Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1872)
- Date
- 1872-02-27
- Page
- Seite 160 (sequence 2)
- Language
- German
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WWWVWWMZWWWMMSWZWDDNWWWDWWWMWBW 160. bis dahin geführt haben, der wird eben die Macht der Verhältniffe auf die Meinungen, und wie aus diesen jene sich immer wieder von neuem entfalten, anerkennen. Die Stellung, um hier nur etwas anzudeuten, welche sich für Preußen aus der nationalen Bewegung von 1848 herausgebildet hatte, war durch die Schwäche der leitenden Persönlichkeiten und den entnervenden Einfluß der Reaction ganz unhaltbar geworden, und führte somit nothwendig zu dem Existenzkämpfe von 1866, und die dadurch geschaffene Situation nöthigte Preußen zur Annahme der deutsch-nationalen Idee. Der Fortgang hierin erwirkte eben so unvermeidlich den Zusammenstoß mit Frankreich, und dieser zwang die Südstaaten, mit Preußen in das deutsche Reich aufzugehen. Das deutsche Reich aber konnte eben so wenig die preußische Particulärreaction, wie den theils demagogischen, theils ultramontanen Particularismus in den Südstaaten ertragen, und müßte so von vorn herein auf ein liberales Fundament gestellt werden. War hiermit schon die Staatsleitung in Preußen gezwungen, andere Principien anzunehmen, als in der Reactions- und Conflictszeit vorwalteten, so kam nun noch ein neues Verhältniß hinzu, welches in dieser Richtung weiter treibt. In der katholischen Kirche nämlich war nach den tiefem Demütigungen, die sie in der französischen Revolution und deren Cönsequenzen erfahren hatte, der Trieb der Selbsterhaltung wieder mächtig erwacht , und dieser ergab sich der Natur dieser Kirche gemäß als Herrschaft der Kirche über den Staat, zunächst in den der Kirche naheliegenden Gebieten des praktischen Lebens. Ihrerseits suchte sie dieses Ziel durch die Wiederbelebung einer festgeschlossenen Hierarchie und durch die Einwirkung auf das Volk vermittelst der Kirche und der Schule. Die Staatslenker, von der Meinung ausgehend, daß der Altar die feste Stütze des Thrones sei, halfen ihr hierbei, räumten ihr den wesentlichsten Platz ein und liehen ihr möglichst den weltlichen Arm. Weiterschreitend erkannte die katholische Kirche immer mehr an, daß ihr in diesem ihrem Streben alle Zugeständnisse an die moderne Welt, alle Compromisse mit den liberalen Geistern nur schädlich seien, und daß ihr Heil und ihr Wachsthum allein in unbedingter Entschiedenheit bestehe. Sie steifte sich daher auf das non possumus, erließ Den Syllabus und brächte das vaticanische CoUcil zusammen, um die Unfehlbarkeit des Papstes als Dogma zu sanctioniren. So gewaltig diese Kraftentfaltung in der Kirche auch war, und theoretisch von einem großen Theile des Volkes getragen wurde; so fand sie doch zu einer Zeit statt, wo bereits der nationale und politische Geist und deffen Einwirkung auf daS praktische Leben, wo die Ausbildung des staatlichen Princips allm diesen Gelüsten der kirchlichen Herrschaft ganz fremd geworden war und ihnen daher stricte entgegentreten mußte. Nur von dem Abzüge der französischen Besatzung in Rom hing der Fall der weltlichen Herrschaft des Papstes ab, welcher gerade mit der Proclamirung jenes Dogma's zusammentraf, ohne daß in irgend einem katholischen Staate sich eine Hand zur Abwehr dieser Katastrophe gerührt hätte. Eben daraus mußte für das neue deutsche Reich eine feindselige Bewegung entspringen. Ein erster Versuch zeigte der ultramontanen Partei, daß sie vom deutschen Reiche, an dessen Spitze ein protestantischer Kaiser stand, eine Wiederherstellung deS Kirchenstaates nicht zu erwarten habe. Zu gleicher Zeit aber waren die deutschen Regierungen genöthigt, den einzelnen Mitgliedern der katholischen Kirche, welche das gedachte Dogma nicht anerkennen wollten, den Rechtsschutz zu gewähren, und hiermit trafen sie auf ein neues feindliches Moment der ultramontan gewordenen Kirche gegen sie. Hieraus ergab sich für die letztere die natürliche Veranlassung, ihr mit dem politischen Leben so vielfach verwachsenes Bestreben zu einer kirchlich-politischen Partei factisch zu gestalten und vor allem in den Parlamenten eine geschlossene Fraction zu bilden, welche den Regierungen, besonders der preußischen und der deutschen', weil diese sich ihr nicht ergeben wollten, heftige Opposition machte. Hierdurch wieder sind die Regierungen gezwungen weiter zu gehen, und die Trennung von Kirche und Staat zu verwirklichen. Zwei Maßnahmen bezeichnen diese Situation : die eine, welche einen Schutz gegen die in die Politik übergreifende Kanzel gewähren sollte, die andere, welche die Schule unter die alleinige Aufsicht des Staates bringen, factisch die Schulaufsicht nicht mehr unbedingt den Geistlichen überlassen soll. Diese letztere greift aber nicht minder in das Gebiet der evangelischen Kirche ein, und wird dadurch zu einem sehr bedeutungsvollen Wendepuncte. Wenn wir nämlich so die Verhältnisse, wie sie naturgemäß aus einander hervorgingen, die Staatslenker zu ganz andern Tendenzen und Principien drängen sahen, als sie früher bekannten und bethätigten: so war ihnen diejenige Partei, aus welche sie sich früher gestützt hatten, die conservative, bis jetzt, wenn auch bisweilen schon unwillig, gefolgt. Sie sagte sich zwar selbst, daß das deutsche Reich, wie früher der nord-