Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1872)
- Date
- 1872-04-16
- Page
- Seite 321 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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nicht auf die Personen unk hirN sich alle Zeit in seinem Zimmer, das er kaum noch verließ. Es schien ihm, als wenn nur noch ein dünner- Schleierzwischen dev Welt und seinen Geheimniffew vorhanden sei, durch den sich bereits alle Augen aus ihn und'seine Schande bohrten; Unterdeßsaß aberauch Wolf in seiner Kammer in tiefes Nachdenken versunken. Da sah es freilich nicht sv behaglich wiebei Daraus, wo selbst vie Ueberbleibsel früheren Reichthums noch Glanz genug verbreiteten. Dies kümmerte aber den alten Mann nicht, da er wußte, welchesoliden Reichthümer in seinen Schränken und Kisten verborgen lagen. Dieheldenmüthige That der Tochter seines Feindes, ihre fortwährende Barmherzigkeit, die sie mit so vieler Anmuth an seiner Tochter und seinem Enkelchen übte, machten ihn betroffen. Er wußte, daß er ihr nicht blos das Leben seines Enkels, sondern wahrscheinliche auch das seiner Tochter zu verdanken habe, dieden Tod ihres Kindes kaum überlebt -hätte- , oder doch einem solchen Jammer verfallen sein würde, daß diesem vielleicht der Tod vorzuziehen gewesen wäre. Diesen Gedanken konnte er sich nicht verschließen, und die Frage an sich selbst nicht abwehren, ob er jetzt den Weg, den er gegen Bär mit so-vieler Siegesgewiffenheit eingefchlagen hattenoch verfolgen dürfe? Es war ein harter Kampf, den der ergraute Sünder zu bestehen hatte. Wird er den Sieg erfechten? All das mühsame Werk, das er unternommen hatteum bis zu diesem Punkte zu gelangen, trat ihm vor die Seele; all der Haß quoll in ihm auf, den er gegen seinen Beleidiger so lange Jahre gehegt - hatte und dem er sich auch jetzt nicht entwinden konnte. Alles das sollte jetzt umsonst sein, alles sollte er ausgeben, aller Befriedigung, die er im Voraus schon gekostet hatte, entsagen...undwarum? was hatte Bär für einen Antheil an der Rettung des Kindes? Er hakte sich gar nicht darum gekümmert, er wußte kaum davon. Gegen ihn hatte niemand Verbindlichkeit, nur gegen seine Tochter-. Und hatte dieses Kind, das der Zufall ins Waffer geschleudert und "der Zufall die Tochter seines Feindes retten ließ, so viel Anrecht an den Großvater, ihn nicht blos zum Aufgeben seiner Rache, sondern auch zum Verlust eines großen Theiles seines Vermögens zu zwingen? Dieser Gedanke stieg jetzt riesengroß und alles überwindend in der Seele Wolfs auf. Wenn er die Verfolgung Bärs" aufgeben wollte, so konnte er weder die Hypotheken noch die Schuldscheine desselben gellend machen, er durfte sich durch den Verkauf des Hauses nicht bezahlt machen. Das wür zu viel für ihn. So viel galten ihm Kind und Enkel nicht. Einen Ausweg fand er bald, denn darin ist der Mensch sehr erfindungsreich. Gegen wen war er verpflichtet? Gegen die Tockter Bärs. Wohl, so konnte er Men diese eine mäßige Vergeltung üben, und er nahm sich daher-vm; wenn die Katastrophe eingetreten, die Tochter Bärs und ihre Kinder vor Noth und Entbehrung zu schützen. Er fühlte sich in die Rolle eines Wohlchäters derselben so hinein, daß ihm, was er dem Vater anthun wollte, wie güv nichts: dagegen vrschiew, Mb-er selbftfchVÜ-ftrÄtzGroßb MNthbewunderte; Der- Sch§üß war , daß tzvdie Süchd ganz ßo weiter führÄr wolltewie er sie entw'ürfeNhätte. (Schluß-folgt). Einige gute Worte. In einer Kritik, abgedruckt in einer neulichen Nummer der Augsburger „Allg. Zeitung", finden wir folgende zutreffende Sätze: „Esist allerdings ein gemeinsstchtzt Fehler unserer Zeit: wir veröffentlichen zu viel. Äie jedes werthlose Bruchstück aus dem Mittelalter, das bisher ruhig und zufrieden in irgend einer Handschrift schlummerte, nun an's Tageslicht hervorgezogen.-, wird, obwohles unsere Kenntnisse nicht bereichert,' unserem Schönheitssinn kein Genüge leistet und oft nur eitt neues Beispiel von Unreife im Denken und Unfähigkeit im Ausdruck, gewährt, die wir schon aus anderen Producten genugsam erkannt haben, so erstreckt sich der Veröffentlichungsdrang auch auf andere Perioden: ein jedes Wttchen,, daß sich, aus früheren Zeitm ^hM.y hat, scheint dadurch, daß es Noch utiaedrückt P, vis-Berechtigung zu besitzen-, voraller' Aügen hiNMreten." *) Es läßt sich diese Mahnung auch auf den Abdruck von. Handschriften aus der jüdischen Literatur anwtNden. So wichtig eS ist, jedes wirklich bedeutsame Geistessrzeugniß auchdes Mittelalters durch den Druck zugänglich zu machen, soerhält es diese Bedeutung doch nicht durch die bloße Existenz als mittelalterliches Product üilv als Handschrift Bei den im ganzen kärglichen Mitteln, die zu solchen Veröffentlichungen zu Gebote stehsN, ist sorgfältige Prüfung über den Werth doppelte Pflicht. lieber Tradition nyd traditionelle Erklärung sagte jüngst Professor Spiegel in sinem^ Aufsatze -/Zur Erklärung des Avesta" (Zeitschrift der deutschen mor'genländ. Gesellschaft, B: 25. Heft 3.): „Auch ich habe jederzeit anerkannt, daß die Tradiüon irren kann und geirrt hat, daß wir sie daher untersuchen und sie aufgeben müssen, wo sie nachweislich falsch ist: Wir wollen uns aber auch nicht terrvrisiren lassen. Wenn es erlaubt ist zn finden, daß die Tradiüon geirrt hüt, *) -Dem Schreibt obigerZeilen ist das MSprotzuv VHegnet, daß er trotz seiner eigenen Mahnung in einer mehrere Spalten füllenden Recension ein in Berlin - vor kurzem erschienenes Büchelchen, dem er selbst jeden Werth absprechen muß, kritisirt. Die kleine Schrift: ,-VeMWe G' BM§tz». eM Tqgebffch ans ftüherer Zeit" rührt von einer öerünst Jüdin aus der Zeit der Rahel, Henriette Herz, der Töchter Mendelssohns u. s. w. her, welchen die Verfasserin eine Nebenbuhlerin sein wollte, aber nicht über die simple Mittelmäßigkeit hinansgekommen ist. Diese Tagebuchblätter enthalten nach keiner Rrchtung hin irgend ettvas interessantes.