer weiß es nun nicht, daß die deutschen Universitäten die höchsten Sitze der Wissenschaft in der civilisirten Welt sind, daß nur der deutsche Geist solche Psianzstätten der universellen Wissenschaft geschaffen, in allen Gauen der deutschen Erde errichtet und trotz zeitweiser Beschränkung in freiem Flusse erhalten hat , in freier Entfaltung und Schöpferkraft. So hat denn das heutige Geschlecht der Juden den Wissenschaftssitz des Judenthums, nachdem er dem Laufe der Zeiten nach so viele Wanderungen überstanden, endlich nach diesem Deutschland verlegt, zu einem dauernden Dasein, wie das der deutschen Wissenschaft selbst, nach diesem Deutschland, dem ein großer Theil des jüdischen Stammes schon seit bald zwei Jahrtausenden so innig, so mit ganzem Herzen angehört. Und noch ein anderes. Die Wissenschaft ist frei, autonom. Nun, wie die Wissenschaft des Judenthums das eigene Werk des freigewordenen Geistes, so ist auch diese neue Lehranstalt aus dem-freiesten Antriebe und durch die eigenen Mittel geworden, weder vom Staate, noch von irgend einem Manne hervorgerufen, eingerichtet und ausgestattet. So ist sie aber auch keine geschlossene Schule, unter der Leitung eines Mannes, der ihr seine Anschauung aufprägen könnte, sondern, der freien Wissenschaft ganz entsprechend, nur von der Körperschaft ihrer coordinirten Lehrer und einem aus Männern mannichfachen Berufes zusammengesetzten Curatorium selbstständig und unabhängig eingeleitet. Diese freie Wissenschaft, meine Herren! kennt keine Parteien; sie kennt und befehdet nur eine Partei, die unwissenschaftliche, welche ihre Freiheit durch irgend eine unbedingte Autorität beschränken, vernichten, welche ihr vorschreiben will, was sie lehren, worauf sie ihre Forschung begränzen solle. In ihrem Schooße aber kennt sie keine Parteien, sie vereinigt vielmehr alle.verschiedenen Lehrmeinungen; sie spricht: befolgst du nur die wissenschaftliche Methode, und ist dein Ziel die wissenschaftliche Geltendmachung deiner Ansichten, so gehörst du mir an. Sie schließt nicht den Jrrthum aus, wohl aber die Lüge und die Heuchelei, die absichtliche Täuschung mit den scheinbaren Mitteln der Wissenschaft von ihrem Heiligthume. So kennt denn auch nicht und darf nicht kennen diese Lehranstalt Parteiungen, religiöse Fraktionen; in ihrem Schooße will und muß sie alle Richtungen vereinigen und vertreten sehen, sobald sie aufrichtig sind und sich auf dem Wege der Wissenschaft verhalten; keine Partei darf in ihr die Obwacht in Besitz nehmen wollen; denn sonst würde sie bald ihren wahren wissenschaftlichen Charakter, ihre Bedeutung für die Gesammtheit und hiermit ihren Bestand verlieren. Und so begrüße ich, hochverehrte Versammlung, vor Ihnen im Namen des Curatoriums die Begründung der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums und erkläre sie hiermit für eröffnet. Möge sie unter dem Schutze Gottes werden, was sie sein soll, eine Pflanzstätte achter unverfälschter Wissenschaftlichkeit, der Ueberzeugungstreue, der laulern Erkenntniß und Sittlichkeit, der Humanität und Bruderliebe; eine Vereinigungsstätte tüchtiger, geistesreicher und charaktervoller Männer, emsiger," rldliH-'r, glücklicher Forscher; eine Bildungsstätte wahrhaftiger Jünger der Gotteslehre, durchdrungen vom geschichtlichen Bewußtsein der Menschheit und ihrer Religionsgen ossenschast, getrieben von dem Drange zu wirken und zu schaffen in wissenschaftlicher Erleuchtung für das wahre Heil der Menschheit, .des Vaterlandes, der Religionsgemeinde! Möge diese Lehranstalt auf Jahrhunderte hin bestehen, blühen und Früchte reifen, bis einst eine neue Zeit neue-Bedürfnisse des Geistes schafft, neue Mittel und Wege der Wirksamkeit fordert und bietet! Mögen die Hallen dieser Lehranstalt für immer verschlossen bleiben dem finstern Geiste der Zwietracht und der Herrschsucht, der Selbstüberschätzung und des Pedantismus, aber weit geöffnet jeglichem Streben und Ringen, Erstreben und Erringen! Kein Ruf, kein Getöse der Verketzerung und Verdammung gehe von ihnen aus, sondern stets das Wort der ernsten Lehre, der unparteiischen, alles prüfenden und erwägenden Wissenschaft — fest im Kampfe, besonnen und würdig im Siege! Und in diesem Sinne begrüße und beglückwünsche ich insbesondere Sie, Männer der Wissenschaft, die berufen sind, zum ersten Male solche Lehrstühle zu besteigen, Sie, und im Geiste Ihre zukünftigen Genossen. Mögen Sie für lange Zeit die Kraft in sich tragen, die große Aufgabe glücklich zu lösen, die Ihnen geworden ist — denn Sie haben das Werk zu beginnen, und von Ihnen hängt die günstige Entwickelung ab. Ihr in der Vergangenheit