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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-03-12 · Heft 11 (12.3.1872) · p. Seite 219

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 11 (12.3.1872)
Date
1872-03-12
Page
Seite 219 (sequence 21)
Language
German
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schuldig zu sein, konnten aber dann auch unsere Widerlegung nicht wegläffen. - ' BertrMliche Briefe. ■ vin. ■ ■ Es ist ein erhebendes Bewußtsein,"theurer Freund, daß der Mensch bestimmt und befähigt ist, dem Schöpfer des unermeßlichen Weltalls die Schöpfungsgedanken nachzudenken, sie aufzusuchen und sich zurecht zu gestalten. Bestimmt, denn kaum ist in den^ Menschenkinde das Bewußtsein erwacht, so fragt es schon woher und wozu, so drängt sich ihm schon der Wissenstrieb nach Ursache, Wirkung und Zweck auf, und richtet das noch zarte Forscherauge nach den Höhen des Lichtes, nach den Schatten -der Dunkelheit. Derselbe Trieb bleibt jedem Menschen sein Leben lang, nur daß die Gewohnheit ihn abstumpft, die Trägheit ihn in Schlummer wiegt und die Beschränktheit ihn an das feffelt, was ihm einmal gegeben worden ist. Befähigt, denn obgleich der Jrrthum auch nahe liegt, obgleich der Irrgänge gar viele, die verschiedenartigsten und entgegengesetztesten Meinungen vorhanden sind, und jeder Schritt des Geistes ein Fehltritt werden kann — immer doch sind es Gedanken, die an der Schöpfung Gottes haften und in ihr jedenfalls einen gewissen Grund und Anhalt haben. Diese Bestimmung und Befähigung' hebt den Menschen himmelhoch über alles Gethier der Erde, und die neuesten Naturforscher mögen die leibliche Bildung des Menschen auf was sie wollen, auf den Affen oder die Molluske zurücksühren, sie werden nimmermehr mit dem so gearteten Geiste des Menschen fertig. Sie, welche nur mit Thatsachen zu rechnen vorgeben, müßten doch auch diese Thatsache anerkennen, die alle ihre Entwickelungscontinuität zu Schanden macht und das eigene Dasein des Geistes unzweifelhaft constatirt. Doch versenken wir uns nicht weiter in diese Gedanken: wir wollten ja heute nur den Inhalt unserer bisherigen Briefe noch einmal zusammenfassen, und das soll in kürzester Weise geschehen. Die Schöpfung Gottes ist' vollkommen; jedes der zahllosen Geschöpfe, groß oder klein, ein Weltkörper oder ein einzelnes Wesen auf einem Weltkörper, ist verschieden in seiner Art, und in dieser Art vollkommen;*) schon sein Bestehen zeugt hierfür. Die Natur hat den Manschen zum Maßhalten bestimmt, denn aus Ueberflüß und Mangel entspringt ihm in gleicher Weise Nachtheil und Schaden;' aber sie hat den Menschen als solchen begünstigt, wie das beständige Anwachsen des Menschengeschlechts erweist, und ihm den Freudenbecher mannichfaltiger gemischt als den Kelch des Leides. Was der . *) Im zweiten dieser Briefe ist durch einen Druckfehler ^732 statt 12-,^ gesetzt worden.^ Mensch geworden ist, das ist vorzugsweise das Werk der Civilisation, die ihn nirgends ganz im rohen Naturzustände läßt, also selbst zu seiner Natur gehört, mit jedem Fortschritt seine intellectuellen und sittlichen Eigenschaften erhöht und die Uebel mindert, welche ihre Vorstufe noch bestehen ließ oder mit sich brachte. Die Civilisation schafft zwar mehr Bedürfnisse, aber hiermit auch mehr Lebensgenüsse, und in der Arbeit die reichste Quelle der Befriedigung. Die natürlichen und unentbehrlichen Gesetze der Gesellschaft, welche sich auf die Verschiedenheit in der Beschaffenheit der Menschen gründen, brachten und bringen Verschiedenheit auch in den Verhältnissen der Classen und der Individuen mit sich. Die Civilisation hatte' stets und hat auch jetzt noch die Aufgabe, die Lage der Benachteiligten zu verbessern, die Uebelstände zu vermindern und die geeigneten Mittel gegen dieselben zu schaffen und zu organisiren. Aber das Glück und der wahre Lebensgenuß hängen nicht von den äußeren Gütern ab, vielmehr von der Pflichterfüllung und der Liebe, durch welche auch der Mangel reich an Freuden, ohne welche der Reichthum arm an Freuden wird. Vor allem ist es daher nothwendig, daß die Menschenwelt immer mehr von der sittlichen Anschauung durchdrungen werde, welche die Verhältnisse des Lebens vom richtigen Standpuncte aus betrachten lehrt und darum auch die Classen zu einer allmäligen Ausgleichung der schroffen Gegensätze bewegen wird. Für den einzelnen kommt es auf die Grundstimmung seines Gemüthes an, um im Leben, besonders im Gleichmaß der Lage, des Daseins froh zu werden, und die kleinen Schwierigkeiten mit leichtem Sinne zu überwinden. Dies, theurer Freund, ist mein Bekenntniß. Es ist dies alles Religion, wie sie der lebendige Geist aus unserer heiligen Schrift entnimmt, und aus den Lehren der Geschichte wie aus der Beobachtung der Natur zieht, wenn er beide ohne Vorauseingenommenheit betrachtet. Da fragen wir nicht mehr, ob diese Welt die beste, ob der Mensch mehr für das Glück oder für das Leid bestimmt sei; ob die Civilisation schädlich oder nützlich wirke, ob Armuth zugleich das Elend, Reichthum zugleich das Glück sei, ob der Mensch ein Geschöpf des Geschickes oder seines eigenen Willens sei. In allen diesen Fragen liegt uns die Wahrheit weder aus der einen noch auf der anderen Seite. Gerade die eigentümliche Natur dieses Erdkörpers und des ihn 'bewohnenden Menschen ist es, beides zu vereinen, und die eigenartige Vollkommenheit inder Mischung und Vereinigung der Gegensätze zu finden. Dem Menschen - ist dadurch eine weite Bahn für den Einzelnen wie für die Gesammtheit eröffnet, ihm sind hohe Ziele gestellt. Wäre es anders, wäre eines dieser Momente allein vorhanden, so könnte der Mensch entweder gar nicht existiren, oder er wäre nicht Mensch. Freilich ist er deshalb zum Kampfe und zur Arbeit bestimmt, aber beide sind ein Segen, und in ihnen liegt die wesentlichste Freude des Lebens. Darum bezeichnet die heilige Schrift auch die Arbeit als eine

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