Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1872)
- Date
- 1872-02-27
- Page
- Seite 163 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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163 ihnen vorliegenden Angaben, ja auch nur der Legitimation selbst, zu prüfen und zu beurtheilen? > Esdürfte sich lohnen— und ich behalte es mir vor — in diesen geschätzten Blättern einmal auseinander zu setzen , wie diese Atteste in Polen eigentlich entstehen, und wie man es dort anfängt, um in den Besitz eines solchen nrö zu gelangen, das dem Inhaber eine lebenslängliche Rente und eine Anweisung „auf Nichtsthun und Wohlleben, zahlbar in jeder jüdischen Gemeinde Deutschlands" garantirt. Für heute beschränke ich mich darauf hinzuweisen, daß mit diesen im obigen charakterisirten Persönlichkeiten die große Schaar derer, die wirklich durch langjährige, hinlänglich bekannte politische, sociale und theilweise auch religiöse Mißstände*) der Noch in die Arme getrieben worden sind, auch nicht im geringsten verglichen werden darf. Zu dieser gehören Männer, die noch bis ^vor kurzem als wohlhabende Kaufleute mit unserer Provinz in Geschäftsverbindung standen, Handwerker, die bei dem besten Willen sich nicht mehr zu ernähren vermögen, Arbeiter, deren schwielige Hände die Spuren der Arbeit verrathen, vater- und mutterlose Waisen, die im desolatesten Zustande sich bis hierher schleppen und bittend ihre Arme ausstrecken, bittend, nicht bettelnd, bittend und flehend, daß ihnen Gelegenheit zur Auswanderung, zur Arbeit, zur Ausbildung, zur Erlernung eines Gewerbes gegeben werde. Man wage sich einmal in diese in jeder Gränzstadt vorhandenen, in unserer Stadt nach Dutzenden zählenden Höhlen der Noth und des Elends, gewinne einen Einblick in die herzzerreißende Lage dieser Menschen, die mit einer uns kaum verständlichen Energie Hunger, Kälte und Entbehrung jeder Art ertragen, vor keiner, selbst der niedrigsten wie härtesten Arbeit zurückbeben — alles nur in der Hoffnung, entweder nach Amerika befördert zu werden, wo ihnen Arbeit oder ein Asyl bei Verwandten winkt, oder Gelegenheit und Mittel zur Erlernung eines Gewerbes zu erlangen. . Während aus dem Berichte des Hauptgränzcomits's ersichtlich ist, in welcher Weise die von Privaten adoptirten oder auf Kosten der Comits's erzogenen Knaben den auf sie gesetzten Hoffnungen entsprechen, frage man nur bei den hiesigen mit Rußland in Verbindung stehenden Kaufleuten an, welche beträchtliche Summen ihnen *) Man lese hierüber die „Denkschrift des Königsberger Hauptgränzcomits's, und die zahlreichen Artikel dieser Zeitung und des Hamagib, 1869. Zweites Halbjahr. in den letzten zwei Jahren von den durch das Hauptgränzcomits nach Amerika beförderten Personen zugesendet worden sind, um den zurückgebliebenen Angehörigen derselben die Ueberfahrt nach dort zu ermöglichen — und man entscheide dann in Deutschland, auf welche Weise die Liebesgaben besser verwendet und der anzustrebende Zweck, unseren westrussiscben Glaubensgenossen zu helfen, wirksamer und sicherer erreicht wird, und ob nicht die Bemühungen der Alliance Isra&ite, und ihrer Localcomits's, sowie der vom ersten Gemeindetage eingesetzten, bis zur Stunde noch wirkenden Subcomits's, zumal jetzt, wo sich die Meinungen geklärt und die Comit6's ihre Unparteilichkeit und Gewissenhaftigkeit 'nach jeder Seite hin bewährt haben, auf die wirksame Unterstützung aller religiösen Parteien Anspruch erheben dürfen. Aus dem vor einiger Zeit ausgegebenen zweiten Verwaltungsberichte des Hauptgränzcomits's in Königsberg, der im obigen Schreiben erwähnt wird und die Zeit vom 1. Juli 1870 bis 1. Juli 1871 befaßt, der also die Zeit des Krieges und der ersten Friedensmonate betrifft, heben wir folgende die factischen Berhältniffe betreffenden Angaben heraus. Zuerst heißt es hinsichtlich der Auswanderung: „An Stelle der früher ausgesprochenen Befürchtung, daß in den von uns bewirkten Auswanderungen für die dortigen Gemeinden die Gefahr eines jüdischen Proletariats drohe, haben die amerikanischen Journale offen erklärt, daß die von uns dorthin gesendeten Personen über dem Niveau der gewöhnlichen Einwanderer stehen und fast durchweg nüchtern und arbeitsam sind. Aehnlich hat sich das dortige Comit6 in Briefen an uns ausgesprochen, und aus den Verhandlungen des Board of Deputies ist bekannt geworden , daß von mehr als 500 durch unsere Vermittelung eingewanderten Personen nur 17 eine einmalige, und nur 5 eine zweimalige Unterstützung beansprucht haben, alle übrigen in der anständigsten Weise für ihren Unterhalt selbst sorgen. Außerdem wird dieses auch durch die Thalsache bezeugt, daß wir nicht nur bereits über 50 directe Schreiben in diesem Sinne erhalten, sondern auch auf Veranlassung des dortigen Comitö's eine nicht geringe Anzahl Frauen mit ihren Kindern ihren früher von uns beförderten, bereits zu sicherer Existenz gelangten Männern nachgesendet haben, wozu wir theilweise von dort aus schon die Mittel erhielten.