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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-02-27 · Heft 9 (27.2.1872) · p. Seite 162

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 9 (27.2.1872)
Date
1872-02-27
Page
Seite 162 (sequence 4)
Language
German
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nrqnnen und bereits einige günstige Erfolge erzielt hatten, der französisch-deutsche Krieg losbrach, das Hauptcomit6 zu .Paris von dem Gränzhauptcomits zu Königsberg getrennt und zu weiterer Thätigkeit unfähig gemacht, und zugleich alle Interessen anderswohin gelenkt wurden. So blieb das schöne Werk unterbrochen und harrt noch gegenwärtig der Wiederanknüpfung. Jedermann weiß aber, wie schwer es ist, eine erloschene Theilnahme wieder zu entzünden. Hoffen wir, daß dies gelingen werde, und zwar in nicht zu ferner Zeit. An unserer Mithülfe soll es nicht fehlen, da wir von der Wirksamkeit der getroffenen Maßregeln vollständig überzeugt sind. Wir geben zuerst eine desfallstge Correspondenz aus zuverlässiger Quelle. Königsberg in Preußen. (Privatmitth.) Der in diesen Tagen vom Rabbiner Dr. Bamberger herausgegebene zweite Bericht des Hauptgränzcomits's zur Abhülse der westrussischen Nothstände enthält außer einer allgemeinen Darstellung der gegenwärtigen Verhältnisse in acht sorgfältig zusammengestellten Tabellen detaillirte Nachweisungen über die im letzten Jahre beförderten 288 Auswanderer, 38 seither adoptirten Waisen, 62 untergebrachten Handwerkslehrlinge, Schüler u. f. w., über 27 bereits ausgebildete Personen, sowie eine Uebersicht der dermaligen Cassenverhältnisse. Der Bericht thut dar , daß das Hauptgränzcomitö im Verein mit zwölf ihm zur Seite stehenden Sub- und Localcomit6's selbst während des Krieges seine Thätigkeit nicht ganz eingestellt hat und, so weit es die Umstände gestatteten, nach Kräften bemüht gewesen ist, seiner Aufgabe obzuliegen, die in der That nach wie vor allgemeine Unterstützung verdient. Ich will Ihrem geschätzten Blatte, das stets für diese Sache eingestanden ist und gewiß über diesen lesenswerthen Bericht Ausführlicheres mittheilen wird, nicht vorgreifen, kann aber aus eigner Wahrnehmung und Erfahrung bestätigen, wie die Verhältnisse unserer westrussischen Glaubensgenossen, die wundeste Stelle der gegenwärtigen Judenheit, eine chronische Krankheit bilden, die einer unermüdlichen und gründlichen, durch einmalige Liebesgaben nicht zu bewirkenden Remedur bedarf. Um so mehr ist es zu beklagen, daß dieses von der Alliance Isra&ite Universelle im Jahre 1869 organisirte Hülfswerk, zu dem ja auch Ihr Blatt in erster Reihe Anregung gegeben hat, nicht die verdiente Unterstützung findet, obgleich es vielleicht seiner Tendenz und seinem Umfange nach nur noch mit der den Marannen im 16. und 17. Jahrhundert seitens der holländischen Gemeinden gewordenen Theilnahme eine gewisse. Analogie aufzeigt. Wie für jene von dem beständigen:, Damoklesschwerte bedrohten Opfer der blutigen Inquisition die gastlichen Häfen der Niederlande Sicherheit, Freiheit und menschenwürdige Existenz bedeuteten, so ist für diese Marannen des 19. Jahrhunderts die Ueberschreitung - des preußisch-russischen Gränzpfahls der Inbegriff aller Sehnsucht, facht der deutsche Boden alle Lebensgeister von neuem an, läßt sie aufathmen und erfüllt sie mit neuen, weittragenden Hoffnungen für die Zukunft. Freilich ist bei diesen polnischen und westrussischen Emigranten ein gewaltiger Unterschied zu beachten, sie bestehen aus zweierlei Juden. Die Clienten der Comits's dürfen nicht verwechselt werden mit den in Deutschland nur zu gut gekannten, im wahren Sinne des Wortes „landläufigen" Gestalten, die gewohnheitsmäßig das weiche Herz und den religiösen Sinn ihrer Glaubensgenossen Jahr aus Jahr ein ausbeuten. Diese schädigen nicht nur das Renommse der deutschen Israeliten, die ihren Stolz darein setzen, gerade durch Bildung und Arbeitsamkeit mit ihren Mitbürgern zu wetteifern und den jüdischen Namen nach dieser Seite hin immer mehr zu Ehren zu bringen, sondern sie wirken auch allen ernsten Bestrebungen, dem perennirenden Nothstände in Polen abzuhelfen, gerade dadurch entgegen, daß sie bei den einen das Urtheil über ihre Landsleute völlig irreleilen und das Interesse für dieselben ertödten, indem man nach ihrem Beispiele in jenen lauter unverbesserliche Vagabunden erblickt, während sie andererseits der guten Sache so viele besser zu verwendende Mittel entziehen. Der unermüdliche Moritz Kohner in Leipzig hat neuerdings auf diese Misere hingewiesen und Mittel zur Abhilfe vorgeschlagen, aber es wird meiner Meinung nach noch lange dauern, ehe man in Deutschland begreifen wird, in welcher unerhörten Weise sich unsere Mildthätigkeit mißbrauchen läßt, und aufhören wird, hierzu selbst noch die Hand zu bieten. Oder sind denn etwa unsere deutschen Rabbiner und Lehrer, die jedem mit einem over mehreren. hebräischen ausgerüsteten Polen das Visum ertheilen und ihn ihren Gemeindemitgliedern als Zeinen frommen, gelehrten und würdigen Mann" zur Unterstützung empfehlen, sind sie sich auch nur im entferntesten bewußt, welche Verantwortlichkeit sie übernehmen und wie es in diesem Falle mit dem *]7a aussieht.? Sind sie in der That im Stande,, die Authenticität der

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