Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1872)
- Date
- 1872-04-16
- Page
- Seite 305 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3226852-3226869--30514-3253394- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Facukat, ins Leben treten und feierlich eröffnet werden. Es waltet hierbei die Ansicht vor, daß es. an der Zeit sei, - die Idee dieser Anstalt endlich zu verwirklichen und die bereits vorhandenen Geldmittel in Anwendung zu bringen. Bei der. Neuheit des Instituts und bei der noch vorhandenen Beschränktheit der Geldmittel kann die Anstalt bei der Eröffnung zwar als fest begründet, jedoch noch in einem provisorischen Zustand befindlich angesehen werden. Dies muß bei der Beurtheilung der bis jetzt getroffenen Maßnahmen nicht übersehen werden. Es konnten noch nicht alle nothwendigen Fächer mit: Lehrern besetzt - - es konnte namentlich noch nicht ganz der Gedanke ausgeführt werden, für alle: im Iudenthume jetzt vorhandenen Standpuncte das Gleichmaß in den Lectionen herzustellen. Die angekündigten Vorlesungen, in sorgfältigster Berathung durch den Lehrkörper ausgewählt, sind daher als die Anfänge eines geordneten Lehrplanes anzusehen, und es wird in ihnen genug geboten, um zahl? reichen Schülern den erwünschten Lehrstoff und Lehrgang zu verschaffen. Genug, es ist das Fundament einer Anstalt gelegt, : welche die Wissenschaftliche Entwickelung des : Judenthums und die wissenschaftliche Bildung seiner zukünftigen Lehrer in einem hohen Grade zu befördern im Stande ist, und somit den Bedürfnissen und Wünschen entspricht, welche so lange Zeit besprochen, aber noch nicht bethätigt worden sind. Dem für das talmudische Fach-gewonnenen Lehrer, Herrn Dr. Israel Levh, geht der Ruf eines ebenso gründlichen Talmudgelehrten als streng, religiösen und dabei milden und bescheidenen Charakters voran, und wir dürfen von ihm eine sehr ersprießliche Wirksamkeit erhoffen. Berlin, 7. April. (Privatm.) Die Anerkennung, die dem edlen Charakter, den Tugenden des verstorbenen 'Dr. Kosch mehr noch als seinen Geistesgaben in den weitesten Kreisen geworden ist, muß uns eine hohe Befriedigung gewähren, wenn eine solche bei einem derartigen Verluste möglich isr Er war auch wieder einer jener Männer, wie Mendelssohn, David Friedländer , Gabriel Riesser und , andere, die nicht allein in direkter Weise und durch ihre Intelligenz dem jüdischen Stamme Ehre brachten, sondern ebenso sehr durch ihren Charakter,; ihren 'sittlichen: und socialen Wandel jenen Vorurtheilen entgegenwirkten, welche in« letzterer - Beziehung noch auf uns lasten, , und die aus dem Wege zu räumen nicht immer die dazunothwendige Haltung bewahrt wird. Sehr bemerkenswerth und deshalb dem Strome der Vergessenheit für uns zu entziehen ist ein Artikel in der „Voss. Zeit." vom Z. April, verfaßt von dem bekannten Abgeordneten Ziegler (früherem Bürgermeister von .Brandenburg). Entnehmen wir demselben die bedeutendsten Stellen. „Zwei der hervorragendsten, begabtesten Mitglieder unserer Reichs- und Landesvertretung, beide von allen Parteien hochgeachtet und als reine Charaktere verehrt, sind innerhalb/eines Jahres aus diesem Leben geschieden. „Twesten, der voranging, war der Sohn eines Oberconsistorialraths, Dr. Kosch, der ihm vor einigen Tagen folgte, war Israelit. „Die Todtenfeier beider Männer war geeignet, jeden auf's innigste/zu/berühren,- der aus der. Vergangenheit den .Maßstab für die Gegenwart zu nehmen und daraus auf die Zukunft und. ihre Aufgaben zu schließen vermag. - , „An der Leiche Twestens sprach und erschütterte die Versammlung der Israelit Abgeordnete Lasker, am Sarge von Kosch der Christ Abgeordnete Löwe-Calbe, und zwar letzterer vor der um die Leiche von Kosch in ihrem neuen prächtigen -Gotteshause versammelten jüdischen Gemeinde und den hinzugetretenen Gästen. „Am Ostermorgen 11 Uhr war der mächtige berliner Tempel bis auf den letzten Platz gefüllt. - „Die Feier hatte auf alle Anwesende einen 'erhebenden beruhigenden Eindruck gemacht, aber sie wird nicht verfehlen auch auf die nächsten Fragen der, Gegenwart Einfluß zu üben. „Wer ein oder gar ein paar Menschenalter zurückzudenken vermag, der muß auf's innigste bewegt sein, daß Jude und Christ einander begraben und an den Särgen derer sprechen, die damals noch religiös sich mißachteten und verfolgten. Die humane Bildung der Zeit fordert ihre Rechte und beginnt bereits ihre Früchte zu sammeln, sowohl auf politischem als religiösem Gebiete. Vor dem Sarge des Mitkämpfers saßen zum Theil die Trümmer einer alten Zeit, theils eine neue streitbare Männerschaar , freilich nur aus denen bestehend welche , da der Landtag auf Ferien ist, in Berlin heimisch - sind. Birchow, Lasker, Duncker, von Rönne, Eberth,, von Hennig, Richter aus dem Hause, Blöhm, Pilacki,- alte Collegen von. Kosch, saßen vor der Leiche; Männer der öffentlichen Wirksamkeit, Oppenheim-