Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1872)
- Date
- 1872-03-19
- Page
- [Seite] (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Femlteton-Geilage )\i ttr. 12. Leipzig., den 19. März 1872. Zu Purim. Wir haben bereits erwähnt, daß der vor kurzem verstorbene ausgezeichnete dramatische Dichter Franz Grillparzer das Bruchstück'eines Dramas „Esther" hinterlaffen hat. Dasselbe ist unter dem Titel: „Aus einem unvollendeten Drama Esther" von Franz Grillparzer^ in einem 1863 in Wien erschienenen „Dichterbuch aus Oesterreich, herausgegeben von Emil Kuh", veröffentlicht worden. Wir glauben unseren Lesern zu dem diesjährigen Purimfeste keine willkommenere Gabe darbringen zu können, als einen Bericht über dieses unvollendete Schauspiel und eine Hauptstelle auS demselben. Grillparzer liebte es, aus Sage und Geschichte entnommene bedeutsame weibliche Erscheinungen zu Trägern seiner dramatischen Dichtungen zu machen. So Sappho, Medea, Libussa. In der Behandlung des Stoffes blieb er gewöhnlich dem getreu, was die Sage oder die Geschichte in großen. Zügen überliefert hat. Dieses suchte er dann psychologisch auszufüllen und zwar indem er im einzelnen mannichfaltige Situationen erfand, innerhalb deren seine Personen, sich durch Wort und Thal manifestirten. Diesen seinen Heroinen gedachte er nun auch die biblische Esther hinzu zu gesellen. Glücklicherweise vollendete er die beiden ersten Aufzüge und so istes unS vergönnt , daraus wenigstens zu erkennen, was der Dichter auS den biblischen Figuren hat machen wollen. Der Gang deS Stückes, so weit es uns vorliegt, ist völlig der biblischen Erzählung gemäß; die Personen aber andere, als sie uns im biblischen Buche erscheinen^ So. wenig wie Grillparzers Sappho die hellenische Sapphmist Ebenso wenig ist seine Esther die biblische Esther. Das Element der Romantik wird in einem Maße mit diesen Heldinnen verwebt, wie das Alterthum es nicht kannte. Esther wird Königin nicht durch Gewalt, nicht durch Ehrbegierde , sondern durch Liebe, die sie ebenso ergreift, wie den Könige Aber auch der König und Haman sind anders gezeichnet. Jener ist ein empfindungsvoller, von hohem Sinne erfüllter, aber schwacher Fürst, der sich gern leiten läßt, aber um so mehr auswallt und eigensinnig beharrtwenn er einmal in Zwiespalt gerathen ist. Haman ist ein kleinlicher, schlauer Intrigant, dem alles nur auf die Bewahrung seiner Stelle und seines Einflusses ankommt. Der erste Theil deS ersten Aufzuges spielt in der königlichen Burg zu Susa. Höflinge treten auf, unter ihnen auch Zares, die Gemahlin Hamans, und erzählen die Verstoßung der Königin Vafthi ganz der biblischen Erzählung gemäß. Die Höflinge und insbesondere Zares stehen auf Seiten der Königin und wollen alles versuchen, um den König mit ihr auszusöhnen. Nur Haman, der jetzt auftritt) und gegen welchen seine Gattin eine bittere Verachtung ausspricht, will nichts davon wissen, da er den König nicht ärgern will, und zugleich fürchtet, daß die Königin nach ihrer Wiedereinsetzung ihm feindlich gesinnt sein werde. Doch was ist zu thun? Der König ist in Trübsinn verfallen, von Regierungsangelegenheiten will er nichts wissen, er unterschreibt nicht einmal die dringendsten Erlasse. Man muß ihm eine andere Gemahlin schaffen. Die Höflinge rathen diese oder jene auswärtige Königstochter. Haman glaubt nicht, daß der König bei seiner GemüthSart hierauf eingehen werde, und spricht seine Meinung dahin aus, daß man nach alter persischer Sitte die schönsten Jungfrauen des ganzen Reiches versammeln müsse, damit der König die Jungfrau sich auswähle, die ihm am meisten gefallen werde. Ja, der schlaue Bezir berichtet,^ daß er, da ein solches Vorgehen mindestens ein Jahr Zeit erfordere, bereits auf eigene Hand den Befehl für die dem Hofe nahe gelegenen Provinzen erlassen habe, so daß dieser schon ausgeführt werde. Hierüber sind die königlichen Räche sehr erzürnt, denn sie ersehen hieraus einen neuen Zuwachs für die Macht Hamans, und behaupten, er habe kein Recht gehabt, ohne ihre Zustimmung so zu handeln. Doch sehen sie augenblicklich kein Mittel, um Hamans Willen zu hintertreiben. Wir werden, nunmehr in eine andere Scene versetzt/ und lassen hier den Dichter selbst sprechen. Ländliche Gegend außer den Mauern von Susa. Links im Hintergründe eine Hütte.— Esth er kommt von der rechten Seite und tritt zur Thüre der Hütte. Esther. - Macht auf! Macht aus!-/ Ihr zahlt es mit dem Leben! Ich bin eS, Esther, eure gute Tochter.