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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-03-05 · Heft 10 (5.3.1872) · p. Seite 196

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 10 (5.3.1872)
Date
1872-03-05
Page
Seite 196 (sequence 18)
Language
German
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sprünglich aus dem eignen Entschlüsse hervorging, darum nicht als seinem Willen unterworfen angesehen werden kann, weil der Mensch die Wirkungen und Folgen desselben für ihn nicht vorauszusehen vermochte. Für das, was man einen Jrrthum seines Lebens nennt, ist der- Betreffende dennoch nicht verantwortlich, zu machen, weil es sich eben als Jrrthum, als Quelle großen Schadens erst später, bisweilen durch Umstände bedingt, die durchaus nicht von ihm abhängen, herausstellt. Höchstens kann er bei solchen Vorkommnissen an geschuldigt werden, wenn er leichtsinnig oder gar leichtfertig zu Werke gegangen ist. Sobald also der Mensch mit Besonnenheit nack bestem Wissen und Gewiffen handelt, ist er für Folgen, die dennoch zu seinem Schaden eintreten, nicht anzuklagen. Dessen ungeachtet ist der freie Wille des Menschen für sein Lebensglück von größtem Belang. Soll ich es mit kurzen Worten sagen, was ich meine? Ueber die großen entscheidenden Ereignisse seines Lebens ist der Mensch wenig Herr, theils, weil sie ihm gegeben werden, theils, weil er die Folgen seines Thuns nur in geringem Maße überschauen kann; aber über die Stimmung in jedem Augenblicke, und das Leben besteht nur aus Augenblicken, über.die Auffassung dessen, was ihm begegnet, über die Herrschaft, welche die äußern Dinge aus ihn ausüben, darüber ist er Herr, und dies macht den wesentlichsten Theil seines Glückes oder Unglückes aus. Wer genauer beobachtet, sieht, daß die bei weitem größere Zeit des Lebens nicht von Dingen und Ereignissen beherrscht wird, die einen entscheidenden Inhalt, die eine hohe Freude oder einen tiefen Schmerz mit sich bringen. Die größere Zeit des Lebens ist in dieser Hinsicht, ich möchte sagen, indifferent,, neutral, und es liegt in der Gewalt des Menschen, daraus zu machen, was er will. Diese Anschauung, diese Stimmung, ist das Glück oder Unglück, das der Mensch sich selbst schmiedet. Die großen Schläge des Schicksals mit Gottvertrauen und Geistesstärke zu bestehen, ohne sich beugen oder zermalmen zu lassen, die schweren Bürden mit Geduld und Ergebung zu tragen, ohne sich erdrücken zu lassen, das ist der schwierige und notwendige Beruf des Menschen. Aber viel bedeutender ist für ihn die Aufgabe, in den weiten Zwischenräumen dieser Lebensstationen mit ruhigem, heiterm, mildem Sinne hinzuwandeln und sich den Blick stets offen und klar zu erhalten, um die Dinge nach ihrem rechten Werthe zu beurtheilen. Die Stimmung der Seele ist eine leicht wandelbare und hängt in der Regel von Kleinigkeiten ab. Du hörst eine Nachricht, die dir nicht gefällt, obschon sie dich eigentlich nicht berührt, und du bist verstimmt und reizbar. Du gehst an jemandem vorüber, auf den du etwas giebst, er grüßt dich freundlich und achtungsvoll und du bist die nächste Stunde wohlgelaunt. Du hängst von sehr kleinlichen Begegniffen ab, und dadurch werden selbst die Stunden der Ruhe und der Zufriedenheit mannichfach gestört. Wie viele trübe Stunden bereitet dem Menschen die Empfindung des Neides, die nicht aus dem eignen Unglück, sondern aus dem vermeintlichen Glücke des Nächsten ihre Bitterkeit schöpft; wie viele Wirrsale und Trübnisse schafft uns die Empfindlichkeit > die in jedem selbst gleichgiltigen Worte, in jeder an sich unbedeutenden Geberde, in werthlosen Unzukömmlichkeiten, in Kränkungen, die wir übersehen könnten, einen Quell der Aufregung, des Verdrusses, des Aergers, des Zornes findet, deren Wermuth oft die zartesten und innigsten Bande anfrißt und auflöst. Ich brauche alle diese, das Leben sehr verbitternden, die Ruhe störenden Einwirkungen nicht zu schildern; die bloße Andeutung schon genügt. Wenn wir uns nur gewöhnt hätten^ stets, wenn uns etwas bewegt, in unser Inneres hineinzuschauen, um die Ursache zu erkennen: wie schnell würde sie schwinden, da wir ihrer Nichtigkeit uns bewußt werden würden. Hierüber also Herr zu werden, und dadurch unser Leben ruhiger zu gestalten, das Gleichmaß der Seelenstimmung immer zu bewahren und uns. so selten wie möglich aus der Besonnenheit und Milde herausreißen zu lassen, das müssen wir erstreben, hierin liegt die wahre Lebensweisheit. Ich gebe zu, daß eine Vollendung in dieser Herrschaft über uns selbst, in dieser Klarheit und Schärfe niemand erlangen kann, umsoweniger, als es ebenso gefährlich wäre, unsre Empfindungen ganz abzustumpfen und uns gleichgiltig gegen die Einflüsse der Dinge zu machen.. Das Herz muß immer offen, das Gefühl rege, der Sinn zart bleiben. Auch das verkenne ich nicht, daß wir hierbei mit unfern Gemüthsanlagen^ mit dem, was sich von Jugend an in uns herausgebildet hat, zu rechnen und zu kämpfen haben. Dies sind Schwierigkeiten; aber wir können und müssen sie deßhalb überwinden, weil unsre Ruhe, unser wahres Glück davon abhängt. Lassen Sie mich nun zym Abschluß unsrer Betrachtung kommen. Auch eine Ghettogeschichte. (Fortsetzung.) Doch wir müssen uns erst umsehen, auf welchen Wegen unsre beiden Helden bisher gegangen waren. Bär war also mit einer damals für Reichthum gehaltenen Summe, nebst einigen Empfehlungen seiner Gönner aus seiner Vaterstadt, nach N. gekommen. Es konnte ihm daher nicht schwer werden, von dem freisinnigen Fürsten einen Schutzbrief zu erhalten, d. h. das Recht, sich in N. niederzulassen. Bär trat nun auch als reicher Mann auf, miethete sich eine größere Wohnung, richtete sich nach damaligem Geschmacke glänzend ein, und zeigte sich freigebig gegen die Gemeinde und ihre Armen, wohlgemerkt, was er that, geschah so, daß die Leute es erfuhren und es sich mit erstaunter Miene erzählten. Seine Erscheinung, die Art wie er sich trug und benahm, gab ihm für jene Zeit'das bei einem Juden seltene Aussehen der Feinheit und einer gewissen Bildung. Es wurde ihm

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