Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1872)
- Date
- 1872-05-07
- Page
- Seite 369 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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29. März habe ich dem hohen Hause schriftlich die Traueranzeige von dem am 27. März o. erfolgten Tode unseres Mitgliedes, Herrn Di-. Kosch, erstattet. Der Verstorbene trat im Jahre 1848 für den Stadtkreis Königsberg in die Nationalversammlung. Am 27. Juni 1848 würde er von derselben zum Vicepräsidenten erwählt und fungirte als solcher auf Grund wiederholter Wahl bis zum 19. September 1848. Ebenfalls als Mitglied für den Stadtkreis Königsberg gehörte der Verstorbene der im Februar 1849 gewählten zweiten Kammer an. Seit dem Jahre 1862 hat der Verstorbene dann ohne Unterbrechung diesem Hause als Abgeordneter für den Stadtkreis Königsberg und die Kreise Königsberg und Fischhausen fungirt. Als Vorsitzender und Mitglied zahlreicher Commissionen und in, den Plenarversammlungen hat er stets thätigen, lebendigen, hervorragenden Antheil an den Versammlungen dieses Hauses genommen. Die Milde aber und die Gerechtigkeitsliebe, die der Verstorbene stets mit einer nie wankenden Festigkeit seiner Ueberzeugungen vereinigte, sind auch in diesem Hause dadurch anerkannt worden, daß er seit dem Jahre 1863 ununterbrochen Ln allen Sessionen zum Vorsitzenden unserer Geschästsordnungscommission erwählt worden ist. Ich ersuche die Mitglieder des Hauses, sich zu Ehren des Andenkens an den Verstorbenen von den Plätzen zu erheben." Breslau, 18, April. Die Frage wegen der konfessionslosen höhern Lehranstalten der hie- ' sigen Stadtgemeinde ist auf eine sehr einfache Weise gelöst worden. Der Minister der geistlichen, Unterrichtsrc. Angelegenheiten Dr. Falk hat am 1. April c. an den Magistrat ein Rescript erlassen, welches jedoch eigentlich eine Declaration der frühern Erlasse Mühlers und des Provincialschulcollegiums ist, wohl nur um diese schonend zu bchandeln. Die frühern Rescripte werden dahin ausgelegt, daß sie weder der Eröffnung der beabsichtigten Schulen nach den Grundsätzen der städtischen Behörden, noch der Anstellung von christlichen und nichtchriftlichen Lehrern irgendwie entgegen treten wollten, es somit den städtischen Behörden Breslau's freisiehe, diese'Schulen nach' ihrer Weise in's Leben treten zu lassen. Der Magistrat stellte daher bei den Stadtverordneten den Antrag, zunächst das Johannesghmnasium zu eröffnen , sobald es die Umstände gestatten. Auch hier gewahren wir also das eigenthümliche Schauspiel, daß die wichtigsten Principien eigentlich als auf Grund der Verfassung und der Gesetze längst entschieden angesehen werden, so daß ihre Verwirklichung nur durch eine ministerielle Interpretation, die mit der Person des Ministers verschwindet, hintangehalten worden ist. Wir wissen, daß in ähnlicher Weise bei allen die Juden betreffenden Momenten im letzten Jahrzehnt vorgegangen worden ist, und schöpfen daraus den Muth, auch weiterhin die noch fehlenden Puncte völliger staatlicher Gleichstellung, nämlich der unseres Cultus selbst, kräftigst anzustreben. Breslau, 21. April. Abermals ist ein außerordentlicher Professor israelitischer Religion, Herr Di. Ferdinand Cohn, der verdienstvolle Botaniker, ordentlicher Professor geworden. Aus Mecklenburg, im April. Die „Protestantische Kirchenzeitung", zu deren Redactionspatronat vierzehn Doctoren der Theologie gehören, schreibt: „Ein Mitglied der philosophischen Facultät in Rostock pflegt sein Wort einzulegen, so oft die Facultät einen Juden zu promoviren beabsichtigt. Der Grund dieses Protestes ist, daß in dem Siegel der Facultät das Bil d C hr isti enthalten ist. Man sollte nun denken, wenn der Jude selbst an diesem Zeichen keinen Anstoß nimmt, so müsse dies als Beweis gelten, daß derselbe von dem Haffe seiner Väter zurückgekommen sei. 7 Allein jener rostocker Philosoph steht auf dem Standpunct des brandenburgischen Consistoriums, welches behauptet, daß die Juden der^ Gegenwart, so heftig sie auch dagegen protestiren mögen, noch in demselben Hasse Jesu stehen, mit welchem ihre Vorfahren Jesum an's Kreuz gebracht haben." (Man sieht, die protestantische Pietisterei ist'aller Orten gleich. Mögen es evangelische Consistorien, Oberkirchenräthe, Professoren oder protestantische Kirchenzeitungen sein — sie hassen die Juden, und insinuiren diesen, daß sie hassen. Und warum hassen sie die Juden? Weil die Juden noch immer darauf beharren, keine pietistischen Protestanten werden zu wollen.) München, 10. April. Der „Süddeutsche Telegraph" vom gestrigen Tage bringt folgenden bemerkenswerchen Artikel: „Der Verwaltungsausschuß der israelitischen Gemeinde hat in zweiter Lesung. die Aufhebung der