Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1872)
- Date
- 1872-04-23
- Page
- Seite 331 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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- Mohel 2× ep/1006163
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Nihilismus einen verhältnißmäßig fruchtbaren Boden gefunden hat. Um für oben geschilderten Zustand einen Beleg zu geben, lassen Sie mich einen Vorfall, der vor einiger Zeit sich hier ereignete, kurz erzählen. Ein Ehepaar, dessen weibliche Hälfte bei dem Prediger des Tempels zum Judenthume üLergetreten war, erhielt ein Söhnchen. Da verbot der Rabbiner der orthodoxen Gemeinde den hiesigen Mohelim, die Beschneidung an ihm zu vollziehen, und diese gehorchten. Vergebens wurde durch unverdächtiges Zeugniß erwiesen , daß der Uebertritt' nach den rituellen Vorschriften, z. B. auch mit dem Proselytenbade, vollzogen worden: der Rabbiner Stern blieb bei seinem Erlasse, und die Mohelim gehorchten ihm. Jeder Sachverständige weiß, daß dieses Verfahren durchaus nicht genau nach den talmudischen Vorschriften ist, daß vielmehr aus diesen selbst das Gegentheil sich erweisen. läßt. Ein auswärtiger, sonst streng gewissenhafter Mohel vollzog daher die Ceremonie. Die Motive des Rabbiners Stern sind unschwer zu finden. Verketzerung und Bann werden von solchen Herrn geübt, wo sie es nur vermögen, und sie zeigen uns, wohin wir auch mit unserem Judenthume gerathen würden, wenn diese Leute, die Herrschaft hätten. Von weiteren Folgen war die Geschichte eben nicht. Lachen erregte es aber, als man in einem Blatte, das sich als das der Mittel- Partei gerirt, las, daß nunmehr jener auswärtige Mohel gestorben sei. Ohne es geradezu herauszusagen,' wollte man den Lesern insinuiren, daß diesen Mohel in Folge jener Beschtteidung der Tod als Strafe des Himmels erreicht habe. Königsberg, 5. Aprll. vr. Kosch hat, der„Kön. H. Ztg" zufolge, ein Vermögen von 130,000 Thlrn. hinterlasfen, dessen größte Hälfte er zu 64 verschiedenen Legaten verwendet hat; darunter befindet sich eins von 5000 Thlrn., welches der königsberger Universität als ein Stipendium für zwei Studirende zufällt. Durch die andern Legate sind die verschiedenen in Königsberg bestehenden, wohlthätig wirkenden Vereine bedacht worden. Den Rest von 60,000 Thlrn. hat vr. Kosch für eine Stiftung „Zur Unterbringung jüdischer Waisen in Familien" vermacht. Der Erblasser hat bei der letztem Festsetzung wohl an die Wohlthat gedacht, die er zu der Zeit genoß, als er, arm und verlassen, von wohlwollenden edlen Menschen ausgenommen und unterstützt wurde. Königsberg, 9. April. (Privätmitth.) Die an der Spitze des Abendblattes der königsberger hartungschen Zeitung vom 28. v. Mts. enthaltene Trauernachricht von dem Tags zuvor erfolgten Ableben des Abgeordneten vr. Kosch rief in allen Schichten der hiesigen Bevölkerung eine tiefe Bestürzung hervor; hatte man' sich doch an die kurz vorher erschienene Nachricht von einer angeblich eingetretenen Besserung wie an einen Hoffnungsanker geklammert, und Königsberg empfand nun, daß es in Kosch einen seiner besten 'Bürger, einen Mann, der in rein menschlicher und sittlicher Beziehung eine hervorragende Stellung eingenommen, insbesondere aber in die Geschichte der politischen Entwickelung seiner Heimath seinen Namen mit festen Zügen eingezeichnet hatte, verloren habe. Vor allen anderen aber war es die hiesige Synagogengemeinde, in deren Repräsentantencollegium der Verstorbene seit der Constituirung der Gemeinde den Vorsitz geführt hatte, die von dem erlittenen Verluste nicht nur bewegt, sondern tief erschüttert erschien, und die Gesammtgemeinde konnte als die trauernde Familie des Verstorbenen gelten; war doch Kosch Jude und hing an dem Glauben seiner Väter mit voller Innigkeit, ja mit einem gewissen Stolze, wenn er auch hierbei völlig vorurtheilsfrei dachte und für die in den letzten Jahren auch in hiesiger Synagoge eingetretenen Reformen als zeitgemäß mit seinem ganzen Einfluß und Ansehen eintrat. Nachdem der Vorstand der berliner Gemeinde zu Ehren des Verstorbenen am 31. März einen Trauergottesdienst veranstaltet und hiermit dem Schmerze Ausdruck gegeben hatte, den die ganze preußische Judenheit über den Verlust Kosch's, des eifrigsten Vorkämpfers für ihre Rechte und ihre Ehre, empfindet, gelangte die Leiche am 1. April Abends S Uhr hier an. Eine unzählige Menschenmenge harrte der Ankunft, darunter die Mitglieder des Gemeindevorstandes, der. Repräsentantenversammlung und die näheren Freunde des Verblichenen. In einem vierspännigen Leichenwagen, begleitet von einer Anzahl jüngerer Leute mit Stocklaternen, gefolgt von einer unabsehbaren Menge, wurde die Hülle des Verstorbenen nach seiner Wohnung gebracht. Donnerstag den 4. April, Vormittags 10 Uhr, fand der Trauergottesdienst in der überfüllten Synagoge statt. Derselbe begann mit einem deutschen Liede unter Orgelbegleitung : „Ach, des Lebens Blüthen