Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1872)
- Date
- 1872-04-02
- Page
- Seite 283 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Schuldscheine, zusammen auf 1827 TM 16 Sgr. 3 Pf., sämmtlich von Euch ausgestellt und in der nächsten Zeit fällig. Wenn ich dieses Haus an mich bringe, so kann ich es mit all den kostbaren Dingen wieder aüsstaffiren, die früher darin waren , denn Eure Bilder, Schränke, Spiegel und all dergleichen, die Ihr verkauft habt, stehen dort in dem kleinen verfallenen Häuschen, das mir gehört.. Wie gesagt, noch drei Monate gebe ich Euch Zeit, und wenn Ihr bis dahin nicht die Hypothek gelöscht, die Zinsen bezahlt, die Schuldscheine eingelöst habt: so kommt der Tag, an welchem ich in dieses Haus hinein und Ihr heraus gehen werdet." Bär zitterte am ganzen Leibe; er lehnte sich an die Pfoste des Hauses, es schwindelte ihm und er fürchtete jeden Augenblick niederzusinken, einer Antwort war er nicht fähig. Sein unerbittlicher Gegner hob noch einmal an: „Erinnert Euch des Sabbaths nach der Hochzeit unserer Kinder. An jenem Tage habt Ihr mich niedergetreten, und ich hatte Euch doch nie etwas zu Leide gethan. Seitdem habe ich mich aufgerichtet, und Ihr seid immer kleiner und kleiner geworden. Seht, es ist Gerechtigkeit in der Welt, und es steht jetzt in meiner Macht, Euch niederzutreten. Doch genug hier auf der Straße;. Ihr habt es nicht anders gewollt. Jetzt geht nur hinein, ich mag Euch nicht begleiten." Sprach es und ging seines.Weges. Wie Bär in sein Haus, in sein Zimmer, in seinen Lehnstuhl gekommen, wußte er selbst nicht. Er war gebrochen an Leib und Seele. (Fortsetzung folgt.) Eine Predigt in einer Judenmissionscapelle in London. Ein Correspondent der „D. R. Z." beschreibt dieselbe folgendermaßen: „Ich trat in die Capelle ein. Ich traue meinen Augen kaum! Ist dies eine Kirche? Einige Reihen alter Bänke stehen unregelmäßig herum, ein Tisch und ein Stuhl stehen dort auf einem erhöhten Platze, die Wände sind schmuzig wie der Fußboden, die Beleuchtung sehr spärlich. Nach und nach füllte sich -der Betsaal mit den Personen, denen ich draußen begegnet war; die Debatten wurden von. den Ankömmlingen auch hier noch fortgesetzt, und ich hatte wenig Hoffnung von der angekündigten Predigt etwas zu vernehmen. Schlag sieben Uhr trat der Geistliche 0?. S. ein, gefolgt von einer Cohorte, aus elegant gekleideten jungen Leuten bestehend, sämmtlich auf den ersten Blick hin als Juden zu erkennen. Dr. S., ein ächt englischer Reverend vom Scheitel bis zur Fußsohle schien mir kein Jude zu sein. Es wurde der 92. Psalm gesungen, derselbe, der auch in den jüdischen Gebethäusern am Freitag Abend zur Einweihung des Sabbaths gesungen wird. Feierliche Stille herrschte alsdannals Dr. die Predigt begann — The Power of Prayer — die Kraft des Gebetes. Er citirte in hebräischer Sprache den 11 Vers des l7.Capitels des Exodus und knüpfte hieran seine Betrachtungen. Er sprach fließend und eindringlich, kam aus die Messiasprophezeiungen, auf die Erfüllung derselben und endlich auf die Menschwerdung Gottes. Jetzt brach das Gepolter los; ein Schreien, Stampfen, Pochen, Fluchen, wie ich es nur einmal im Leben gehört in einer irischen Wahlversammlung zur Zeit der „irischen Kirchenfrage". Dr. S. blieb ruhig. Er ließ sein Publicum lärmen, wartete bis der Sturm vorüber war, setzte dann die Predigt fort und machte nur die Bemerkung, daß er bereit sei, nach dem Gottesdienste mit den „Herren" über die ihnen mißliebigen Puncte zu discutiren, wie dies ja schon im Programm gesagt sei. Damit schienen denn die anwesenden Hebräer einverstanden zu sein und der Gottesdienst verlief ohne weitere Störung. Schon dachte ich, daß das interessanteste vorbei sei, aber das beste kam zuletzt. Die Juden hatten bereits ihren Sprecher gewählt, und als Dr. S. sich bereit erklärte, die Discussion zu eröffnen, erhob sich derselbe und stellte seine Fragen. Es waren zunächst Fragen, die uns allen bekannt sind, die jeder Katechet in der Bibelstunde behandelt, auch schwierigere darunter, die Dr. S. alle beantwortete. So weit ging alles gut. Ich stand ganz nahe bei dem Sprecher. Plötzlich bemerkte ich, wie der Frager die Mundwinkel höher zog, mir den Augen zwinkerte — jetzt muß sein Hauptschlag kommen, sagte ich mir. Richtig, so war es. Er langte ein altes Testament hervor und griff die Satzungen desselben an, gestützt auf einzelne Widersprüche, die Vorkommen. Jetzt wird es lebhafter. Dr. S. kann, natürlich auch nicht lösen, was tausende von Theologen nicht vermochten. Die Juden fingen an ihn zu verhöhnen. Der Frager blieb ruhig und sagte: „Lassen wir diesen Punct fallen; sprechen wir über einzelne Stellen des neuen Testaments." Er erbat sich hierauf Aufklärung Über die Verse 11, 12 und 13 im 9. Capitel der Römerbriefe, über die Prädestination also; er läugnete diese auf Grund einzelner Stellen des alten Testaments ab, verdammte die Aussprüche der Rabbiner über die Vorherbestimmung u. s. f. Er hatte hiermit einen schwierigen Punct berührt. Dr. S., der natürlich nicht das in einigen Worten beweisen konnte, was Calvin in ganzen Büchern nicht aufzuklären vermochte, griff mit Recht (?) zu dem besten Mittel, den Frager loszuwerven: er nannte ihn, da er das alte Testament selbst angegriffen, einen Ungläubigen, einen Atheisten.- Es schien als ob bei diesen Worten der leibhaftige Gottseibeiuns in die ganze Sippschaft gefahren wäre. Sie drängte gegen den Geistlichen vor, Drohungen wurden laut, Fäuste empor gehoben, die lange schon in den Taschen geballt gewesen, und ich hatte schon Angst, der alte Mann würde gemißhändelt werden. Ich ward bald beruhigt, denn die jungen Leute, die mit ihm gekommen waren, halten sich um