Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1872)
- Date
- 1872-03-19
- Page
- Seite 231 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226852-3226865--30428-3253304- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Pflicht, die Bestätigung der Gemeindebeamten, rc. Die Commission beschloß, in Anerkennung des Bedürfnisses einer Revision, die Üeberweisung der Petttton zur Berücksichtigung an die Regierung. Uebrigens erkannte der Regierungscommissar die Nothwendigkeit der Berücksichtigung an. Berlin, 10. März. (Privatmitth.) Daß das Schulaufsichtsgesetz auch im Herrenhause und zwar mit einer Majorität von 49 Stimmen durchgegangen ist, wissen die Leser bereits, und ich füge nur die Bemerkung hinzu, daß das einzige Herrenhausmitglied jüdischer Religion, Freiherr von Rothschild, für das Gesetz gestimmt hat. Die Debatten über das Gesetz blieben unter dem Niveau der Erwartung, und die Herren Kreuzritter haben abermals ihre Unfähigkeit erwiesen. Nachdem sie ihre Opposition mit so ungewöhnlich großem Geräusch verkündet hatten, hätte man doch irgend einen mannhaften Angriff, irgend ein gewichtiges Argument, den Ausbruch einer Leidenschaftlichkeit oder sonst dergleichen erwarten sollen. Aber nichts davon — höchstens eine unbedeutende Komik, wie die des Herrn Senfft von Pilsach, der keine Rede halten kann, ohne auf die Juden zu speculiren, und darum der Regierung vorwarf, daß das Gesetz im Abgeordnetenhause „nur durch einen kleinen semitischen Herrn mit einem Anhang von fünfzehn Leuten" durchgesetzt sei. Immerhin ist es zu bedauern, daß die Widerstandskraft des Herrenhauses gerade bei dieser Angelegenheit sich so schwach gezeigt hat. Es wird also in derselben Weise weiter existiren, bei sehr wichtigen Veranlassungen der Staatsregierung Gelegenheit geben, ihre Macht zu entfalten, in der minder wichtigen Gesetzgebung aber auch ferner hinderlich sein. Ueberhaupt haben die letzten Vorgänge die Position der Staatsregierung ungemein gestärkt; dadurch ist ihr mehr als je die liberale Entwickelung auf Gnade oder Ungnade, übergeben, um so mehr , als die liberale Partei auch im Abgeordnetenhause nur eine schwache Majorität besitzt. — Dies hat sich denn auch in der Sitzung des Abgeordnetenhauses am 8. März erwiesen. Es kam die bereits in Ihrem Blatte mehrfach erwähnte Petitton des schneidemühler Vorstandes zur Verhandlung. Der Vorstand der jüdischen Corporation zu Schneidemühl richtet an das Abgeordnetenhaus die Bttte: „Dasselbe wolle die. Staatsregierung auffordern: , die Wiedereinführung des jüdischen Religionsunterrichtes als eines für die jüdischen Schüler obligatorischen Lehrgegenstandes im Gymnasium zu Schneidemühl, und die Wiederaufnahme des Honorars für den jüdischen Religionslehrer in gleicher Höhe mit dem Honorar für den katholischen Religionslehrer in den Schuletat anzuordnen." Die Commission empfichlt die Üeberweisung der Petition an die Regierung zur Berücksichtigung. Duncker und Genossen beantragen: Das Haus der Abgeordneten wolle beschließen: „In Erwägung» daß die Frage wegen des Religionsunterrichtes an den öffentlichen höheren Schulen in dem Unterrichtsgesetze in einer der Freiheit der Gewissen, der Gleichberechttgung aller Staatsangehörigen und den Interessen des Staates entsprechenden Weise geregelt werden muß, geht das Haus über die Petttton zur Tagesordnung über." Win d t h or st beantragt, die Petition der Regierung zur Erwägung zu überweisen. R ö p e l l beantragt, die Petttton, mit Ausschluß des auf obligatorischen Unterricht gerichteten Petitums, der Regierung zur Berücksichtigung zu überweisen. Nach längerer Debatte zwischen den einzelnen Antragstellern, dem Regierungscommissar und. dem Referenten der Commission wird-bei Zählung der Antrag Röpell mit 133 gegen 126 Sttwmen abgelehnt, desgleichen alle übrigen Anträge, so daß ein bestimmter Beschluß des Hauses nicht erzielt werden kann. Ich gebe heute diesen Bericht aus den öffentlichen Blättern und werde des charakteristischen wegen den stenographischen Bericht nachsenden. Diesem werde ich auch ein Urtheil über diesen Vorgang hinzuzufügen mir gestatten. Königsberg in Pr., im März. (Privatmitth.) Der hiesige israelittsche Waisenhausverein hat seinen eilften Jahresbericht veröffentlicht, welcher die Mittheilung bringt, daß die Anstalt durch die Erwerbung eines neuen größeren Grundstücks eine höchst angemessene Localität erlangt hat, und hierdurch wie durch die Schenkung von 10,000 Thalern seitens des geheimen Commercienrathes Moritz Simon im Stande war, auch eine Abtheilung für Waisenmädchen zu eröffnen, die von der Knabenabtheilung streng gesondert ist. In der letzteren befinden sich zwölf Knaben, in