Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1872)
- Date
- 1872-03-05
- Page
- Seite 195 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Zeitung -es Zudenthums. FeuMon-Leiiage zu Ar. 10. Leipzig, den 5. März 1872. Vertrauliche Briefe. VII. Es war eine Zeit, und sie ist kaum ein halbes Jahrhundert vorüber, wo man jeden Palast, jedes große Haus für eine Höhle der Bosheit und des Lasters, jede Hütte für die Stätte der Tugend und des Friedens ausgab. Jetzt aber kommt es mir vor, als ob man in den entgegengesetzten Jrrthum verfallen ist, und jeden mit Eleganz und Reichthum ausgestatteten Raum für einen Wohnsitz des Glückes und der Freude hält, jede geringere und ärmliche Menschenwohnung für einen Ort des Elends und des Jammers. Dies alles ist falsch , und jedes Haus, ob groß oder klein, birgt so viel Heil und Unheil, wie feine Bewohner hine'mtragen. Ich habe nicht blos vermöge meines Amtessondern auch, weil ich mich in den Jahren 1846—1856 viel mst den gewerblichen Verhältnissen und mit volkswirthschaftlichen Fragen beschäftigte, die verschiedensten Elasten der Gesellschaft aus eigner Erfahrung kennen gelernt. Da ergab sich mir oft, daß ich z. B. Sonntags in die Stube des sogenannten kleinen Mannes eintrat, und den Arbeiter, welcher ausruhte, reinlicher gekleidet, fein Kind auf dem Knie schaukelnd traf, während die Frau am Herde eine Lieblingsspeise bereitete, und die anderen Kinder aufmerksam und fröhlich sie umgaben, ein Bild des einfachen, aber tief gefühlten Glückes; trat ich sodann in das Zimmer eines Reichen, das von Luxus und Ueberfluß umgeben war, so bot sich mir ein ganz anderes Bild und es trat mir nur Verdrießlichkeit, Hochmuth, Leere, Unfrieden entgegen. Ich habe Rohheit und Brutalität bald in der einen wie in der andern Sphäre gefunden, und konnte mich niemals überzeugen, daß im wahren Genüsse des Lebens, im richtigen Verständniß desselben und im Begreifen seiner Chancen die eine Classe vor der anderen einen Vorzug hätte. Zweierlei ist die ächte Grundlage des menschlichen Glückes: das gute Bewußtsein und die Liebe. Wo diese beiden Eigenschaften vorhanden sind, wo das Gefühl treuer Pflichterfüllung und inniger Liebe in den Gliedern einer Familie lebt, da ist das Glück zu Hause, auch Sorge und Entbehrung werden leichter getragen, auch der Schmerz gelindert, wenn diese nicht zu überwältigend, zu auszehrend sind. Wo aber das gute Bewußtsein und die Liebe fehlen, da helfen alle Schätze Golkonda's, alle Ehren der Welt nichts. Ich weiß nun allerdings, daß ich hiermit nichts neues lehre, und mancher, dem dieser Brief vor Augen kommt, wird über die alte Weisheit lächeln. Desto schlimmer für ihn. Es ist wohl an der Zeit, die Menschen wieder daran zu mahnen. Wenn ich die Führer der sogenannten socialen Bewegung, d. h. der Arbeitermaffen, ihre Reden halten höre, die nur darauf ausgehen, dem Volke einzureden, es sei unterdrückt, ausgebeutet, elend, verkümmert, und seine Lage unerträglich, während andere Elasten in Glück und Lust schwelgten, so ergreift mich oft ein fast leidenschaftlicher Zorn über all dieses Truggewebe, in welchem dasjenige, was in gewissem Maße wahr und richtig ist, benutzt wird, um das Volk zu betrügen und ihm diejenigen Mittel zum Glücke ganz aus der Seele zu reißen, welche jedem Menschen als solchem zu Gebote stehen. Nein! ich möchte dem Volke nicht sagen, daß seine Lage nicht gebessert werden müsse, daß nicht noch größere Gerechtigkeit gegen dasselbe zu üben sei; aber ich würde hinzufügen: glaubt nur nicht, daß mit einem - größer» Lohne, mit einem reichern Maße von Erwerb ihr glücklicher und zufriedner werdet; das liegt anderswo, das liegt in der sittlichen Anschauung des Lebens, und die Verbesserung eurer Lage wird keine wahrhafte sein, wenn nicht eine moralischere Anschauung, eine richtigere Würdigung dessen, was der Mensch aus sich selbst schöpft und was ihm Niemand geben kann, die Menschenwelt durchdringt. Von hier aus läßt sich nun auch leichter die andre Frage besprechen: hängt der Mensch mehr von der Fügung, von dem Zusammentreffen der Verhältnisse, oder von sich selbst und seinem Willen ab? Beide Gewalten, beide Einflüsse sind nicht zu läugnen. Das Sprüchwort: jeder Mensch ist seines Glückes Schmied, ist nur ein halbwahres Wort. Denn in der That giebt es sehr viele Momente im Menschenleben, und zwar von der Geburt bis zum Grabe, die durchaus nicht von ihm abhängen, sondern ihm gegeben werden, selbst solche, die er durch keine Anstrengung zu ändern vermag. Ich gehe hierin noch etwas weiter, und sage, daß vieles, was ur-