Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1872)
- Date
- 1872-03-19
- Page
- Seite 240 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226852-3226865--30437-3253313- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ich rüttle an der Thür, macht ihr nicht auf, Weiß Gott! ich breche, schäd'ge Schloß und Riegel.. Nun endlich gibt sie nach. Er hat geöffnet. (Die Thüre geht auf, M a r d o ch a i tritt heraus, bleich und verstört.) Esther. Dacht' ich es doch! Wie soll, wie kann das enden? Die ganze Nacht habt ihr kein Aug' geschloffen, Bliebt über euern Schriften, Büchern wach, : Und nun ich Morgens, um euch nicht zu stören, Mich leise fortfchlich, durch die Gegend streifte, Find' ich euch, wiederkehrend,' festgebannt Am selben Ort, beschäftigt mit demselben. Traut ihr so viel zu der beschränkten Kraft? Des Menschen Leib ist schwächer als sein Geist, Ob freilich manchmal wohl der Satz sich umkehrt. Mardochai (vor sich hin). So aber sprach der Herr — Esther. Hört erst auf mich, Die ich euch liebe, nicht wie Gott uns liebt. Im Ganzen, Großen, wo des Einen Nachtheil Des Andern Vortheil wird, nein, einzeln euch, Nicht Willens, für die Wohlfahrt einer Welt Nur ein Atom von eurem Sein zu geben. Mardochai. Du hast bezeichnet, wie ihr Weiber liebt, Und wie des Großen Sinn euch streng verschlossen. Esther. Verschlossen nicht, und auch bereit ein Dasein Dafür zu opfern, aber nur das eigne; Der Lieben Glück ist anvertrautes Gut. MarÄochai (die Hand auf ihr Haupt gelegt). Zufrieden war' ich ganz mit dir, wenn du Die Bücher mir, die hohen, nicht verschmähtest. Esther. WaS soll ich lesen? da so viel zu sehn; Was stumme Zeichen? da so viel zu hören. Mardochai. Es lebt mein Geist in Zeiten, die nicht sind, Und die die heil'gen Bücher rück mir führen. Ja, unser Volk, eS ward von Gott bestimmt, Zu sein der Gipfel dieser weiten Erde, Der Mittelpunkt der Völker nah und fern. Und wie der Sonne Pracht, wie Mond und Sterne, Ob herrlich gleich ihr Reigen sich geberde. Geschaffen doch zum Dienst nur dieser Erde: So aller Völker Glanz und Herrlichkeit, Ja ihrer Siege, ihrer Macht Vereine, Für unser Volk, wie dunkel es auch scheine. Esther. Werweiß? Mardochai. Was? - Esther. Ob auch Sterne, Mond und Sonne Geschaffen nur zu dienen unsrer'Erde. Mardochai. Wozu auch sonst? Esther. Ein Jedes wohl für sich. Und wenn dem Mond zu denken wär' gegönnt, Die Erde hielt' er wohl für seinen Diener. Mardochai. So zweifelst du an unsres Volkes Ruhm? Esther. Das nicht, nur wünscht' ich, daß es selbst ihn minder fühlte Und Andere ihn anerkennten mehr; Die eigne Schätzung ist ein schlimmer Maßstab. Mardochai. Uns hat der Herr allein sich offenbart, Von heut bis zu der Menschheit erster Wiege Geht unzerriffen, stetig fort ein Band, Das uns die Seinen nennt, des Höchsten Kinder. Esther. Mitunter garstige Kinder, unfolgsame. Mardochai. Als solche hat der Herr uns auch bestraft, Uns fortgesührt aus unsrer süßen Heimath, In harte Sklaverei und Dienstbarkeit. Und doch — in jenen heil'gen Büchern ftehts. So manche Nacht durchwachend schlafberaubt, Den Geist erstarkend in des Leibs' Entbehrung, Ging hell der dunkeln Sprüche Sinn mir auf: Aus unserm Volk erstehen wird ein Held, Dem sich in Ost und Westen beugt die Welt, Der ganzen Menschheit freudiger Gebieter. Esther. Ein Mann des Schwerts? Mardochai. Das ward mir noch nicht klar. Doch wie auch sonst? Kann je der Unterdrückte Wohl anders sich befrei'n als durch das Schwert? Und aus dem Stamme Davids wird er fein, Aus jenem Blut, dem du auch angehörst, Du Glückliche, nicht ich, durch deine Mutter. O, daß du fühltest solcher Abkunft Werth! Der täglich größer, weil sich täglich mindert Die Zahl, die unfte Könige Väter nennt, Und welche die Verheißung an sich kettet. Daß nur ein Funke jenes Geists in dir, Der Deborah beseelte, Iahel stärkte, Und Judith schuf zur Heldin ihres Volks. Esther. So soll ich tödten, täuschen, soll verrathen, Um werth zu sein des Stammes, der mich trug?