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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-04-23 · Heft 17 (23.4.1872) · p. Seite 340

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 17 (23.4.1872)
Date
1872-04-23
Page
Seite 340 (sequence 18)
Language
German
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zu Bette bringen müssen. Jetzt eilte sie nach Hause, um erst die Räumlichkeiten. zur Wiederaufnahme des kranken Kindes vorzubereiten. Heber das Gespräch mit Elisa war aber die Nacht völlig hereingebrochen. Cs war eine warme Sommernacht, aber der Wind hatte sich erhoben und war immer stärker geworden. Er brauste über den Fluß heran und fuhr heulend: um die Schornsteine und über die Dächer in die Gaffen hinein. Dieses Unwetter machte Bella bedenklich, das noch nicht ganz genesene Kind über die Straße tragen zu sollen; doch wollte sie jedenfalls in ihrem Hause alles vorbereiten, um auf dem Wege zu Bärs einen letzten Entschluß saffen zu können. r Als sie an die Thüre ihres Hauses kam, trat ihr der Pachtwächer des Viertels entgegen, und sprach : „Es ist gut., Madame, daß Sie kommen; Sie haben doch gewiß den Hausschlüssel; ich wollte eben die- Hausthüre zU: erbrechen versuchen, denn ich habe ganz bestimmt Hülferuf aus. dem Hause gehört; wenn auch der Sturm leicht eine Täuschung möglich machen könnte. Auf mein Klopsen hat niemand geantwortet." Ein jäher Schreck kgm über die arme Frau, daß sie mit ihrer zitternden Hand kaum den Schlüssel aus der Tasche zu ziehen vermochte. Doch da während des Oeffnens und beim Eintritt in das Haus sich nichts vernehmen ließ, so fing sie schon an, zu glauben, daß der Wächter sich geirrt habe. Nachdem sie Licht gemacht hatte, eilte sie zuerst in die Schlafkammer ihrer Kinder und fand sie zu ihrer großen Beruhigung in tiefem, gesundem Schlummer. Eine neue Angst überfiel sie, da sie an ihren Vater und seine verborgenen Schatze dachte, und daß seine Geschäfte doch wohl , die Meinung nicht, unbeträchtlichen Besitzes im Volke verbreitet haben möchten. Eilends erstieg sie mit dem Wächter die halbverfallene Treppe zu dem Erkerstübchen; sie fanden die Thüre verschlossen und auf ihr Klopfen wurde nicht geantwortet. Eine furchtbare Ahnung machte das Herz Bellas erstarren. Wäre" nichts vorgefallen, so hätte ihr Vater gewiß schellend und kneifend geantwortet. Halse ihn ein plötzliches Erkranken niedergeworfen? Sie mußten sich entschließen, die Thüre gewaltsam zu öffnen, und als dies geschehen war und sie mit dem Lichte, in das Stübchen eintraten, welch ein Anblick bot sich ihnen dar! . . Wir wollen ihn nicht näher schildern. Ranburorder waren in der stürmischen Nacht, während sie wohl ausgekundschaftet hatten, daß der alte Wolf ganz allein im Haufe sei, über den Fluß gekommen, durch den Garten geschlichen, hatten die morsche Hinterthür des Hauses leicht zu öffnen vermocht und waren dann plötzlich in die Stube des alten Mannes gestürzt, der noch an seinem Buche und mit dem Orvnen seines Tagesgeschäftes beschäftigt war. Da er sich, obschon überfallen, zur Wehr setzte und wiederholt um Hülfe schrie, hatten sie ihn mit einer Axt erschlagen. Hierauf hatten sie eine Plünderung vornehmen wollen, die aber bei der Festigkeit der Schränke und Kisten, zu welchen Wolf die Schlüssel stets an einem Versteck aufbewahrte, einige Zeit erforderte. Durch das Klopfen des Wächters; das Oeffneuder Hausthüre, das Hereintreten in das Haus wurden sie nicht allein gestört, sondern nahmen, sich mit dem Raube der nächsten Gegenstände begnügend; eiligst die Flucht durch das Fenster nach dem Garten, was sie bei der Niedrigkeit des unteren Stockwerks leicht bewerkstelligen konnten. Alles dies ergab sich aus den. sofort Angestellten Nachforschungen —denn der Mörder selbst wurde man nicht habhaft; ihr Rückzug über den Fluß deckte sie. - Auch den furchtbaren Schmerz der braven Bella wollen wir nicht beschreiben. Hatte das, was sie über ihren Vater aus dem Munde ihrer Freundin erfuhr, die Achtung vor demselben in ihr gemindert, so löschte dies sein trauriges: Ende schnell aus.--1 Sie überredete sich, daß ihr Vater auf ihr Bitten jedenfalls nachgegeben und sich gegen Bär billig gezeigt haben würde. Bald war sie hiervon so fest, überzeugt, daß das Andenkenihres Vaters ihrem Herzen wieder geheiligt war. Ihren Mann rief sie von seiner Reise zurück, und beide Gatten waren nicht wenig von dem Umfange der Hinterlassenschaft des alten Geizhalses überrascht. Um so schmerzlicher, war ihnen der Gedanke, daß er sich und sie bei solchem Reichthum harten Entbehrungen ausgesetzt hatte. Sie zürnten ihm nicht darob,, aber sie bedauerten ihn. Da das ganze Vermögen Bella züfiel, so setzte ihr Mann ihr nichts in den Weg, als sie beschloß, gegen die Retterin Ares Kindes die größte Freigebigkeit zu üben./, Wch^ Elisa erwies mit aller Offenheit ihre Freude, dem jähen Sturze ihres Hauses abgehylfen zu sehen, und nur der eine Gedanke drückte sie, ochf welche Weise man ihrem Vater, ohne seinen Stolz zu kränken., beibringen könnte., daß dem drohenden Verderben durch die Hand der Vorsehung abgehol^n sei. Aber diese Verlegenheit dauerte nicht lange, und sollte einem, neuen Schmerze weichen. Bär war dem zerstörenden Eindrücke jenes Begegniffes mit Wolf an der Pforte seines Hauses und der nie von ihm weichenden Angst und Sorge erlegen, und man fand ihn am Morgen der folgenden Nacht todt m seinem Bette, durch einen Schlagfluß schnell seinem schweren Leid entzogen. Die beiden Feinde fanden neben einander ihre Ruhestätten auf dem Friedhofe. Dennoch war der Himmel der Zukunft der beiden Frauen noch nicht ohne Wolken. Elisa gab zwar gern einer freundlichen Behandlung in ihren Angelegenheiten Raum; aber sie wollte dochnicht von der Freundin ernährt und erhalten , sein, Sie stand nicht an, di? Schuldscheine zurückzunehmen, , da sie ja ganz außer Stände war, sie zy bezahlen; aber sie gab nicht zu daß die Hypotheken gelöscht würden, und statt der Zinsen beredete sie Bella, die unteren Räume des großen Hanfes zu beziehen, während sie im oberen Stockwerke noch überflüssigen Platz hatte und sich.sogar vornahm, auch' hiervyy/hen größeren Theil zuvermietheN. Aber woppn leben,, und ihre beiden Kinder so erziehen,, wie sie, es wünschte? Dies war die schwer zu lösende'Frage.

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