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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-03-05 · Heft 10 (5.3.1872) · p. Seite 183

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 10 (5.3.1872)
Date
1872-03-05
Page
Seite 183 (sequence 5)
Language
German
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die Aussicht vorhanden, daß älle öffentlichen Schulanstalten confessionslos werden, so kann dies uns nur cingenehm sein. Für uns hatte die bisherige öffentliche Schule nur einen confessionell feindlichen Charakter, und es lag uns stets ob, für die Pflege unserer Confession selbst zu sorgen. Wir sind dabei ohne Einfluß auf den Staat und ohne Mithülfe vom Staate geblieben, und haben eine außergewöhnliche Lebenskraft bethätigt — daher sehen wir nur Nutzen darin, wenn es in Zukunft den Kirchen ebenso geht. Aus diesem Bewußtsein heraus, nicht aus bloßem Liberalismus und nicht aus kirchenfeindlichem Sinne, erscheint uns der Wendepunct, in welchen Preußen und Deutschland getreten ist, als ein großes segensreiches Ereigniß für die menschliche, staatliche und freiheitliche Entwickelung. Literarischer Wochenbericht. Bonn, '16. Februar. Wir sind durch den Andrang deffen, was seinen Raum augenblicklich fordert, in unserm literarischen Wochenberichte sehr zurückgeblieben, und wollen es versuchen, das Versäumte baldmöglichst nachzuholen. Beschäftigen wir uns zuerst mit den Schriften kleinern Umfanges, den Broschüren und Heften, welche eben der Aufmerksamkeit der Presse mehr benöthigt sind, als umfängliche Werke, weil jene leichter übersehen und schneller im Strome der Zeit hinweggeschwemmt werden, während sie dieses Geschick oft durchaus nicht verdienen. — „Ein psychologischer Blick in unsere Zeit. Vortrag, im wiffenschaftlichen Verein in der Singakademie am 20. Januar 1872 gehalten von Professor Di-. M. Lazarus. Berlin, Dümmler, 1872." Dieser geistreiche und in seiner Form schwungvolle und höchst correcte Vortrag hat zum Ziele, die Nothwendigkeit zu betonen, der praktischen Tendenz und der Vorherrschaft der exacten Wissenschaften in unserer Zeit gegenüber, auch' dem Idealen den ihm gebührenden Raum wieder zu gewinnen, und macht auch diesesmal den Grundgedanken des Redners erkennbar, dieses Ideale, besonders die Psychologie, gleichfalls zu einer exacten Wisienschaft zu gestalten. Hiervon erwartet er besonders für die Erkenntniß der Geschichte die glücklichsten Resultate. Stimmen wir dem wackern Denker in diesem letzlern Puncte nicht bei, da wir in der 'Verschiedenheit der Objecte ein unüberwindliches Hinderniß 'für die Anwendung derselben Methode zu finden glauben, so freut es uns doch besonders, mit geist- und 'gemüthvvllen Worten von dem Redner nachdrücklich hervorgehoben zu sehen, daß die Verbesserung der socialen Verhältnisse, die Lösung der socialen Frage nicht blos auf materiellem Wege zu erreichen, sondern der Fortschritt auf dem ethischen und intellectuellen Gebiete für das gesammte Volk hierzu unerläßlich sei, was auch wir jüngst in diesem Blatte auszuführen versucht hatten. — „Die Sintfluth und die Fluthsagen des Alterthums, von Ludwig Diestel, Professor in Jena. Berlin, C. Habel, 1871." Der Verfasser schreibt „Sintfluth," wie selbst Luther noch schrieb, weil im Alt- und Mittelhochdeutschen sinfluot und sintfluot „allgemeine, große Fluth" bezeichnet, und erst später mit Beachtung der ethischen Motive Sündfluth daraus gemacht wurde. Wir haben dies hervorzuheben, weil der Verfasser zu dem Ergebuiß gekommen ist, daß die noachidische Fluth keine allgemeine gewesen sei, sondern nur eine sehr beschränkte, deren Schauplatz die große Ebene des südlichen Mesopotamien, gegen den Zusammenfluß des Euphrat und des Tigris hin, gewesen wäre. Zu diesem positiven Resultate kommt er mittelst der Berechnung, daß das Wasser erst in beinahe drei Monaten um 20 oder 21 Fuß gesunken sei, da die Arche bei ungefähr 15 Ellen Tiefgang am 17. Tage des 7. Monats sich niederließ, und erst am 11. des 10. Monats die Spitzen ver Berge erschienen. Da nun das Wasser am 27. Tage des 2. Monats sich ganz verlaufen hatte, also 4^2 Monat nach jenem Termiüe die Erdoberfläche völlig trocken war, so konnten die Berge nicht höher als 32 Fuß sein. Nach der Behauptung des Verfassers giebt es in der norddeutschen Tiefebene so genannte „Berge" von 30 Fuß genug. Darum konnte nach ihm diese partielle Ueberschwemmung nicht in Judäa sein, wo die Gebirge bis zu 3000 Fuß sich heben, der Libanon im Norden bis zu 8000 Fuß. Die Erwähnung des Ararat ist dem Verfasser ein späteres Einschiebsel. Wir gestehen, daß solchen Ausführungen, solcher mikrologischen Behandlung uralter Urkunden, wie der Verfasser selbst das betreffende Stück des Pentateuchs" nennt, und solcher kritischer Willkürlichkeit gegenüber die Auffassung in buchstäblicher Gläubigkeit uns viel berechtigter erscheint.*) Der Ver- *) Der Verfasser gerieth auch mit' sich in Widerspruch, -Hvenn er die noachidische Fluth aus dem Grunde nicht nach Aegypten versetzen will, weil im Nilthale die Überschwemmungen regelmäßig Vorkommen, während er selbst ängiebt, daß in der Tiefebene des Euphrats dasselbe der Fall äst.

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