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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-03-19 · Heft 12 (19.3.1872) · p. Seite 230

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 12 (19.3.1872)
Date
1872-03-19
Page
Seite 230 (sequence 10)
Language
German
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schaumigen und Bilder erlangt, die Sprache aber erweitert und durchgebildet wird. Gerade darum ist aber die Uebertragung in Lobte Sprachen theils ganz nutzlos, theils ein Martyrium für die Sprache selbst, deren Leben und Bildsamkeit erstorben ist, weil sie nicht mehr im Herzen eines Volkes pulsirt. Dies sei, was auch Pedanten und Enthusiasten sagen mögen, mit der hebräischen Sprache seit Jahrtausenden der Fall. Für wen, fragt er, sollen derartige Uebersetzungen sein? Man antwortet: für die polnischen, russischen und orientalischen Juden. Mer die Leiden ersteren kümmern sich außer ihrem Jargon nur um den Talmud, und wenn einer unter ihnen sich so weit aufschwingt, daß er Dante, Goethe u. a. versteht, daß er sich so viele Kenntnisse in der italienischen und deutschen Geschichte, und in den Zeitverhältniffen jener großen Meister erworben hat, um sie verstehen zu können, so wird er auch die Sprachen derselben erlernt haben. Die orientalischen Juden sprechen ihre Landessprache und holen ihr weniges Hebräisch nur hervor, wenn sie mit ihren europäischen Glaubensgenossen in Verkehr treten. Dante nun im besonderen ist von einem Juden und für Juden gar nicht zu übersetzen. Der ausgesprochene christliche Charakter seiner Dichtungen läßt dies nicht zu, und della Torre führt hier in sehr witziger Weise eine Reihe von Stellen Dante's an und spricht seine Neugierde aus, wie ein Jude diese Stellen übersetzen wolle? Er trifft hier mit dem zusammen, was wir damals äußerten, und worauf er auch verweist. So legen wir das Heftchen mit Befriedigung, wenn auch mit der schmerzlichen Erinnerung an den Heimgegangenen Verfasser aus der Hand. Zeitungsnachrichten. Deutschland. Berlin, 8. März. (Privatmitth.) In der jüngsten Zeit ist nicht blos der Geheimrath Traube an der hiesigen Universität, sondern auch Dr. Rosenthal an der erlanger Universität vom außerordentlichen zum ordentlichen Professor erhoben worden. Der Assessor am hiesigen Kammergericht, vr. jur. Goldschmidt (Sohn des vr. Goldschmidt in Leipzig und Schwiegersohn des vr. Aub in Berlin) ist zum besoldeten Stadtrath in Posen fast einstimmig gewählt worden und wird seine Bestätigung mit Sicherheit in diesen Tagen erwartet. Das hiesige jüdische Seminar hat bei der letzten Prüfung wieder fünf Zöglinge entlassen, welche das gesetzliche Examen bestanden hatten. Dieselben haben bereits sämmtlich Stellen erlangt, abermals ein Beweis, wie groß das Bedürfniß nkch geschulten Lehrern ist, und welcher Segen deshalb jüdische Lehrerbildungsanstalten sind. Mt Befriedigung wurden die Notizen aus Oestreich gelesen, nach welchen dort schon mehrere jüdische Lehrer an Volksschulen angestellt worden sind. So weit sind wir in Preußen noch lange nicht, obschon dies nur eine principielle Bedeutung hat, da wir unserer Lehrer selbst noch allzusehr bedürfen und dieselben meist besser gestellt sind als ihre christlichen Collegen von der Volksschule, so daß eine Verwendung jüdischer Lehrer an öffentlichen Volksschulen noch lange Zeit eine Seltenheit bleiben dürfte. — Wenn in der jüngsten Zeit auch von evangelischer Seite so viel gegen das Schulaufsichtsgesetz geschrien worden ist, so kann dies durchaus nicht auffallen. Von vornherein lassen sich Geistliche eines Vorrechts, in welchem sie sich, wenn auch nicht durch das Gesetz, doch durch den Usus befinden, nicht gern entkleiden. Aber eine Menge Leute hat sich nun einmal die Redensart von der Entchristlichung der Schule in den Kopf gesetzt. Zuerst sollte diese ftattfinden, sobald unter tausenden von ' Lehrern auch einmal ein Jude Lehrer an einer öffentlichen Anstalt wurde. Dies hat die preußische Regierung selbst so lange verfochten, daß sie sich nicht wundern kann, wenn jetzt dieselbe Redensart ihr entgegentritt, da sie die Macht in die Hände bekommen will, widerspenstige Geistliche vom Schulinspectorate entfernen zu dürfen; denn auf mehr ist es ja mit dem Gesetze nicht abgesehen. So wiederholt sich der Beweis, daß jede Unduldsamkeit über kurz oder lang den schlägt, der sie ausübt. In der That aber bleibt es ein Armuthszeugniß, wenn in einem christlichen Volke jeder kleine Schritt gegen die Hierarchie oder' für den confesstonellen Frieden als eine Entchristlichung angesehen und ausgeschrien wird. Wie schwach muß es um diese Christlichkeit stehen, wie ohnmächtig der christliche Geist sein, wenn durch solche Formalitäten sein Bestand gefährdet werden soll! — Im Abgeordnetenhause wurden am 4. März in der Petitionscommission einige Angelegenheiten von allgemeinerem Interesse verhandelt. So die Beschwerden jüdischer Gemeinden über den Zwang zur Beitrags-

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