Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1872)
- Date
- 1872-03-05
- Page
- Seite 197 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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daher gar nicht schwer, in die Hauser, za in die Privatcabinette der Vornehmen Eingang zu erlangen, versteht sich nicht als Gesellschafter, sondern als Geschäftsmann. Der Adel des Landes war meist unbegütert und doch durch den Glanz des HofeS zu unverhältnißmäßigem Aufwands genöthigt. Er befand sich daher stets in Verlegenheiten, und ein Mann, der ihm aus denselben, wenn auch zu seinem eignen Vortheil verhalf, war ihm äußerst willkommen, besonders wenn er viscret und leicht zu behandeln war. Diese Verbindungen Bärs waren bald stadtkundig und vermehrten sein Ansehen, das ihm auch den uns bekannten Beinamen verschaffte. Man hielt ihn für einen „Thakkif", v. h. einen, der durch seine Fürsprache bei den Machthabern des Landes etwas durchsetzen könnte. In diesem Glanze gefiel sich Bär ausnehmend, und er erhöhte ihn, als er die Tochter einer angesehenen Familie heimführte. Er erwarb das Haus jenseits der Langgaffe, damals als einziger Jude, der dort wohnen durfte, und Wohlleben und Ueberfluß herrschten daselbst, und zwar stets so, daß die Leute es bemerken mußten. Seine Frau erschien stets in reichster Kleidung und kostbarem Schmuck; seine Dienerschaft war zahlreich, und sehr häufig sah er große Gesellschaft bei sich, die glänzend bewirthet wurde. Warum sollte er dies auch nicht? Durch seine Verbindungen erhielt er mehrmals Lieferungen für den kleinen Staat, und jedermann weiß, wie nutzbringend solche für den Lieferanten find, so wie für die, welche sie ihm verschaffen. Wie war der Lebensweg des armen Wolf ein ganz entgegengesetzter! Als er in der Dunkelheit durch das Thor der Stadt, ärmlich gekleidet und vom weiten Marsche ermüdet, eintrat und eine niedrige jüdische Kneipe als Nachtherberge aufjuchte, war auch er nicht ganz ohne Mittel. Die strengste Sparsamkeit war von Kindesbeinen an das Gesetz seines Lebens, eine Sparsamkeit, von welcher man voraussetzen konnte, daß sie mit den Jahren sich in Geiz verwandeln werde, und zwar dann erst recht, wenn seine Vermögensverhältniffe es nicht mehr forderten. So war es ihm denn auch möglich geworden, sich als Hausirer eine kleine Summe zu erübrigen. Für einen solchen Menschen sind die ersten hundert Thaler die Klippe in seinem Leben, welche er zu erklimmen hat. An jedem Groschen hängen Tropfen des Schweißes und harte Entbehrungen. Hat er aber diese erst erlangt, so ist er wirklich über den Berg, und nur außergewöhnliche Unglücksfälle können ihn hindern, zu einem großen Vermögen zu kommen, das freilich nur von seinen eignen Augen gesehen wird. Als eine solche Figur kostete es ihm außerordentliche Mühe, sich einen Schutzbrief zu verschaffen. Erlangte er ihn dennoch, durch unermüdliches Bitten, durch Laufen und Rennen, wie man zu sagen pflegt von Pontius bis Pilatus, selbst durch Vordringen zur allerhöchsten Person des durchlauchtigsten Fürsten, so daß er mehrmals auf dem Punkte stand, mit Gendarmen über die Gränze gebracht zu werden, und man ihm endlich das verlangte gewährte nur, weil man Ruhe vor ihm haben wollte; wenn er, sagen wir, endlich zu diesem Ziele gelangte, so hatte doch Bär keinen Antheil daran. Er wollte keine Gemeinschaft mit dem schmuzigen Landsmann haben, und fürchtete von ihm compromittirt zu werden. Es war seinem Sinne nach genug, daß er ihm nicht noch Hindernisse schuf. — In dem SchutzKriefe, den endlich Wolf in seinen vor Freude zitternden Händen hielt, stand, wie im Schutzbriefe jedes Juden, auch eines Rabbiners oder Lehrers, daß dem Inhaber gestattet sei, auf Pfänder zu leihen und Geld auszuborgen, und dabei war gleich der sehr hohe Zinsfuß bezeichnet, bis zu welchem er in seinen Geschäften gehen könne. An den ersten Punct hielt sich Wolf, an den zweiten nicht immer. Er lieh also auf Pfänder, und dieses Geschäft war in der kleinen Residenz sehr blühend. Man konnte fast sagen, je größer die Concurrenz, desto umfangreicher wurde dieses Geschäft. Der schlaue Wolf lernte dadurch bald den offenen und den geheimen Besitzstand aller der Einwohner kennen, deren Bilanz in Activis und Paffivis sich nicht immer gleich stand, und die sich recht häufig in größeren oder kleineren Geldnöthen befanden. Am rechten Orte half daher Wolf auch ohne Pfand aus, wenngleich nur gegen entsprechende Sicherheit und mit großem Nutzen. Da er mit seinen sich mehrenden Mitteln sehr gut Haus zu halten wußte, vermochte er bald auch ziemliche Summen an die kleinen Bürger und Handwerker zu verleihen, die ihm dieselben durch kleine wöchentliche oder monatliche Zahlungen zurückerstatteten und die er dadurch fortlaufend in seinen Händen hatte. Darum kostete ihm sein Bedarf auch blutwenig, denn derselbe fiel theils als Nebenbedingung, theils als mehr oder weniger freiwilliges Geschenk nebenbei ab, und der Schuster und der Schneider stellten seine armselige Kleidung immer wieder umsonst her, da sie ihn in guter Laune erhalten mußten, eine gute Laune, die ihnen doch, ohne daß. sie es recht wußten, sehr hoch zu stehen kam. Nach Ansehen und Leumund fragte Wolf sehr wenig, und dem ungeselligen Menschen war es sehr gleichgiltig, was die Leute von ihm sprachen. Am unangenehmsten wäre es ihm gewesen, wenn diejenigen, mit denen er doch keine Geschäfte machen konnte, ihm den Besitz von Vermögen zugetraut hätten. Er nahm daher ohne Murren seinen Beinamen auf sich und heirathete in das kleine Haus hinein, wahrscheinlich in der Gewißheit, daß seine Frau und seine Schwiegerältern seine Lebensansichten und Gewohnheiten theilten. Darin hatte er sich wohl auch nicht geirrt, denn seine Lebensweise blieb dieselbe. Er ging immer noch selbst in die „Scharrn", um den Kopf eines geschlachteten Thieres zu kaufen, von welchem die Familie fast die ganze Woche zehrte, und auf. den Markt, um die gewöhnlichsten Fische, Gemüse, Brodkorn u. dgl. zu den niedrigsten Preisen zu erhandeln. War er dadurch doch gewiß, daß sich seine Eva nicht einmal zu einem besonderen Apfel verleiten ließe, oder daß er sich ängstigen müsse, die schlechten Waaren wären noch wohlfeiler zu beschaffen gewesen. Dennoch darf man nicht glauben, daß