Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1872)
- Date
- 1872-04-02
- Page
- Seite 281 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226852-3226867--30488-3253366- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Feuilleton-Beilage M Nr. 14. Leipzig, dm 2. April 1872. Auch eine Ghettogeschichte. iFortsetzung aus 9. 10.) Von dieser Zeit an betrat Bär eine wahre Heldenlaufbahn. Vielleicht wäre er den niederschmetternden Schlägen, die ihn betroffen hatten, erlegen; aber der Gedanke, die Ehre seines Hauses vor den Menschen aufrecht erhalten zu müffen, die Besorgniß, seine Erniedrigung von ihnen erkannt zu sehen, flößten ihm einen Muth und eine Kraft ein, die ihn befähigten, den Kamps mit dem widrigen Geschick aufzunehmen und so weit wie möglich durchzuführen. Er glich von hier an einem Schwimmer, der, so oft ihn auch der rollende Strom Hinunterzureißen droht, immer wieder einen rettenden Gegenstand mit Geschick und Vorsicht zu ergreifen versteht, an welchem er seine erlöschende Kraft erneuert und sich oben erhält, um seine Tour zu verlängern. Anders freilich war seine Tochter Elisa gesinnt, die gern allen Prunk und äußeren Schein von sich gethan, in die bescheidenste Lage sich zurückgezogen und hier mit den geretteten letzten Mitteln, aber ruhig, ihrem Vater und ihren Kindern gelebt hätte. Die Sorgen, von denen sie die Stirn des geliebten Vaters umwölkt sah, und ihr Scharfblick sah ihm bis auf den Grund der Seele, so sehr er auch sie selbst darüber zu täuschen sich abmühte, drückten ihr das Herz ab. Doch Bär ließ in solchen Dingen keinen Einwand zu, und wurde bei der geringsten Vorstellung ihrerseits ärgerlich, ja leidenschaftlich. So mußte sie die Dinge schon gehen laffen, wenn sie auch fühlte, daß dieser Eitelkeit ihrer aller Glück geopfert, und eS zuletzt doch zu nichts helfen werde. Bär gab keine von seinen Gewohnheiten auft so weit sie nach außen gingen, während er sich willig im Innern seines Hauses den größten Entbehrungen unterzog. Seine Tochter und ihre Kinder mußten stets in möglichst reicher Kleidung sich sehen laffen; von seiner Dienerschaft entließ er nur ganz allmälig diesen und jenen, 'so weit eS kein Aufsehen erregen konnte; an seinem Hause mußte alles proper und glänzend erscheinen; wenn ^es noch so knapp bei ihm war, schaffte er Rath die gewohnten reichlichen Gaben an die Armen zum Oster¬ und Neujahrsfeste, zu Purim und anderen Veranlafsungen auszutheilen, und sich in der Synagoge so freigebig wie früher zu zeigen. Er wanderte jeden Tag wie vordem in das Viertel der Vornehmen, ließ sich dort auf den Straßen sehen und verbarg sich Stunden lang in Verstecken, um glauben zu machen, daß er in den Häusern des Adels noch immer so heimisch wäre wie früher. Die Trauer seiner Tochter, als bald darauf die Nachricht von dem Tode ihres Mannes, über dem ein geheimnißvolles Dunkel schwebte, eintraf, lieh ihm die willkommene Entschuldigung, keine Gesellschaften mehr zu geben. So bildete er sich ein , durch alle diese Künste und Kniffe seinen Ruf als reicher Mann im Publicum zu erhalten. Dabei wuchsen seine Verlegenheiten immer mehr. Er nahm heimlich Hypotheken auf sein Haus auf; er verkaufte unter der Hand die Edelsteine aus den hinterlaffenen Pretiosen seiner Frau und aus den noch geretteten Kostbarkeiten seiner Tochter, indem er in den letzteren die ächten durch falsche Steine ersetzen ließ. Endlich mußte er auch Hand an die Wände seines'Hauses legen und bald dieses, bald jenes Prachtstück aus demselben veräußern. Doch that er dies nie in N., sondern reiste damit nach einem Orte, wo er unbekannt zu sein glaubte, waS natürlich die Einnahmen dafür verringerte. Er konnte sich zuletzt auch nicht anders mehr helfen, als. daß er da, wo er irgend noch einen Rest von Credit besaß, kleine Darlehen aufnahm, welche oft wieder von den Zinsen verschlungen wurden, die er zu zahlen hatte. So verbrachte Bär die nächsten Jahre unter der doppelten Last,'Geld herbeizuschaffen, das doch zum großen Theile unnütze Msgegeben wurde, und die Welt über seine Lage und den immer fühlbarer« Mangel zu täuschen. Er wandelte eine abschüssige Höhe hinunter, wo auf jedem Schritte die Anstrengung, sich vor dem Hinuntergleiten zu wahren, erst recht das Gewicht seines Körpers vermehrte und ihn' zu Fehltritten veranlaßt, so daß er um so schneller'hinunterstürzte. Bär ahnte nicht, daß ein heimlicher Dämon um ihn beschäftigt war, alle seine Schritte zu erspähen und alle seine Bemühungen zu benutzen, um seinen vollständigen Sturz herbeizuführen. Dieser Dämon war. „tz'er arme Wolf", der jetzt die-Zeit gekommen glaubte, seinen lang - gehegten Rachedurst an „dem reichen Bär" zu befriedigen.