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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-04-23 · Heft 17 (23.4.1872) · p. Seite 339

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 17 (23.4.1872)
Date
1872-04-23
Page
Seite 339 (sequence 17)
Language
German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 17. Leipzig, de» 23. April 1872. Auch eine Ghettogeschichte. (Schluß.) So hatte sich Wolf bald wieder gefaßt und ging seines Weges, fast froh, da er den Ausweg gefunden zu haben glaubte. Man kann sich übrigens denken, wie weit wohl die Vorsätze dieses Mannes, die Tochter und Enkel Bars im Nothfalle zu unterstützen, reichten, da er bei seinem bereits sehr großen Vermögen es nicht über sich vermochte, seinen eigenen Kindern etwas zukommen zu lassen, was sie über die Gränze äußerster Sparsamkeit, ja fast Aermlichkeit hinwegheben konnte! Sein Schwiegersohn war übrigens auf längere Zeit abwesend, da er als Mäkler für einen größeren Viehhändler im Lande umherreiste. Anders erging es Bär, der von Tag zu Tag mehr abfiel, immer gebrochener seine Gestalt, immer starrer sein Blick, immer vergrämter sein Antlitz. Seine Tochter Elisa bemerkte dies wohl und drang immer stärker in ihn, ihr die Ursachen seines Kummers zu offenbaren. Sie zeigte ihm, daß ihre Angst und ihr Kummer nicht größer, vielleicht mäßiger werden konnte, wenn sie die Ursachen kennte. Lange vergebens. Der eitle Stolz Bärs wollte ihn selbst in den Augen seiner Tochter nicht als verarmt erscheinen lasten, während er doch nie gezögert hatte, die unbeschränktesten Opfer für sie zu bringen. Er wies sie ab und suchte zu läugnen, sich unbefangen zu stellen, was ihm so wenig glückte, daß er schließlich in einen Strom von Thranen ausbrach. Da war denn die Schranke niedergefallen, und in der über ihn gekommenen weichen Stimmung theilte er Elisa alles mit. Diese sah sich, ven Greis und ihre Kinder dicht am bodenlosen Abgrund, und zwar schon im Herabgleiten begriffen. Es war dies zu der Zeit, wo das Kind der Frau Bella bereits wieder auf dem Wege der Besserung war und am nächsten Tage nach dem Hause seiner Aeltern zurückgebracht werden sollte. Man wird es natürlich finden, baß zwischen den beiden Frauen eine herzliche Annäherung stattgefünven hatte, die auch freudig von Elisa gefördert worden war, da sie in der Frau des armen Maklers mehr geistige Bildung fand, als sie vorausgesetzt hatte. Um so mehr fühlte sie sich erbittert, als sie aus dem Munde ihres Vaters die abscheuliche Verfolgung erfuhr, der ihn Wolf aussetzte, und augenblicklich vermeinte sie, auch Bella müßte darum wissen, und jedenfalls hätte nach dem Vorgefallenen der alte Wolf doch einige Schritte zur Ausgleichung thun müssen. Verzweiflung im Herzen und sich dieser hingebend, zog sie sich in ihr Zimmer zurück und verbot ihrem Mädchen, Bella zu ihr zu lasten, wenn sie käme. Diese aber, als sie in das Haus getreten und Elisa nicht an ihrem gewohnten Platze im Zimmer des kranken Kindes traf, auch aus dem ihr vertraut gewordenen Mädchen herauslöckte, daß es nicht Unwohlsein sei, was ihre Herrin fern hielte, ließ sich in ihrer Besorgniß nicht abhalten, in Elisa's Gemach einzutreten. Sie wies sie kalt und stolz ab, und verbat sich jede fernere Verbindung mit ihr. Dies brachte wiederum Bella zu einem Erguß von Thränen und zu dem unabweislichen Verlangen, ja zu der ungestümen Forderung, zu erfahren, was ihr den Zorn ihrer hochgeehrten Freundin zugezogen habe. Elisa sah bald ein, daß Diefl Frau ganz unschuldig sei und von nichts wisse. Da lag dann der Gedanke nahe, daß dieselbe vielleicht eine Linderung ihres grausamen Geschicks bewirken könne, und wir wissen ja, daß Elisa durchaus nicht die Eitelkeit ihres Vaters theilte und gern bereit war, jedes ehrbare Mittel zu ergreifen, um aus der falschen verderblichen Stellung herauszukommen, die der Hochmüth des Vaters sich und ihr bereitet hatte. Sie theilte also Bella alles mit. Diese wurde dadurch'in ebenso viel Erstaunen wie Schrecken versetzt. Sie wurde mit einem Male über den Reichthum und über die niedrige Leidenschaft ihres Vaters aufgeklärt, denn sie hatte ja keine Ahnung davon gehabt, daß beide so ausgedehnt wären. Sie beschloß, alle Mittel anzuwenden, ihres Vaters Sinn milder zu stimmen und zu einer Versöhnung mit Bär zu bewegen, und wollte hierzu zunächst die Rückkehr ihres geretteten Kindes in sein älterliches Haus benutzen. Hieran wollte sie sofort die Hand legen und ihr Kind noch selbigen . Tages unter Beobachtung möglichster Vorsichtsmaßregeln nach Hause bringen. Es war schon 'spät Abends gewesen, als sie nach dem Hause Bärs gekommen war, denn sie wollte eben die Nacht bei ihrem Kinde zubringen, so daß sie zuvor "ihre beiden anderen Kinder hatte besorgen und

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