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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-04-02 · Heft 14 (2.4.1872) · p. Seite 265

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 14 (2.4.1872)
Date
1872-04-02
Page
Seite 265 (sequence 3)
Language
German
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und Zweckmäßigkeit als das Fundament., aller ^staatsrechtlichen Bestimmungen und Einrichtungen cmzüsehen. Religion ist ihm aber gleichbedeutend mit Arche/ Kirche mit römisch-katholisch, römisch-katholisch mit ultramoutan. Die Ultramontauen sind ihm daher die Träger und Vertheidiger des ersten Princips, der Liberalismus weiß nichts weiter als vas nützliche und zweckmäßige, er ordnet Religion, Sittlichkeit und Recht seinen Nützlichkeits- und Zweckmäßigkertsansichten unter, und jene sind ihm nur vage und allgemeine Begriffe., Der Herr Bischof selbst sagt, daß Religion, Sittlichkeit und Recht von einem „confessional-historischeu Standpuncte ausgehen" müffen <S. 6), und dieser ist ihm und kann ihm eben nur der seiuige sein. Man kann sich nun denken, welches Bild er vom Liberalismus entwirft, welche Wirkungen er ihm schreibt, und worin er das alleinige Heilmittel findet. Also, wenn wir wahre Religion erschauen wollen, müffen wir in die katholische Kirche, in ihre alten und neuen Dogttren, in ihren Gottesdienst und alles, was damit verbunden ist, hineinblicken! Wenn wir das wahre Recht erfassen wolle», so müffen wir Mm kanonischen Recht, -zu den Privilegien der Hierarchie, zum priesterlichen Gewissenszwang, zur Inquisition , zur Behandlung der Ketzer und Ungläubigen, wie sie die Kirchengeschichte lehrt, unsere Zuflucht nehmen! Von wem aber stammen die Persönliche Freiheit, deren die Individuen jetzt genießen, die Gleichberechtigung vor dem Gesetze, deren sich jetzt alle erfreuen, die constitutionelle Ordnung der Rechte der Regierung und des Volkes-, die Gewissensfreiheit, das Recht der Wiffenschast und des Unterrichts, und alle die ganz bestimmten Rechtsvorzüge , in denen zugleich die wahre sociale Sittlichkeit enthalten ist, welche jetzt der modernen Gesellschaft zu eigen sind, woher stammen sie? Wer hat sie verkündet und errungen? Der ultramontane Klerus oder der Liberalismus? Wer ist es, der das nützliche und zweckmäßige, natürlich nur für sich Mst, stets und überall im Auge hatte und hat? Dör uüramontane Klerus oder der Liberalismus, der es für alle erstrebt? Diese Fragen sind von der Geschichte und von der Gegenwart so entschieden beantwortet, daß es in der That der uWebuudensten Anmaßlichkeit bedars, »um die Antwort auch nur in Zweifel zu ziehen^ ja noch mehr, sie -im geraden Gegensatz zur Wahrheit zu . geben. Die Sophistereien des Herrn von Ketteler werden daher an der Sache nichts ärchern. Das wahrhaft zweckmäßige und Nützliche ist stets mit .wahrer Religion, mit Mttlichckeit und Recht identisch. Das ist der Grundsatz deS ächten Liberalismus. Beide können sich nicht von /einander trennen. Wenn eius von beide» etwas anderes aufstellt, so ist es keine wahre Religion, Line Sittlichkeit/ kein Recht, kein wahrer Liberalismus mehr. Der bischöflichen Willkür, schwarz m weiß und weiß in schwarz zu wandebr, tritt die Wahrheit entgegen, die geschichtliche wie die gewissenhafte theoretische Betrachtung^ Dieser Liberalismus ist / ebenso wenig verantwortlich für Verirrungen vou Parteigängern, wie die Religion 'für die Verirrungen aller Kirchen und Couftsfivuen. Wenn daher der Herr Bischof, einen Trmnpf darauf setzt (S. 16): „daß ein Hauptvertreter des. angeblich liberalen Germanismus das Judenthum istdaß daß deutsche Volk jetzt zu den Juden geht und sich von ihnen bÄchren läßt, waS deutsches Wesen ist" — so ist das letztere eine Unwahrheit, das rrftere aber acceptvren wir. Wenn i« den deutschen Parlamenten zusammen em halbes Dutzend Juden sitzt, und Mter diesen der eine oder der andere sich als Redner und Mitführer der liberalen und deutsche« Partei auszeichnet, wenn es unter den Tausenden vou deutschen Schriftstellern einige Iudm giebt, die an Gedaukeureichthnm und Formgeschmack nicht zu dm letzte« unter ibnen aebören. so isi es Line lächerliche. .Uebevtreibung zu sagen, daß das deutsche Volk zu dm Juom gche, um über sein Wesen sich aufklären zu laffe». Freilich zu den ultramontanen Autoren, selbst zu Herr« von Ketteler kann es zu diesem Zwecke nicht gehem Wir Juden machen daher auch nicht -aus die -Ehre. Anspruch» Hauptvertreter des liberalen. Germanismus zu M. Aber zu den Anhängern und Verfechtern desselben gehören wir, das ist wahr. Und hier schlägt sich der Herr von Ketteler selbst tn’S Gesicht. Ist das Judenthum, nicht „confessioriell-Worifch"? Ist etz auch üW Äter M ein „vdger Begriffs Jst M JudenlhMeiücht Ätcktzion, Sittlichkeit und Recht erühnliett? ÄZir fragen den chrifilichen Bischof, ob er dm Ansprüchen des Stifters seiner Religion dermaßen widersprechen Möchte? - Er redetvom „Iudenthum," und das Judenthum antwortet ihm. Wir können und wollen hier nicht wcher «ngehe». Die Specialien berühren uns an dieser Stelle nicht. Nur die vielen Sonderbarkeiten des Herrn Bischofs falle« uns noch auf, und wir wollen einige wenige erwähnen. „Die christlichen . Soldaten" habm mach ihm aus dm französischen Schlachtfelder» gesiegt. Nun, ■ > waren »die französischen Soldaten keme christlichen? waren sie nicht noch mehr christlich, da sie mit Ausnahme eines Üemm Bruchtheilsrömlsch-kacholisch waren, während diechmtzchm

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