Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1872)
- Date
- 1872-02-27
- Page
- Seite 167 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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MM 167 für den Vorbeter streicht, beseitigt man für die ganze Versammlung, und eine Erlaubniß, leise für sich anders zu Leien, ist keine Erlaubniß, denn es versteht sich von selbst, daß, wer leise betet, beten kann, was er will. Daran kann ihn niemand hindern, es ihm also auch niemand erlauben. Auch meinen sie mit Recht, daß die Streichung der Stellen, welche von der Rückkehr nach Palästina und der Wiederherstellung des Tempels und seines Cultus, so wie vom persönlichen Messias handeln, keine bloße Form, sondern wirkliche Principien betrifft, und die Offenheit nicht auf Seiten ihrer Gegner stehe, wenn man dies auf die gedachte Weise zu vertuschen suche. Wer also hiermit vorgeht, muß sich auf die Opposition der Orthodoxen gefaßt machen. Auf der Leipziger Synode waren es die Vertreter der wiener Cultusgemeinde, welche eine, wenn auch kleine Majorität gegen den dreijährigen Cyklus der Thoravorlesung, und für die Vorlesung eines Theiles der Sidra am Sabbathvormittag und des anderen Theiles am Sabbathnachmittag und etwa Montag und Donnerstag erwirkten. Sie machten auch dort geltend,, daß dadurch der Friede in ihrer Gemeinde erhalten würde. Dies ist auch nichts anderes als eine diplomatische Einrichtung, denn offenbar wird dadurch der größere Theil der Thora für die Mehrzahl der am Sabbathgottesdienste Teilnehmenden geradezu unterschlagen, da bekanntlich Nachmittags und in der Woche der Besuch des Gottesdienstes ein höchst schwacher ist, weshalb ein Protest der dagegen Stimmenden auf der Synode nicht ausblieb. Wir glaubten, diese Aeußerung nicht unterdrücken zu dürfen, gewiß nicht um das Feuer zu schüren, wohl aber um die Situation klar zu machen und ein entschiedenes Borgehen da zu befürworten, wo ein Vertuschen und Verhüllen doch zu nichts hilft. Lemberg, 13. Febr. Die D. Ztg. meldet: „Jene hochschwangere Jüdin, welche jüngst auf der Hebammenklinik des allgemeinen Krankenhauses interimistisch ausgenommen und in Folge Weisung des Landesausschusses 'im kritischsten Entbindungsmomente hinausgestoßen wurde, starb gleich darauf in Folge einer Geburt „auf der Straße"." (Solche Scheußlichkeiten geschehen im 19. Jahrhundert, und diese Menschen nennen sich civilisirt und treten im Namen der „Religion der Liebe" ctufjl Aber es ist hier eben nichts weiter vorhanden , als .eine herrschsüchtige und verbitterte Nationalität, der jede Gelegenheit willkommen ist, und sei es die geringste, um ihre Privilegien, ihre ausschließlichen Besitzthümer geltend zu machen! Redaction. Frankreich. Paris, 16. Febr. Wie die Arch. isr. versichern, ist die Erkrankung des Herrn Crsmieux nicht so gefährlich, wie die Zeitungen berichtet haben; man hegt die Hoffnung baldiger Wiederherstellung. Donaufürstenthümer. Bukarest,.13. Februar, vr. Leopold Rokonstei n, Oberrabbiner in Bukarest, ist am 2. Februar gestorben. Er wurde im Jahre 1822 in Pacs im Tolnaer Comitat geboren, und wirkte bis zum Jahre 1848 in Großwardein als Oberlehrer und ungarischer Prediger der reformirten jüdischen Gemeinde. Während dieser Zeit wurde er zum Dr. der Philosophie promovirt. Er war der erste Jude, der eine Religionslehre in ungarischer Sprache verfaßte. In den Jahren 1848/49 diente er als Honvsdmajor in der ungarischen Armee; von 1851—1859 war er Oberrabbiner in Agram; 1861 gründete er in Pest den „Magyar Jzraelita"; 1865 übernahm er die Stelle des Oberrabbiners zu Steinamanger. Im Jahre 1871 erwählte ihn die bukarester jüdische Gemeinde zu ihrem „Grand-Rabbin", als welcher er sein thatenreiches Leben beschloß. Er gehörte also nur wenige Monate der Gemeinde Bukarest an. Die Vorgänge in Ismail. Die „N. fr. Pr." enthält folgende Correspondenz: „Der Judenkrawall in Ismail hat größere Dimensionen angenommen, als man geahnt hatte. An die 60 Häuser wurden zerstört, eine, große Zahl Israeliten körperlich mißhandelt und viele (darunter der Rabbiner) verhaftet. Die meisten sind geflüchtet, andere haben auf dem im dortigen Hafen überwinternden östreichischen Schiffe „Pest" Unterkommen und Schutz gefunden. Die ganze Affaire war eine künstlich organisirte, um die Juden der Archenschändung zu beschuldigen und,