Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1872)
- Date
- 1872-03-19
- Page
- Seite 223 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nicht allein, daß deshalb der Gegenwart, den selbstständigen Schöpfungen deS jetzigen Geschlechts, die wahrlich der Aufmunterung und Würdigung bedürfen, um nicht zu erlahmen, der Werth sehr karg zugemeffen, wenn nicht ganz abgesprochen wird; auch die geschichtliche Beurteilung verliert durch die Uebertreibung des Werthes, welcher früheren Produkten, weil der ehrwürdige Staub der Vergangenheit auf. ihnen ruht, insinuirt wird, an Richtigkeit und Schärfe, und es ersteht ein kleinlicher Gelehrtenstolz, der dem frischen und Liefern Leben Abbruch thut. Der andere Irrweg ist der der Hypothesensucht. Man weiß, wie gefährlich für die Geschichtsforschung diese Neigung ist. Theils will, man die in den Urkunden und Nachrichten vorhandenen Lücken aussüllen, theils jede Erscheinung in einem eigentümlichen Lichte darstellen, theils überall etwas neues sagen und von den Vorgängern abweichen, um sich als selbstständiger Forscher zu zeigen. So werden die Thatsachen entstellt, die Auffassung verwirrt, das Ürtheil getrübt, die Ehrlichkeit, diese erste Tugend des Geschichtsschreibers, hintangesetzt ■, denn vor der einmal gefaßten und ausgesprochenen Meinung läßt man selbst offenkundige^ Gegenbeweise nicht nur nicht gelten, sondern man verschweigt sie sogar. Die Arbeit muß dann später nochmals begonnen werden, und wer weiß nicht, wie schwer einmal verbreitete Jrrthümer und Urtheile wieder auszurotten sind. Jndeß wollen wir auch die gute Folge dieser, an mehreren unserer neueren Geschichtswerke erkennbaren Neigung nicht übersehen, .daß sie nämlich gewissermaßen ein Ferment in die Geschichtsforschung bringt, welches sie nicht endlich wieder ganz in die einmal hergebrachte Auffassung verfallen läßt. Somit können wir auf die begonnene und fortgeführte Geschichte des Judenthums als daS eigentümliche Werk unserer Zeit Hinweisen, wodurch sie sich irgend welcher Periode unserer Vergangenheit ebenbürtig anreiht. Weit geringere Befriedigung vermögen wir zu empfinden, wenn wir auf die. beiden anderen Momente blicken, welche Immanuel Wolf mit Recht als wesentliche Theile der Wissenschaft deS Judenthums aufgestellt hat. Weder für die Philologie noch die Philosophie des Judenthums ist in dem verflossenen halben Jahrhundert umfassendes und bleibendes in bemerklicher Weise geschehen. Was er Philologie nennt, befaßt die Sprachkunde, die Hermeneutik und die Alterthumskunde. Hinsichtlich der erstern ist man kaum über daS Chaldäifche der Targumim hinausgekommen, und was an sprachlichem Stoffe hierüber hinaus geht, harrt noch heute der Bearbeitung, wie vor fünfzig Jahren. Selbst die Probleme der hebräischen Grammatik sind ihrer Lösung nur wenig näher gekommen, wenn sie auch durch die Forschungen über die Geschichte der hebräischen Grammatik klarer gelegt worden sind. Für die Hermeneutik der Bibel , in welcher zu jener Zeit und noch länger nach ihr ein trauriger Stillstand ein getreten war, ist insofern wichtiges geschehen, als mehrere neue vollständige Übersetzungen, und kürzere wie ausführlichere Commentare erschienen sind, durch welche das Verständniß der heiligen Schrift vom heutigen Standpuncte der Auffassung und des Erklärungsstoffes für das jüdische Publicum vermittelt und über den Standpunct der Piuristen erhoben wurde. Von der anderen Seite gaben sich aber auch jüdische Gelehrte jener verworrenen und verwirrenden Hyperkritik hin, welche aus der Bibel, namentlich aus dem Pentateuch, ein unlösbares Chaos von zusammengewürfelten Mythen, Legenden, Fragmenten und Notizen aus den verschiedensten Zeiten und Geistesströmungen macht. Es ist dies keine Wissenschaft, keine systematische, nach Regeln und Grundsätzen arbeitende und exacte Ergebnisse erzielende Forschung, sondern ein auf Voraussetzungen, willkürliche Deutung, beliebige Kritik und zusammenhangslose Gelehrsamkeit sich stützende Hypothesensucht. Hier eröffnet sich ein großes und schönes Feld der Thätigkeit. Es wird hier zunächst eine sichere, rationelle Grundsätze zur Geltung bringende Methodik zu. schaffen sein, durch welche die weitere kritische Forschung geregelt und gesichtet werden wird. Erst wenn eine solche vorhanden ist, wird die Hermeneutik der Bibel mitten im Gewühle der kämpfenden Ansichten einen sicheren klassischen Boden gewinnen, auf welchem sie zu unzweideutigen Resultaten fortschreiten kann. — Einen erfreulicheren Anblick bietet die Hermeneutik des Talmud. Ungestört durch Einflüsse von außen, hat hier die jüdische Wissenschaft, weil sie offenbar von einer gewissen Pietät ausging und eine von vornherein feindliche Sttmmung vermied, einen sicheren und ruhigen Fortgang genommen. Allerdings können wir die Leistungen auf diesem Gebiete nur erst noch als Anfänge bezeichnen; aber der geschichtliche Geist hat sich hier des Stoffes und deS Terrains bemächtigt, und das ist die Bürgschaft für eine gesunde Entwickelung. Die Kritik wird erst eintreten, wenn die Geschichte vollständig vorgearbeitet hat, und in dieser Geschichte deS Talmuds, in der Zurechtlegung seines Stoffes, in der geschichtlichen Folge 12*