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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-02-27 · Heft 9 (27.2.1872) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 9 (27.2.1872)
Date
1872-02-27
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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36. Jahrgimg. Allgemeine JW 8« Zeitung -es Zu-enthums. Ein «n-arteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Herausgeg eben von Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Bonn. Leipzig, den 27. Februar 1872. Mese Zeitung erscheint wöchentlich einmal Dienstags, in 2 bis 2'/, Bogen. PrerS beS Jahrgangs 4 Mr. HEahrig 2 Mr. Merteljahrig 1 Thlr. Inserate werde» mit 2 Ngr. für die Petitzeile oder deren Raum berechnet. Alle Buchhandlungen, Postämter und Zertungs-Expeditwneu nehmen Nestellungen an; der Haupt-Expedition für beide Letztere hat sich daS Kömgl. Sachs. Haupt-ZntungS-Bureau unterzogen. Inhalt. Leitende Artikel r Ein Wendepunkt. — Die westrussischen Juden. Zeitungsnachrichten r Deutschland: Bielefeld, Königsberg i. Pr., Aus Baiern. — Oesterreichisch-nngarische Monarchie: Wien, Lemberg. — Frankreich: Paris.— Donaufürstenthümer: Bukarest, Bonn.— Rußland: St. Petersburg, Warschau. — Amerika: Bolivia. Feuilleton-Beilage r Auch eine Ghettogeschichte. — Vermischtest . Le itende Artik e l. Bonn, 18. Februar. Cm Vendepunct. Die augenblickliche Lage .im deutschen Reiche, namentlich auch in Preußen, ist eine kritische, die in ihrem Schoße mächtige Motive für die Zukunft trägt, und die deshalb vom allgemeiner» Standpuncte aus näher zu prüfen von Belang ist. Die Verwirrung, welche in Frankreich das Ergebniß kämpfender Parteien, in Oestreich dasjenige streitender Nationalitäten ist, überzieht jetzt auch Deutschland, und zwar ist sie hier von kirchlich-politischer Natur. Gerade deshalb interessirt auch uns diese Constellation ganz unmittelbar, wie wir weiter unten sehen werden. , Es. ist das große Gesetz der Entwickelung, daß die Verhältnisse und Meinungen so aufeinanderstoßen, daß sich die letzteren jenen fügen müssen, und hinwiederum durch die veränderten Meinungen die Verhältnisse modificirt werden. Auf diese Weise werden Wege eröffnet und Ziele erreicht, die weit ab liegen von dem, was die handelnden Personen anfangs gewollt over ihren Nachfolgern überliefert haben. Auf diese Weise wird der Fortschritt verwirklicht, und was vor Jahrzehnten der äußersten Partei angehörte, wird vorherrschend und all-, gemeiner Wille. Sieht man sich daher nach einiger Zeit um, so gewahrt man mit Erstaunen, daß sich sehr vieles realisirt hat, was vordem zurückgewiesen, bekämpft, ja als Utopie verspottet ward. Wir lasen vor einiger Zeit wieder einmal die Pariser Briefe Ludwig Börne's. In einem der letzten formulirt der radicale Schriftsteller seine Forderungen — und siehe da! es sind alle diejejenigen, welche jetzt jede rechtsgültige Verfassung als Princip und Gesetz enthält, wenn auch im Detail eine freiere Auffassung noch zu wünschen bleibt. Wie wird nicht die Bewegung des Jahres 1848 noch immer gelästert, und das, was sie auf ihre Fahnen geschrieben hatte, als unreif, wenn nicht kindisch, verschrien. Bei näherer Prüfung sieht man das meiste, noch ehe ein ganzes Vierteljahrhundert verflossen ist, verwirklicht. Das deutsche Reich, der König von Preußen als Kaiser, der deutsche Reichstag, das allgemeine Stimmrecht, die Gewerbefreiheit und Freizügigkeit, die Gewissensfreiheit und die Gleichberechtigung rc., sie sind unangefochtene Errungniffe geworden, und selbst die Trennung von Kirche und Staat ist die ernstgemeinte Parole des Tages. Wer nun die Fäden, rückwärts zu verfolgen sucht, welche

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