Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1872)
- Date
- 1872-03-12
- Page
- Seite 200 (sequence 2)
- Language
- German
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mittelalterlichen Ansprüche hinausgehen, je mehr es sich herausstellt, daß der Pietismus nicht blos die protestay-^. tische Kirche in Preußen verödet/Isövdern fauch -die-'Vostsschule zu einem Steinfelde umgewandelt Hat , je mehr endlich der Materialismus sich als eine lebensfähige Doctrin in unserer Zeit gerirt, desto unumgänglicher ist es, daß man, und zwar in sehr großer Zahl, zum Rationalismus zurückkehrt. Jene kirchlichen Extreme berufen sich stets darauf, daß außerhalb ihrer „nur der Unglaube, die Gottesläugnung und die Unsittlichkeit bestünden, und die Menschheit nur die 'Wahl-zwischen ihnen und diesen hätte. Nun, was die Unsittlichkeit betrifft, so weiß jedermann, daß sie ebenso wie die Tugend und die Pflichttreue hier wie dort zu finden ist, daß überhaupt, ein moralischer Wandel weder von einem Dogma, noch von einer ausgebildeten theologischen oder philosophischen Doctrin abhängt. Aber ebenso entschieden irrig und anmaßend ist-ihre Behauptung hinsichtlich der Gottgläubigkeit; vielmehr behaupten die Rationalisten, daß der Glaube der Ultramontanen und Pietisten sich von dem Unglauben der Materialisten in seinem Werthe wenig unterscheidet , und in seinen Folgen für die Gesammtheit und für die einzelnen noch viel traurigerer Art sei. Die Geschichte 'scheint dieser Behauptung nicht zu widersprechen, die Geschichte 'der Juden am wenigstem Man will' also den Vernunftglaüben wieder ' auf das Schild heben, der einerseits nicht 'zugestehen' will, der Widerspruch zwischen Vernunft - Und Glauben sei vom Schöpfer selbst in Unseren Geist gepflanzt-worden; and-' rerseits dem Glauben nichts 'aufzwingen lösten will, wofür nicht einmal reelle historische Zeugnisse -vorhanden' sind. Dieser Vernunftglaube weist die kirchlichen-Extreme ebenso zurück wie den Atheismus, und wer dies erwägt, wird die Nothwendigkeit desselben für Unsre'Zeit ^leicht erkennen. ' Wir Juden können eine ausgedehnte Geltung-des Rationalismus nur gern sehen, denn niemandem entgeht es, daß er dem Lehrinhalt unserer Religion am-nächsten tritt. Allein es wäre wünschenswerth' daß er< sich^diesmal vor zwei Fehlern-zu schützen wisse, denen er während feiner früheren Obmacht anheim -. gefallen - war. Diese waren die Obersiächllchkeit .und die Ausschließlichkeit, jene, die sich. mit. Phrasen- und der lelchthinnigsteM Erörterung -begnügte,-' undes' namentlich..vernachlässigte,- sich-einen .historischen-Unterbau-zu'' schaffen?, , diese-, edie'r Ausschließlichkeit, die er? njit wahrem Hochmuthe gegen-- alle, die nicht seiner.Fahne folgtenübte, ihnkU Werth? und Verdienst absprach, und sich allein' als öen Hüter des ganzen Wnschenschatzes betrachtete und ausgab. Leider'MÜffen wir sagen, fdH uns berefts die Ähmptome'- dieser? Schwäche bder Krankhaftigkeit 'wieder -begegnen. Jüngst trug die „Kölnische Zeitung" in einem Leitartikel ihre rationalistischen Ansichten vor, und gipfelte diese in dem Schlußsätze: „Wir leben in der christlich en-Welt , bas M, wo° das-Hyte.siegt durch die eigene Kraft." Diese wohlklingende Phrase deutet bereits die ganze ausschließliche Richtung auch dieser neu erwachten, christhchen Schule an, und sie, welche die Vernunft und die Gerechtigkeit auf ihre Fahne schreiben will, kennt kein Menschenthum, kein Alterthum, keine vernünftige und sittliche Existenz außerhalb des Christenthums. Es würde uns dies gleichgültig lasten / wenn eben nicht die Herren sofort in Unvernünftigkeit und Ungerechtigkeit verfielen. Und nun diese Phrase! Was will sie sagen? „Das Gute-siegt" durch eigene Kraft." Aber durch welche-andere Kraft soll es denn .siegen? Etwa durch die Kraft des Bösen? Dadurch, daß es dem. Bösen freien Spielraum giebt, schließlich aber dessen Mittel, und. Ergebnisse für .sich verwendet? Die Worte sagen also nichts, wenigstens nicht iu ihrer Allgemeinheit. Lasten wir sie also weg. „Das Gute siegt/' -Aber ist dies abermals in dieser Allgemeinheit wahr? Hat das Böse niemals gesiegt? Hat das Gute niemals'zu Boden gelegen oder nur.sin verborgenen sein Dasein gefristet? Wie: so kommt es, daß dann .immer. noch jo viel Böses ^und. eine so große Macht des Bösen vorhanden ist?' 'Ferner:' „Die 'christlicheWelt Vst die, wo das Gute siegt." Hat. das Gute niemals und nirgends außerhalb der christlichen Welt gesiegt? Oder soll überall da die christliche:Welt'sein, -M, das Gute..jemals gesiegt hat oder siegt? In letzterem Falle hätte das Wort wieder gar keine Bedeutung." Oder hat das Gutein der christlichen Weltimmer gesiegt, so'dass sie nur da war, wo das. Gute siegte? Dann hat sie immer nur in' seltenen Augenblicken existirt; denn die Geschichte.lehrt uns/ daß innerhalb'der Christenheit es - an Gräueln und Bosheiten ebensowenig gefehlt-hat, wie in-irgend? einer anderen großen .und dauernden 'Körperschaft. .' Wie wir also' auch diese Phrase Hirt und her wenden.,-, umihren rechten Sinn und ihre Richtigkeit zu finden x,wir/treffen: aufbloße wohlklingende . Warte/ die uns nichts entgegenbringen als dem Geiste der Obersiächlichkeit--und Aus-- schließlichkeit. Wermit; offenem Auge .in die - Geschichte' der'. Menschheft sieht," erkyntM-: der' Weltgeschichte, .einen.