Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1872)
- Date
- 1872-03-19
- Page
- Seite 222 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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die re li g iös e, die politisch e und die literarisch e, die jedoch überall innigst in einander verschlungen sind." „3. Die Philosophie des JudenthumS. Diese hat zu ihrem Gegenstände den Begriff des Judenthums an und für sich, den sie nach seiner inneren Vernünftigkeit zu entwickeln und in seiner Wahrheit aufzuzeigen hat. Sie lehrt die göttliche Idee, wie sie sich im Judenthum stufenweise offenbarte, begreifen. Sie weist ferner den Zusammenhang nach zwischen den äußeren historischen Begebenheiten und den inneren Bewegungen der lebendigen Idee. — Während die Geschichte nur mit dem Geschehenen, mit der Vergangenheit zu thun hat, erstreckt sich die Philosophie auch auf den Standpunkt der Idee in der Gegenwart, im heutigen Judenthume." Dieser Gedanke einer Wiffenschaft des Judenthums ging nothwendig aus der Entwickelung der Verhältniffe hervor , in welche das Judenthum seit einem halben Jahrhundert vorher eingetreten - war. Ein Theil der jüdischen Jugend, und zwar am meisten im Herzen Deutschlands, hatte bereits eine durchaus wiffenschaftliche Bildung sich zu eigen gemacht , hatte Gymnasien und Universitäten besucht; ja einige junge Männer hatten iw Vertrauen auf das königlich preußische Edict vom 11. März 1812, welches auch die Zulassung von Juden zur Professur ausgesprochen hatte, und im Vertrauen auf den Geist, der, wie man meinte, aus dem sogenannten Freiheitskriege auch in die Friedenszeiten hinüberdringen werde, sich zur akademischen Laufbahn bestimmt und vorbereitet. Auf diesem Standpuncte mußte sich natürlich ihre wiffenschaftliche Bildung auch auf das ihren Geist erfüllende religiöse Element und Material richten, sie mußten es wiffenschastlich ergreifen und begreifen, und es als ein Bedürfniß, als eine Notwendigkeit erkennen, die wissenschaftliche Behandlung des Judentums zu unternehmen. Dies sehen wir nun in dem Vereine jener jungen Männer sich vollziehen, von denen einen noch am Leben zu haben, und zwar gerade ihr Haupt und ihren Führer, vr. Zunz, wir so glücklich sind. Können wir nun auch nicht sagen, daß der Gedanke geradezu zündete — dazu war die Vorbereitung noch nicht umfaffend genug, war das Material selbst noch zu zäh -und zu zerstreut, mußte also der wissenschaftliche Stoff selbst erst noch herbeigeschafst werden so war er doch lebendig geworden, und arbeitete sich, weil er eben ein nothwendiger war, immermehr durch. Mögen daher auch die Resultate fünfzigjähriger Arbeit mehr oder i weniger einer gewissen Vollständigkeit sich nähern, mögen sie den rein wissenschaftlichen Weg mehr oder weniger verfolgt haben : so viel können wir heute mit Entschiedenheit aussprechen» daß der Gedanke einer Wiffenschaft des JudenthumS nicht wieder verloren ging und jedenfalls durch seine Ergebnisse Zeugniß für seine Lebenskraft gegeben hat. Wurde doch schon fünfzehn Jahre später erkannt, daß das ganze Lehrerthum der jüdischen Welt unter den Schutz und die Wirksamkeit dieser Wiffenschaft gestellt, daß eine wiffenschaftliche Lehrstätte für das Judenthum und für alle, welche ein Lehramt in ihm fortan übernehmen wollten, d. h. eine jüdisch-theologische Facultät, geschaffen werden müßte. So unbedingt glaubte schon damals diese Wissenschaft des Judenthums an sich und an ihre Nothwendigkeit! Auch hiermit ging es fteilich wie mit dem Gedanken jener Wissenschaft selbst/ er zündete nicht, aber er arbeitete sich-durch — und so sehen wir das fünfzigjährige Jubiläum der Wissenschaft des Judenthums mit dem Eröffnungstage der Hochschule für die Wiffenschaft des Judenthums zusammenfallen. Fürwahr, dieser Verlauf ist kein allzu langsamer. Von den drei Höhenzügen, welche Immanuel Wolf auf der Karte der jüdischen Wissenschaft verzeichnet, ist es insonders der mittlere, welcher vorzugsweise beschritten und verfolgt worden ist. Man möchte sagen, die ganze Arbeit dieses halben Jahrhunderts gehört der Geschichte des Judenthums an. Sowohl für die politische, als auch für die religiöse und die Literaturgeschichte des Juden-- thums wurde bedeutendes geleistet, nicht minder in ihrer Gesammtheit, als im einzelnen. Theils wird anhaltend mehr und mehr der geschichtliche Stoff gesammelt und kritisch durchforscht, theils zum Verständniß in das ganze eingereiht, der Zusammenhang aufgesucht und die Bedeutung begriffen. Wo daher noch Lücken vorhanden sind, ist mit der Zeit die Ausfüllung zu erwarten. Das Verdienst dieser umfassenden Geschichtsarbeit gebührt um so mehr dem verflossenen halben Jahrhundert, als gerade die Geschichte des Judenthums bis dahin völlig im argen lag, kaum etwas nennenswerthes dafür geschehen war, und selbst das Material bei dem Mangel früherer Geschichtswerre und des Sinnes für Geschichte bei unser» Vätern erst mühsam zusammengetragen werden mußte. Dennoch blieben zwei naheliegende Irrwege nicht ganz unbeschritten. Der eine ist derjenige, auf welchem die Mikrologie in der Forschung zu weit getrieben und den einzelnen Erscheinungen, sobald sie der Vergangenheit angehören, eine allzugroße Bedeutung ^geschrieben wurde.