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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-04-02 · Heft 14 (2.4.1872) · p. Seite 282

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 14 (2.4.1872)
Date
1872-04-02
Page
Seite 282 (sequence 20)
Language
German
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Wolf war immer geiziger geworden, je mehr sein Vermögen wuchs. Immer verfallener wurde sein Haus, immer erbärmlicher seine Kleidung^ und es Machte ihm keinen.Kummer, daß die Leute mit immer größerer Verachtung auf ihn blickten. Wenn er in dem wohlverwahrten Hinterzimmer seines Häusckens vor seinem Schranke und seiner geöffneten Geldkiste saß, wenn,er die Schuldbriefe, die Docuuchntß, die Hypotheken und Werthpapiere, so wie seine baarem Summen durchmusterte, wenn er in seinem, mit jüdischen Lettern, aber sehr sorgfältig geführten Buche seine Bilanz zog und diese zu immer größeren Zahlen ausfallen sah, dann legte sich ein-schmunzelndes Lächeln auf sein verwittertes Gesicht, in seinen stechenden Augen glühten Befriedigung und Stolz, und sein Herz war froh und glücklich. Ihm lag nichts daran, daß die Leute wußten, er sei der reichste Bewohner der Stadt, sondern er begnügte sich damit, wenn sie es wüßten! Sein Schwiegersohn und seine Tochter theilten seine Gesinnung nicht ganz; es waren schlichte, mäßige Leute, die gern für sich lebten, und redlich und einfach durch das Leben gehen wollten. Da sie nun ihren Vater herzlich liebten, wie auch er seine Kinder, so hatten sie sich bald mit ihm auseinander gesetzt. Sie bewohntendie Vorderstube und die Mansarde des Häuschens, betrieben ein kleines Geschäft, das sie nährte, waren mit einer sehr kleinen Summe zufrieden, die ihnen Wolf für feinen Unterhalt zahlte, und so gingen beide Parteien in größter Eintracht ihre Wege. Sobald Wolf die Unglücksfälle des Schwiegersohnes Bärs unddie Rückkehr von besten Tochter erfahren hatte, wußte er, daß jetzt seine Zeit gekommen, daß, wie er selbst zu sich sagte, der Tag der Vergeltung angebrochen sei. Er wußte wohl, welchen thörichten Weg Bär einschlagen würde, und darauf berechnete er seinen Plan. Es ward ihm nicht schwer, die Schritte deffen, den er sich zum Opfer ausgewählt hatte, zu erspähen, und ihn mit Mittelspersonen zu umgeben , durch welche er alles erfuhr und seine Absichten durchsetzen konnte. Die Hypotheken, die Bär aufnahm, wanderten in den Schrank Wolfs, die Schuldscheine, die jener ausstellte, nahmen denselben Platz ein, und das meiste, was Wolf verkaufte, kam auf Umwegen in die Hände Wolfs. Hier hatte Wolfs Geiz ein Ende, und selbst wenn er keinen Vortheil dabei ersah, wenn er manches als „todtes Capital" bei sich niederlegen mußte, so war >ihm dies gleichgiltig, wenn er nur darin einen Schritt weiter zum Verderben besten, den er haßte, erblickte. Es ging ihm ebenso wie seinem Gegner , nur in entgegengesetzter Richtung. Je mehr in diesem die Leidenschaft wuchs, alles zu opfern, um den Schein vor der Welt zu retten, desto leidenschaftlicher wurde Wolf, den Moment herbeizuführen , wo dieser künstliche und doch schon so durchsichtige Schleier zerreißen mußte. Sie waren Wild und Jäger, die sich eilends entgegenkamen, und dieser konnte schon fast vorausberechnen, wenn jenes in sein Garn gerathen würde. Wolf konnte jeden Augenblick einen schweren Schlag auf Bär führen, aber er hielt seine Hand zurück, bis dieser Schlag ein völlig verderblicher/ ein tödtlicher sein würde. Ja,, er unterstützte die Handlungsweise Bärs, kam deffen kleinen Entwürfen entgegen, um ihn ganz und allem in seine Hand zu bekommen und ihn in seinen Schritten zum Untergange zu befördern. - Wie oft blitzte sein Auge voll Hohnes beim Vorübergehen auf Bär, der es zur Aufrechthaltung seiner Würde für nöthwendig hielt, um so hochmüthiger in seiner Erscheinung sich zu geberden, und hierin wenigstens eine Befriedigung für die erdrückenden Qualen fand, die er auszustehen hatte. Das Trauerspiel nahte seinem Ende. Das Schlimmste für Bär war, daß er die Zinsen für die Hypothek auf seinem Hause nicht mehr aufbringen konnte. Sein thörichter Stolz gab es nicht zu, einen großen Theil desselben zu vermiethen , obschon er unbenutzt war und leer stand. So mußte er den Zins ganz allein tragen und alle seine Anstrengungen vermochten nicht mehr, ihn' aufzubringen. Dies hatte Wolf längst erwartet und wollte nunmehr die Maske fallen lasten. Er war seines Zieles gewiß, dachte aber durchaus nicht daran, der Sache sofort ein Ende zu machen: Bär sollte erst, schwer und lange seine Rache empfinden. Als der zweite Termin der Zinszahlung herangekommen war, begab er sich nach dem Hause Bärs. Er läutete, und das einzige Dienstmädchen, früher Amme des jüngsten Kindes, die noch im Hause vorhanden war, öffnete die Thüre. Sie hielt Wolf für einen Bettler und wies ihn ab. Er aber wurde dringend und wollte den Herrn sprechen. Er sei nicht zu Hause, war die Antwort, und eben wollte sie die Thüre wieder schließen, als Bär um die Ecke kam und zum Hause heranschritt. Er überblickte Wolf und fragte ihn mit scharfem Töne: „Was wollt Ihr hier?" „Ich will zu Euch und zwar in dringenden Geschäften." „Ich habe solche nicht mit Euch und will mit Euch nichts zu schaffen haben. Ich nehme keine Darlehen auf Wucherzins, und Ihr sollt nicht über diese Schwelle schreiten!" Bär trat schon die Röthe auf die Stirn bei dem Gedanken, die Leute möchten Wolf in sein Haus hineingehen sehen. „Nun, erwiederte dieser , was heute nicht ist , kann nächstens dennoch geschehen, und zwar ohne Erlaubniß, nämlich als Herr dieses Hauses." Bär erbleichte: „Was sagt Ihr? Wie versteht Ihr das?"... „Sehr einfach. Ich, der arme Wolf, habe die 3000 Thaler Hypothek auf des reichen Bär Haus in meinem Besitz, und heute ist das zweite Quartal, wo ich keine Zinsen erhalten. Ich gebe Euch noch ein ganzes Quartal Zeit, dann lasse ich Euer Haus fubhastiren. Ihr seht, ich bin nicht rächgierig, ich gebe Euch Frist, was ich nicht zu thun brauchte. Damit Ihr aber genau wißt, woran Ihr mit mir seid, seht da," und er holte einen Bündel Schriftstücke aus der Brusttasche; „hier sind 25

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