Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1872)
- Date
- 1872-05-07
- Page
- Seite 382 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Seelen, find seit der Anführung konstitutioneller Formen der Gegenstand wiederholter, mit steigender Schamlosigkeit verübter nnd Rs jetzt stets 'straflos gebliebener Verfügungen. Religiöser Fanatismus ist nicht der Grund dieser häufigen Judenhetzen; sonst wären sie schon früher minder sporadisch vorgekommen. Die religiösen Vorwände sind bei solchen Missethaten, wo sie auch geschehen und geschahen, wie in Damaskus vor dreißig Jahren, oder wie kürzlich in Odessa, stets ganz fadenscheinig. Ebenso wenig wirkt hier ein naturwüchsiger Stammeshaß, denn in dem Bölkergewimmel des europäischen Ostens sind die Inden ja die einzigen, welche keine ZukunftSträume von Ausdehnung und Herrschaft hegen. Der Stammeshaßwürde sich viel eher gegen Griechen, Ungarn oder Deutsche wenden,, wenn dazu nicht mehr Much gehörte. Die Nächstliegende Ursache dieser wiederholten Juvenverfolgungen besteht in der relativen Schutzlosigkeit der Juden und der damit verknüpften Aussicht auf Straflosigkeit. Seitdem der Bojar innere Politik treibt, ist es ihm sehr bequem, ein Object der Plünderung, des Raubs und sträflichsten Uebermuthes zur Hand zu haben, welches er seinen Anhängern, seiner Meute vorwerfen kann. Besonders die röche Partei der Bratiano und Genoffen sucht damit ihren sinkenden Einfluß wieder zu, heben. Diese rochen Junker, welche in den fünfziger Jahren zu Paris und London unter Mazzini's Fahnen als angeblich republicanische Flüchtlinge paradirten, sind dieselben, welche jetzt jedes öffentliche Interesse und vor allem das moralische Ansehen und die Rechtssicherheit des jungen Staatswesens ihrem Ehrgeiz und ihrer Habsucht opfern. Auch in der Eisenbahnangelegenheit waren ihre Machinationen von äußerster Gefährlichkeit für den Staat selbst. Obgleich dessen Selbstständigkeit von der Diplomatie als ein europäisches Interesse betrachtet wird, hätten sie dennoch/ um ein Haar der hohen Pforte die erwünschte Veranlassung verschafft, sich wieder als oberlehnsherrliche Macht zur Geltung zu bringen. Das tollste ist, daß allen diesen Manövern und Jutriguen vorzugsweise ein forcirter Nativismus zum Aushängeschild dient, wie er gerade Lei den ungebildetsten — und darum eingebildetsten — Völkern am schärfsten auftritt, ein Nativismus, der alles, was früher in Nordamerika die Know-nothings und neuerdings die Kukluxclans geleistet haben, weit hinter sich läßt. So z. B. wenn Demeter Bratiano sagt, daß „Rumänen eS vorziehen, in rumänischem Kothe zu waten, statt auf Eisenbahnen zu fahren, welche von Deutschen gebaut worden find." „Eine nativistische Zeitung, „Trompetta Karpatzilor", erklärt ihren Deutschenhaß zu unserer Befriedigung damit, daß sie auseinandersetzt, wie Slawen und Romanen sich in , der Moldau-Wallachei, rasch asstmiliren, die Deutschen aber niemals. Diese Deutschenhasser treiben die Gallomame bis zur Exaltation, aber es fällt ihnen freilich nicht ein, die, französische Religionsfreiheit bei sich einzuführen." - Hierauf berichtet der Verfasser über die.gegen die Deutschen und Inden gerichteten Pläne Demeter Bratiano'S, jeden Geschäftsverkehr mit denselben abzubrechen, sowie über die Polemik veS Professors MajureSku und der „Schule Barnutz", über welche wir in diesem Blatte seiner Zeit ausführlich referirten. Herr Oppenheim fährt dann fort: „Diese culturfeindlichen und völkerrechtlichen Bestrebungen machen sich seltsamer Weise mit frecher Provocation in einem Lande geltend, das auf die Einführung der ihm noch fremden europäischen Bildung angewiesen ist, und dessen ganzer Bestand von dem guten Willen der Großmächte abhängt. Wie absurd dieselben aber auch in diesem Zusammenhang erscheinen mögen, zahlreiche Thatsachen haben den Beweis ihrer Macht, wie ihrer frevelhaften Rücksichtslosigkeit geliefert. Gelangen solche Parteitendenzen zum vollen Siege, so kann Fürst Karl mit Ehren nicht aus seinem Posten bleiben, auf welchem er den Bojaren dienen soll, um mit seinem reinen Namen unsägliche Schandthaten zu decken und vor Europa eine Staatsverwaltung zu repräsentiren., auf welche er in der That ohne Einfluß ist. Dann werden russisch-bojarische Jntriguen, mit einem tolltzewordenen panslavistischen Radicalismus im Bunde, an den eingewanderten Deutschen das Werk vollenden, zu welchem sie an den Juden die Uebung und den Muth gewonnen. „Der eben geschilderte Fanatismus der rumänischen Autvchthonen wird durch allerlei sinancielle Interessen verstärkt: vermutlich sind viele Bojaren den jüdischen Geschäftsleuten schwer verschuldet; dann sind die Juden gar unbequeme Concurrenten bei den zahlreichen Verpachtungen (von Forsten, Monopolen u. s. w.), auf denen die rumänischen Staatsfinanzen beruhen. So sind Juden (und Deutsche) in dem neuen Tabaksmonopolgesetz von den Debitstellen ausdrücklich ausgeschlossen worden. Auch in der an der Donau zu erbauenden Stadt (Korabia) sollen keine Juden wohnen dürfen." — Von hier ab schildert Herr Oppenheim in prägnanter Weise die Vorgänge in Ismail, Kahul und Vilkov, und schließt dann mit folgendem Raisonnement: „Man zweifelt nicht an dem guten Willen des Fürsten und des jetzigen Ministeriums, aber an seiner Macht. Seit sechs Jahren spielen die Judenverfolgungen (an vierzehn größere Unternehmungen) bald hier bald da; das sporadische Auftreten derselben scheint in der Absicht der Verschwörer zu liegen, üm dem energischen Einschreiten der Großmächte vorzubeugen. Seit sechs Jahren wird Gerechtigkeit und Rechtssicherheit versprochen und werden auch ab und zu Streitkräfte aufgeboten, aber immer so, daß sie just zu spät kommen, um den Skandal und das Verbrechen zu verhindern. Dieses Hinziehen, Zögern, Versprechen und Aufstchberuhenlaffen ist ächt orientalische Politik. -''^Allein die Großmächte, welche die Schöpfer und Garanten dieses Staatswesens sind, dürfen nicht duldeul, daß, unter ihrer Aegide gleichsam, die allgemeine Rechts-