Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1872)
- Date
- 1872-05-07
- Page
- Seite 381 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Zeitung des Zudenthums. Femlleton-Seilage zu Ar. 19. Leipzig, de» 7. Mai 1872. Die Judenverfolgungen in Rumänien. Bon H. B. Oppenheim. Unsre geehrten Leser werden Nachsicht üben , wenn wir ihnen heute in diesem, der Unterhaltung gewidmeten Theile. unsrer Zeitung von so ernsten, traurigen Zuständen sprechen. Aber der Augenblick bringt des drängenden unaufschiebbaren Stoffes so viel, daß wir hierzu unsre Zuflucht nehmen müssen. Die Vorgänge in Rumänien haben mehr als eine.örtliche Bedeutung, und es ist nicht allein die Sympathie für einen unglücklichen Theil unsrer Glaubensgenoffenschaft, welche hierbei in's Gewicht fällt. Gegen den letzten Act einer unerhörten Rechtßverfälschung erhebt die ganze civilisirte Welt ihren Protest. Was wir über diesen Gegenstand denken, haben wir seit Jahren unsren Lesern vorgetragen. Hören wir heute die Stimme eines berühmten Publicisten, des Herrn H. B. Oppenheim, der unter dem obigen Titel in Nr. 14 der politischen Wochenschrift „Die Gegenwart" vom 27. April, einen Artikel veröffentlicht, aus welchem wir die Hauptstellen wiedergeben. Er sagt: „Als vor etwa vierzig Jahren der Philhellenismus auS seinem Rausch erwachte, war er erstaunt, in dem modernen Griechen nicht die Jdealmenschen zu finden, welche er bisher angesungen und mit seinen Sympathien unterstützt hatte. Aehnlich so geht es seit einigen Jahren denen, welche von dem neuen christlich-romanischen Staate an der unteren Donau die Auferstehung der Cultur daselbst erwartet hatten. Wohin man auch auf der Balkanhalbinsel schaue, immer mehr befestigt sich die Ueberzeugung, daß zwischen den verrufenen muhammedanischen Bedrückern und ihren oft verherrlichten christlichen Vasallen oder Unterthanen der Unterschied ver Gesittung ürid Civilisation nicht gar groß sei, und daß die Unterscheidungsmerkmale nicht durchweg zu Gunsten der letzteren .ausfallen. Die Schule der Urquhartisten protestirt sogar mit britischer Zähigkeit im Namen der Türkei gegen die vergleichsweise Annäherung, so oft freilich grelle .Schlaglichter das Dunkel auch, der türkischen Barbarei, beleuchten. Doch kommt es . in Wirklichkeit wenige auf diesen Streit oder Wettstreit um das mehr oder weniger von Rohheit oder Verkommenheit an, sondern auf die Culturkeime und den dafür mehr oder weniger fruchtbaren Boden diesseits oder jenseits. Eine eigene Culturentwicklung haben beide nicht mehr, beide entlehnen dem europäischen Westen die reifen und häufiger noch die schon faulenden Früchte seiner alten Civilisation; freilich kommt das Pfropfreis bei den Osmanen auf einen so fremdartigen Stamm, daß es nicht wachsen kann, während bei den christlichen Völkerschaften die theilweise Gemeinschaft des Ursprungs, der Race, Sprache- Familiensitte und Religion wenigstens die Hoffnung des Gedeihens nickt auSschließt. Nur hat der Einfluß der Diplomatie, zum Theil in der Absicht, um das Aüfgehen jener christlichen Gemeinwesen in einen der benachbarten Großstaaten zu verhindern, frühzeitig höhere politische Formen dort eingeführt, welche nothwendig zur Carricatur werden. Wenn man aus einem Lande, in welchem eine halbwegs unparteiische Rechtspflege noch undenkbar ist, von Volkswahlen, allgemeinem Stimmrecht, Parteibildungen, constitutioneller Opposition, parlamentarischen und angeblich verantwortlichen Ministerien liest, so muß man sich ganz etwas anderes dabei denken, als wir sonst unter diesen Worten verstehen. Zur Charakteristik dieser Abart von Constitutionalismus dient unter anderem das jüngst erfolgte Votum der rumänischen Landesvertretung für Abschaffung der Normalschulen, um eine Ausgabe von 70,600 Francs (oder etwa 18,000 Thalern) zu sparen. Der Hauptunterschiet) aber vom westeuropäischen Wesen ruht in den Gewerbsclafsen: zwischen dem. in Paris demoralistrten Bojaren und dem in Schmutz verkommenden Bauern steht kein Bürgerstand, die Lehmhütte stößt dicht an den Marmorpalast. Der oberflächliche Unglaube des Edelmannsverträgt sich sehr wohl mit dem blöden Aberglauben des Schweinehirten. Müßiggänger sind'beide, nur daß der eine manchmal gezwungen arbeitet. An abgefeimten Jntriguanten fehlt es einer solchen Adelscaste nie , welche die ganze Corruption der französischen Usute-voI4e in sich trägtohne die mildernden Elemente einer wirklich verfeinerten Cultur: „Der eigentliche Handelsverkehr und die höheren Gewerbe werden in diesem Lande von Fremden (Deutschen; Griechen, Magyaren) und den zahlreich angesiedelten Juderr betrieben» Diese letzteren, ungefähr 200,000