Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 15 (9.4.1872)
- Date
- 1872-04-09
- Page
- Seite 291 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3226852-3226868--30499-3253378- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
im-Weißnähen und Kleidermachen unterrichtet wurden, von denen schon viele für sich thätig und darum erwerbsfähig sind. Außerdem erlernen mehrere von ihnen das Spitzenwaschen. Einer der gesuchtesten und ergiebigsten Erwerbszweige ist das Frisiren, in welchem 24 Mädchen unterrichtet wurden. Einige erlernten das Schirmnähen. , Der Verein, unterhält auch noch eine besondere Fortbildungsschule, in deren erster Abtheilung die Elementargegenstände unterrichtet, in deren zweiter Kindergärtnerinnen, Handelsschülerinnen u. s. w. vorgebildet werden., Für diese ist auch eine Bibliothek angelegt worden, welche bereits 904 Bände zählt. Einige Mädchen werden für Retouchiren, decorative Malerei und Fächermalen vorbereitet, und den begabtesten. wird der Eintritt in die Kunstgewerbeschule ermöglicht. 'Man hatte auch die Absicht, Telegraphistinnen und Schriftsetzerinnen auszubilden, aber bis jetzt hat sich kein Mädchen hierzu bewegen lassen. Wir haben dies etwas ausführlich dargestellt, um für ähnliche vorhandene oder sich bildende Vereine einen Fingerzeig zu geben. Die Einnahmen beliefen sich im Jahre 1871 auf 5348, die Ausgaben auf 4604 fl., so daß 744 fl. in Bestand blieb. Das Vereinsvermögen betrug erst 2803 fl. Unter den Schützlingen des Vereins, welche 1871 von ihm ausgenommen wurden, waren 50 Kleidermacherinnen, 14 Weißnäherinnen, 3 Maschinennäherinnen, 2 Schirmnäherinnen, 6 Modistinnen, 20 Friseurmnen, 3 Stubenmädchen, 2 Köchinnen, 6 Kindergärtnerinnen, 4 Handelsschülerinnen, 8 Zeichnerinnen und 7 , die nur die Fortbildungsschule besuchten, zusammen 126. Da in vielen dieser Zweige ein einjähriger Unterricht genügt, so ersieht man daraus , welcher großen Zahl weiblicher Individuen der Verein mit der Zeit einen selbstständigen Beruf und Erwerb verschafft. Bis jetzt bestand der Verein nur aus Damen; die Generalversammlung beschloß, fortan auch. HLrren gegen einen jährlichen Beitrag von mindestens 3 fl. aufzunehmen, um die Mittel des Vereins nachdrücklich zu vergrößern. Lemberg, 25. März. Die Freitagsnummer der in Lemberg in deutsch - jüdischem, Jargon und in hebräischer Schrift erscheinenden jüdischen Zeitung wurde von der k. k. Staatsanwaltschaft wegen eines Artikels, worin die galizischen Juden zu heftigem energischen Widerstande gegen die polnische Resolution und zu zahlreicher Betheiligung an den Protesten gegen dieselbe aufgefordert werden, confiscirt. Frankreich. Paris, 15. März. Weil Herr Crsmieux noch immer leidend ist, stellte sich in diesen Tagen der Großrabbiner Isidor Albert Cohn, Goldschwidt und Leopold Javal als Deputation der Alliance isr. univ. dem französischen Minister des Auswärtigen vor, um die Intervention der französischen Regierung wegen der jüngsten Judenverfolgungen in Ismail! u. s. w. zu erbitten. Herr von Remusard empfing die Deputation sehr wohlwollend und versprach seine Unterstützung. — In der bekannten Affaire Janvier de la Motte, welche soeben in Evreux abgeurtheilt wurde, führte unser Glaubensgenosse, Herr I. Felix, Rath am Gerichtshöfe zu Rouen, den Vorsitz bei dem Assisengerichte, und leitete mit einem bewunderungswürdigem Tacte diese schwierigen und dornigen Debatten. (Bekanntlich trägt dieser Vorsitzende nicht die Schuld, daß der verbrecherische Präfect freigesprochen wurde, und er sprach im Resum6 nachdrücklich das Bedauernaus, daß sich die Politik in diese Rechtssache gemischt habe.) — In Dijon, wo jetzt 300 Israeliten wohnen, hat der Magistrat einen schönen Bauplatz zur Errichtung einer Synagoge bestimmt, und einer größeren Straße, die dahin führt, den Namen „me de la Synagogue“ beigelegt. Dies erregt den Zorn der klerikalen Blätter in einem hohen Grade, und sie beschuldigen den Magistrat einer Hinneigung zum Judenthume, die einen noch weiteren Schritt zur Folge haben dürfte. — Eine Correspondenz der Aich. isr. hatte berichtet, daß so viele Juden Elsaß-Lothringen verließen, daß es wahrhaft ein „Exode" zu nennen sei. Exodus nennt man bekanntlich das 2. Buch Mosis vom „Auszuge aus Aegypten". „Exode" heißt also eine Volksauswanderung, und an einer solchen zweifelten wir doch noch etwas betreffs unserer elsässischen Glaubensgenossen, und meinten, dergleichen Behauptungen müßten mit Thatsachen belegt werden. Eine Correspondenz eines Herrn E. Lambert aus Metz will nun diese Thatsachen liefern. Wenn derselbe, bemerken wir im voraus, unsre Zweifel aus unserem deutsch en Patriotismus herleitet,, so irrt er, wenn wir wüßten nicht, was die Entfernung einiger Hundert Israeliten Deutschland