Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1872)
- Date
- 1872-03-19
- Page
- Seite 225 (sequence 5)
- Language
- German
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225 brächen -den Barbarei Einhalt thun zu können:- Aber die Dinge nehmen in diesem Lande, welches sich nicht scheut ein- Schandfleck der Civilisation zu sein, einen Verlauf, - der doch gekennzeichnet werden tnuß. Denn einerseits bildet sich dort eine Grausamkeit und Blutgier aus, wie sie in gleichem Maße nur bei den wilden Indianern; wenn sie die europäischen Ansiedler überfallen, gefunden wird. Man lese den unten folgenden Bericht aus Cahul, um diese Brandmarkung gerecht zu finden. Andrerseits stellt es sich immer mehr heraus, daß, mag das gegenwärtige Ministerium noch so sehr von einer anderen Tendenz ausgehen, seine unteren Beamten in allen diesen Comploten eine Rolle spielen, Mitwirken und die Blutthaten begünstigen. Was helfen da "alle wohlmeinenden Aeußerungen, die Absendung von Commissionen, die Anrufung der Justiz — sie laffen die Frevler unbestraft, sprechen die.Miffethäter frei, schaffen den Geplünderten ihr geraubtes Gut nicht zurück, entschädigen die Verletzten nicht, und muntern durch ihre Proceduren nur immer wieder andere Orte zu gleichen Meutereien auf. Was helfen alle Einsprüche der fremden Consuln? Sie werden mit einigen schönen Redensarten abgefunden, und/.ihre-Roten aä aota gelegt. Hierzu kommt aber jetzt noch ein wichtigeres Moment. Man wirft auch noch die letzte Maske ab; man scheut sich nicht allein, sich offen zu diesen Gräuelthaten zu bekennen, sondern sie. auch noch als gerechtfertigt. und verdienstlich auszugeben. , Nicht. /Mein, daß die Verbrecher Petitionen an die Abgeordnetenkammer um Schutz für ihre Miffethaten richten, . in dieser selbst werden/ Interpretationen der schamlosesten Art vorgetragen und das Ministerium zu Gewaltthätigkeiten aufgefordert, ohne daß das geringste. Zeichen des . Unwillens seitens d.er Kammer dagegen protestirt. Die offenbarsten Ungerechtigkeiten werden in Gründe und Motive für weitere Verfolgungen gewandelt. Das einfache' Recht, die einfältigste Logik wird sagen: wie kann man die ganze jüdische Bevölkerung für einen KnHenraUb verantwortlich machen, den ein g et ciu ft er Jude, ein russischer Deserteur begangen haben soll? Wir sagen „soll", denn noch ist die Untersuchung zu einem evidenten Ergebniß nicht gelangt. Im ersten Augenblicke benutzte man die Erneute, um den Rabbiner und angesehene Juden in Ismail der Mitschuld zu zeihen, warsisie iü^s GefäNgNiß und ließ 'sie drei Wochen darin schmachten./ Wiees sich voraussehen ließ und die ver-' brecherische Behördees' sich'selbst sagen mußte, konnte auchl^ein ruTitelchen - der - Mitschuld nicht -Nachgewkesen werden, und selbst in' Rumänien mußte man die Gefangenen frei laffen. In welcher Verbindung soll' nun mit jener! Kirchenschändung , wenn sie nicht überhaupt eine nur angezettelte war, die jüdische Bevölkerung'stehen? Kirchenraub findet leider - in allen Ländern und nicht selten statt. Erst in diesen Tagen wurden mehrere Fälle aus der Rheinprovinz in den Zeitungen gemeldet. Fällt es jemanden ein, die Bevölkerung der Rheinprovinz, welcher Confefsion sie auch angehöre, dafür verantwortlich zu machen? Doch das -ist ja - alles nur Schein und Trug. Man will die Juden morden, ausrauben > vernichten. Jeder Vorwand wird dazu ergriffen- Wo gar keiner da ist, wird er erfunden. Und nun treten die Gesetzgeber selbst auf, um'solch scheußliches Verfahren zu rechtfertigen, die Mörder und Plünderer noch als die verfolgten, bedrängten, geschädigten hinzustellen, als -die Vertheidiger der Religion und des-Vaterlandes zu glvlrificiren, und ihnen nicht blos Straflosigkeit; ' sondern wo möglich auch noch eine Belohnung, jedenfalls ^Vorschub zu weiteren gleichen Thaten zu - verschaffen! Wie? kann ein Land, ein Staat, ein Volk, in welchem so alle Säulen des Rechts, alle Stützen der' öffentlichen Gewissenhaftigkeit, alle Fundamente der Ordnung und der Ehre so zerbrochen und zertrümmert' sind, noch zu den civilisirten gerechnetals ein berechtigtes Glied der Völkerfamilie angesehen werden? Die Sache spielt nun bereits ein Jahrzehnt. Was die sogenannten Schutzmächte dabei gethan, was die französischen, englischen, östreichischen Consuln rc. erreicht Haben, ist einer Seifenblase zu vergleichen, sie schillert, zerplatzt und alles bleibt wie vorher? Wenn die Schutzmächte nicht in bestimmtester Weise Vorgehen , wenn sie nicht einfach erklären , daß der erste Neue derartige Fall sofort die militärische Besetzung Rumäniens zur Folge haben werde und diejenige Militärmacht schon jetzt bezeichnet wird/ welche Nie Execution auszusühren habe, so ist alles Dazwischentreten nur ein! eitles Spiel und schadet durch den Erweis seiner Nichtig- : fett mehr, als es nützt. Wir wollen hier nicht die Ber-; geltung, das Strafgericht Gottes anrnfen — wer dieses - nicht in seiner eigenen Seele; fürchtet, dem wird es' ver- ' gebens vorgehalten — wir wollen es um so weniger - anrufen, je gewisser wir sind, daß eS unausbleiblich kommen werde, wie es schon so unzählige male gekommen -ist. Das rumänische Volk und der rumänische Staat ^werden die Folgen zu tragen haben! Aber was^nützt \ dies' uns? <■' Was schützt die 200;000 wehrlosen Juden i gegen diei weiteren Angriffe dir Bösewichter'? Wir sehen