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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-04-09 · Heft 15 (9.4.1872) · p. Seite 292

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 15 (9.4.1872)
Date
1872-04-09
Page
Seite 292 (sequence 8)
Language
German
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schaden sollte; wir thun es vielmehr aus jüdischem Patriotismus, weil es uns ein schmerzlicher Gedanke ist, eine Anzahl jüdischer Familien aus ihren Wohnsitzen politischer Gefühle wegen auswandern zu sehen, da in der Regel eine solche Auswanderung nicht blos mit den schmerzlichsten Empfindungen, sondern auch mit materiellen Verlusten und schweren Enttäuschungen verbunden ist. Als während des letzten Krieges die polnischen Familien und darunter auch jüdische aus Metz verwiesen werden sollten, wandten wir mit einflußreichen Männern uns an die deutsche Regierung, um den Beschluß rückgängig zu machen, was auch gelang. Es geschah dies nicht aus deutschem Patriotismus, dem vielleicht die Entfernung der Polen aus einer Stadt wie Metz während des Krieges angemessen geschienen hätte , sondern ' aus menschlichem und jüdischem Interesse. Dies begreift vielleicht Herr Lambert in Metz nicht, doch kann ihm die Redaction der Arch. isr. eine Vorlesung darüber halten. Die ebenso begründeten jüngsten Nachrichten über den Zustand mancher ausgewanderter Elsässer und ihre Rückkehr bestätigen uns in diesen Ansichten, die jedoch niemandem seine Freiheit in irgend welcher Weise beschränken wollen. Wer gehen will, der gehe schließlich, weder Metz noch Straßburg wird dadurch veröden. Wenn z. B. das Sitzols m diesen Tagen gestand , daß in Straßburg jetzt eine Universität gegründet worden sei, wie in ganz Frankreich kein ebenbürtiges wissenschaftliches Institut zu finden sei — es sind dies die eigenen Worte des Liöels — so hatte es wohl einigen der ausgewanderten jüdischen Familien gut gethan, ihre Kinder so erziehen zu lassen, daß sie die Segnungen einer solchen Anstalt hätten genießen können, was bekanntlich einem großen Theile unserer elsässischen Glaubensgenossen noch zu wünschen wäre! Doch kommen wir zur gedachten Correspondenz zurück. Sie übersendet der Redaction der Arch. isr. .eine Liste pon 75 Familien , die schon aus Metz nach Frankreich gegangen seien, eine dreifache Anzahl werde Metz vor dem 1. October verlassen, und doppelt soviel junge Israeliten , als jene 75 Familien, aber nicht zu diesengehörig , habe ebenfalls schon Metz verlassen. Nun, die Ursache^ weshalb; die jungen Leute Elsaß verlassen, ist bekannt. Uebrigens ziehen bereits deutsche jüdische Familien nach Metz, und so wird-die dortige Gemeinde ebenso wenig wie die in Straßburg dadurch in ihrer Existenz bedroht. Diese Auswanderung einen Exodus zu nennen, scheint uns jedoch auch nach diesen Zahlenangaben übertrieben. Paris, 27. März. Der „K. schreibt man: ,Me Thierssche Verwaltung selbst macht dem Klerus die größten Concessionen, wie der Umstand beweist, daß Eduard Metzer, welcher-Unterpräfect in Chätillon (6öte d'or) war, versetzt wurde, weil es dem Pfarrer der Stadt auffiel, daß er nicht in die Messe ging. Metzer war indeß ein ganz gottesfürchtiger Mann und blieb nur der Messe fern, weil er — Jude ist." (Herrn Thiers traut man zu, daß er wohl wußte, was er that.) Großbritannien. London, 27. März. Bekanntlich wird die Religionsfreiheit in Großbritannien anders verstanden als auf dem Continente und in Nordamerika. England hat noch eine Staatskirche, und noch immer wird hier gearbeitet und gestritten , um die Reste entschiedener Unduldsamkeit und Abschließung der Kirchen und Secten gegen einander, wie sie in Gesetzen und Einrichtungen noch übrig sind, zu beseitigen. Welche Hindernisse hierin gerade die brittschen Universitäten boten , ist bekannt, wie nicht minder , welche Umwälzungen in Irland ausgeführt wurden, da man die anglikanische Kirche ihrer überaus drückenden Vorrechte als Staatskirche in einem zum größten Theile katholischen Lande entkleidete. In diesen Tagen ist man wieder um einen Schritt weiter gekommen; das Unterhaus nahm mit 94 gegen 21 Stimmen in zweiter Lesung die irische Universitätsbill an, welche die Universitäten Irlands allen Religionen eröffnet, d. h. bei der Wahl der Docenten auf die Confesfion keine Rücksicht genommen haben will. Die Katholiken stimmten dagegen, weil sie in Irland eine rein katholische Universität haben wollen. Rußland. Petersburg, im März. Durch kaiserlichen Erlaß vom 23. Januar d. Ä. wird gestattet, daß diejenigen Juden, welche das technologische Institut in Petersburg absolvirt und die Jngenieurprüfung bestanden haben, im Staatsdienste angestellt werden dürfen. Es ist dies ein neuer wichtiger Schritt, den Rußland auf dem

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