Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1872)
- Date
- 1872-03-05
- Page
- Seite 198 (sequence 20)
- Language
- German
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der arme Wolf unglücklich gelebt oder seine -Familie unglücklich gemacht habe. Es herrschte völlige Eintracht in seinem Hause, seine Frau liebte ihn, seine Schwiegerältern erachteten ihn für den klügsten und erfahrensten Kopf, und in der That war sein Schmerz unaussprechlich groß, als er hinter der Bahre feines jungen Weibes ging und daheim das verwaiste Töchterchen wußte, an welches sein ganzes Herz sich festklammerte. Nein, des Menschen Herz verödet nie ganz, und wenn es selbst dem Steinfelde gleicht, so springt doch'an irgend einer Stelle unter den Kieseln ein kleiner Quell, ein schmaler, aber klarer Wasserstrahl hervor, der fortfließend' einige Streifen Gras, hier und da mit einem bescheidenen Blümchen geschmückt, hervorlockt. Sind wir denn dessen so gewiß, daß in dem üppigen Hause des reichen Bär ein gleicher Friede, eine gleiche Übereinstimmung unter den Bewohnern herrschte, und daß der Ueberfluß und der Flitter, die darin walteten, Eifersucht und Neid, Sorge und Zank von der Schwelle zurückhielten? Wr wollen darüber nichts sagen, da uns nichts sicheres bekannt geworden ist. Aber kein Sterblicher vermag das Glück und den Erfolg an den rollenden Wagen seines Geschickes dauernd zu fesseln. Wird der Weg uneben, den er zu ziehen hat, und steigt mühsam hinauf, so mag es immer noch angehen; aber wehe! wenn er hinunterfährt, immer jäher, immer abschüssiger, und unten ein Abgrund gähnt, bis zu dessen Rande die Entfernung sich schnell vermindert — wird keine rettende Hand das hinabschießende Gefährt aufhallen? Es ist oft erstaunlich, welche lange Zeit hindurch es einem Menschen wohl geht , und was er auch untere nimmt, ihm gelingt; plötzlich jedoch und ohne sichtbare Ursache schlägt das Wetter um, alles geht conträr und das Unheil wächst, bevor er sich seiner recht bewußt geworden ist. Im Grunde genommen waren die Chancen für Bär und Wolf sehr ungleich, aber für den letzteren günstiger als für den ersteren. Man glaubt nicht, wie sich der Besitz aufhäuft, wenn immer und immer wieder erworben und wenig verbraucht wird. Aber wie Wachs schmilzt selbst der Reichthum, wenn ein luxuriöses Leben fort und fort große Summen verschlingt, und der Erwerb nicht gleichen Schritt hält. Wolf kannte kein Ansehen der Person und kein Mitleid; leistete ein Schuldner nicht, was er versprochen, und Wolf glaubte sich irgendwie gefährdet, so verfolgte er ihn mit dem Schwerte des Gerichtes, bis er erlangte, was er zu fordern hatte. Bär konnte mit seinen Cavalieren nicht so verfahren; diese besaßen in ihrer Sippe einen solchen Rückhalt und der erste schmähliche Proceß würde Bär in den Augen des ganzen Adels so compromittirt haben, Paß seine Verbindung mit diesem sofort ein Ende gehabt hätte. Er verlor daher bisweilen große Summen und mußte fiillschweigen. Die Vortheile, die man ihm dafür zukommen ließ, ersetzten ihm mit der Zeit diese Ausfälle durchaus nicht. Dies mußte ihm wohl klar werden. Aber furchtsam und geängstigt wie er war, scheute er sich um so mehr, Bilanz zu machen, und hielt deshalb fein Vermögen noch immer für größer, als es bereits nicht mehr auf den festen Füßen stand wie vordem. Als er sich nun seinen Eidam in dem großen Banquier der Residenz des mächtigen Nachbarstaates erkor, mußte er diesen neuen Glanz seines Hauses, dieses vermeintliche Glück seiner Tochter mit einer ungeheuren Mitgift erkaufen, die eigentlich weit über seine Kräfte ging, und um sie zur rechten Zeit, d. h. am Tage vor der Hochzeit zu zahlen, mußte er möglichst alle Capitalien zufammenraffen, die ihm zu Gebote standen und die zu keinem kleinen Theile nicht einmal sein Eigenthum waren. Er tröstete sich mit der Erwartung, daß der Credit seines Schwiegersohnes ihm jederzeit aushelfen und die Fortsetzung seiner Geschäfte ermöglichen würde. Vielleicht war es das Bewußtsein dieser seiner sorgfältig verdeckten Schwäche , welches ihn an jenem verhängnißvollen Sabbath so reizbar gegen den armen verachteten Wolf machte, wodurch er in diesem einen unversöhnlichen Feind gewann. Sein Eidam zeigte sich ihm denn auch dienstfertig, und unter dem Vorwände, sehr große Geschäfte unternehmen zu können, wurden ihm von diesem bedeutende Summen vorgestreckt. Nach einiger Zeit gewahrte er aber zu seinem Schrecken , daß es mit seines Schwiegersohnes .Vermögenszuständen auch nicht ganz klar stehen müsse. Denn statt des bäaren Geldes erhielt er von ihm Wechsel auf andere Häuser und mußte schließlich dafür seine Unterschrift unter Wechsel seines Eidams setzen. Alles dies zur rechten Zeit, ichmer wieder auszugleichen und durch ein anderes Hülfsniittel das zu ersetzen, was im Augenblicke bezahlt werden mußte, warf ihn nach und nach in ein Meer von Sorgen, die der Mann in seinem vereinsamten Hause schwer ertrug. Da brach der Krieg aus. Die meisten seiner heimischen Schuldner zogen ins Feld, und anstatt ihren Verpflichtungen gegen ihn nachzukommen, bestürmten sie ihn mit außerordentlichen Anforderungen. Man wollte ihn durch Lieferungen entschädigen. Ja, wenn sie ihm geglückt wären! Aber es ging ihm jetzt alles schief. Ein Mißwachs, der in weiten Länderstrecken eintrat, erhöhte die Preise dessen, was er zu liefern hatte, zu einer unerhörten Höhe, so daß er schon froh sein mußte, wenn ihm der Staat eine kleine Entschädigung für große Verluste bewilligte. Dabei kam es wiederholt vor, daß seine Lieferungen vom siegreichen Feinde genommen wurden, bevor er sie noch an die ihm angewiesenen Stellen abgeliefert hatte. Kurz, Bar war, als die Glocken den Abschluß des Friedens verkündeten, ein ruinirter Mann. Eine allgemeine Krise,, welche der zwischen ihm und seinem Eidam bisher gepflogenen Wechselreiterei ein Ende machte, zog auch diesen ins Verderben hinein , und eines Abends kam seine Tochter mit ihren Kindern in feinem Hause jenseits der Langgasse an mit der Trauerkunde, daß ihr Mann verschwunden sei und seine Gläubiger alles mit Beschlag belegt hätten , was von seiner glänzenden Einrichtung vorhanden gewesen sei. (Fortsetzung folgt.)... Verlag von Baumgärtner's Duchhändlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirfchfeld» Verantwortlicher Redrcteur Dr. H. Lotze.