Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1872)
- Date
- 1872-04-02
- Page
- Seite 284 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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ihn geschaart und schienen nicht imgeringsten gewillt, dem Greise ein Haar krümmen zu lassen. Ähre Fäuste und Zungen wacker gebrauchend, den Prediger in der Mitte, traten sie den i Rückzug an. Vor der Kirche stieg Dr. S. in eine Droschke und war bald in gehöriger Entfernung von. der erbosten Schaar. Der Lärm dauerte noch eine ziemliche Weile fort, und schmunzelnd bemerkte ein alter Jude: „So machen mer's allemol!" — Später, nachdem ich mehreren Meetings beigewohnt hatte , bemerkte ich, - daß sie Recht hatten und daß auch die Gegenpartei ihre Pläne vorbereitet hatte, ehe sie sich in Gefecht begab. —" Vermischtes. > AuS Neuhäusel berichtet daS„N. Wien. Tagbl.": Ein Christenmädchen, das bei einem hiesigen jüdischen Kaufmann längere Zeit im Diepste stand, wurde plötzlich vermißt; da die dortigen Juden gerade eine Synagoge bauen, war die Combination bald gefunden, die Juden hätten das Mädchen erschlagen, weil ohne Christenblut keine Synagoge gebaut werden könne. Dieses Ge-, rücht ging unter der christlichen Bevölkerung von Mund zu Mund, der Pöbel fing bereits an, eine drohende Haltung einzunehmen, und Schrecken verbreitete sich in Israel. In dieser Bestürzung eilte der Dienstgeber des Mädchens zum Stadtpfarrer und bat ihn im Namen feiner Glaubensgenossen, er möge in der Kirche das Volk belehren,, daß die Juden kein Christenblut brauchen, um auf diese Weise argen Exceffen. vorzubeugen. Gegen diese Zumu« thung sträubte sich jedoch der Herr Pfarrer gewaltig, ja, als der Kaufmann dem Pfarrer bemerkte, er werde ihn durch die Regierung dazu zwingen laffen, erhielt er die Antwort: „Dann werde ich in der Predigt hinzufügen, daß mich die Regierung gezwungen hat, diese Aeußerung zu machen." Noch am selben Tage aber wurde das Mädchen, das in der Zuckerfabrik des benachbarten Ortes Schurany Unterkunft suchte, von Panduren herbeigebracht. Sofort wurde die Trommel gerührt, und wie ein Herold mußte das Mädchen derselben vorangehen und ausrufen: „Ich bin das Mädchen, welches die Juden erschlagen haben." In der Umgegend von Kiew trug sich kürzlich folgendes ergötzliches Stückchen zu. Ein Bäuerchen des Dorfes L. kommt eines Feiertags in die Schenke und möchte gern ein Glas Branntwein haben, ohne sich jedoch des Besitzes der dazu nöthigen Moneten zu erfreuen. Er erbietet sich also dem jüdischen Schankwirthe gegenüber, sich für den Betrag durchhauen zu laffen, und der Wirth findet diesen - Vorschlag annehmbar. < Der Bauer erhielt seine doppelte Ration in Schnaps und Prügeln , und alle, am meisten die schon angeheiterten Gäste des Schankwirths, sind zufrieden. Zufällig erfährt der Priester diesen unwürdigen Vorfall und findet ihn doppelt strafbar, weil der Feiertag auf solche Weise entheiligt wurde. Man sendet nach dem Stanowoi und dieser findet den Vorfall außerdem noch für entehrend für die ganze Bauerngemeinde. Daher macht er, den Vorschlag, die'Angelegenheit vor das Wolostgericht zu bringen und der Vorschlag findet allgemeine Billigung. Das Gericht entscheidet nun: Obgleich der Vorfall als ein schlechter Witz dargestellt wird, ist er in der That doch mehr als das, er ist eine Erniedrigung der ganzen Bauernschaft; daher hat der Schänkjude zum Besten der Ortskirche, zu welcher der betreffende Bauer gehört, 15 Rubel, zum Besten der Kirche, in deren Sprenge! der Vdrfall stattfand, 10 Rbl. , und zum Besten der Localjudenschule 10 Rbl., im ganzen also 35 Rbl. zu zahlen. Damit aber der Spirituosenliebhaber ä tout prix künftig ein Bischen mehr auf sich selbst halte und des Vorfalls nicht so leicht vergeffe, wurde ihm noch eine Nachtragszahlung von 20 Ruthenhieben, .den Bauern aber, welche sich zu Executoren hergegeben hatten, eine Extravergütung für die gehabte Mühe von je 10 Ruthenhieben per Mann zuerkannt. Obwohl die Betreffenden auf derartige Folgen ihrer Feiertagsbelustigung kaum gefaßt sein mochten, machten sie doch gute Miene zum bösen Spiel, und soll von keiner Seite eine Appellation gegen diesen salomonischen Urtheilsspruch erfolgt sein. Wie das Unglück tolerant macht, davon gibt Chicago gegenwärtig ein sprechendes Beispiel. Eine Kirche der Presbyterianer wird abwechselnd von dieser und von einer Judengemeinde benutzt, eine Synagoge ist einer Congregation Unitarier zur Mitbenutzung überlassen worden, und auch ein Minstreltheater dient Sonntags als Gotteshaus._ Der berühmte italienische Patriot Mazzini führte bei seinem letzten Aufenthalte in Italien, wo er in Pisa starb, den Namen „Georg Braun-Rosselli, jüdischer Kaufmann", und verschied in dem Hause seines treuen Freundes Nathan, eines Israeliten, von dessen Frau bis zum letzten Athemzuge mit größter Hingebung gepflegt. Ueber diesen Freund Mazzini's, der auch seinem Sarge Lei der Beerdigung folgte, haben wir schon früher einiges in diesem Blatte berichtet. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. D. Hirfchfeld. Verantwortlicher Redaeteur Dr« £o$c.