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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-02-20 · Heft 8 (20.2.1872) · p. Seite 157

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 8 (20.2.1872)
Date
1872-02-20
Page
Seite 157 (sequence 19)
Language
German
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Wollenstem und die Juden. Es ist bekannt, daß, nachdem lange Zeit ein großes Dunkel über dem Charakter, der Schuld oder Unschuld Wallensteins, des berühmtesten kaiserlichen Feldherrn inr dreißigjährigen Kriege, geschwebt, und der. große deutsche Dichter einen poetischen Nimbus um ihn gebreitet hat, der jedoch in der verfehlten Charakterzeichnung vor dem Auge des Geschichtsforschers sich schnell verflüchtigt, in den letzten Jahrzehnten die Acten über ihn von neuem geprüft, die Verhandlungen abermals geführt wurden. Viele bis dahin verborgene Papiere sind erschloffen und die Archive geöffnet worden. Da bemächtigte sich aber die Tendenz des großen Gegenstandes, und namentlich von katholischer und östreichischer Seite wurden alle Momente, die den geheimnißvollen Mann verurtheilen konnten, emsig hervorgehoben und mit Schärfe betont. Es war nur die Fortsetzung jener Jntriguen und Rücksichten, denen er als Opfer gefallen war, jenes parteiischen politischen Gesichtspunctes, aus welchem man sein Urtheil gefällt hatte. Nothwendiger Weise konnte es hierbei nicht seine Bewendung haben, und eine unparteiische Geschichtsforschung, die sich nicht einseitig auf die Documente eines Archivs stützt, sondern alles vorhandene Material benutzt, mußte möglichst die Wahrheit zu enthüllen suchen. Ein solches Werk liegt in der 1869 erschienenen „Geschichte Wallensteins von Leopold von Ranke" vor. Wenn nun auch in demselben die vollständige Lösung noch nicht gegeben und die räthselhafte Frage noch nicht allseitig beantwortet ist, so sind doch die Grundsätze, Triebfedern und Ziele sowohl des hochbegabten Mannes, als auch seiner Gegner sehr klar gelegt. Es geht daraus, was uns besonders interessirt, zur Evidenz hervor, daß Wallenstein in religiöser Beziehung vom Geiste der Duldsamkeit durch und durch beseelt war. Als Protestant geboren und erzogen, aber zum Katholicismus übergegangen, war er dennoch frei von jenem Verfolgungsgeiste, der in Renegaten gewöhnlich zum Vorschein kommt, wie z. B. im Geschichtschreiber Hurter selbst, der „Wallensteins vier letzte Lebensjahre" (Wien 1862) versaßt hat. Obschon Wallenstein die absolute Herrschaft des Kaisers in Deutschland, ja seine Suprematie über ganz Europa wenigstens während seines ersten Generalats (1626—1630) zum Ziele aller seiner Thätigkeit und Anstrengungen machte — was ihn" nicht behinderte, sein eignes Interesse und die Befriedigung seines Ehrgeizes und seiner Gewinnsucht damit zu identificiren — so hatte er doch Einsicht genug, um zu erkennen, daß dies nur durch die Beruhigung der Protestanten, durch einen aufrichtigen Religionsfrieden erreicht werden könnte. Än seiner .Kriegsführung nahm er daher auf Katholiken oder Protestanten keine besondre Rücksicht, seine Regimenter bestanden zu einem großen Theile aus Protestanten, unter seinen Obersten waren viele dieses Bekenntniffes, ja protestantische Fürstensöhne; er war ein entschiedner Gegner des unseligen Restitutionsedictes. Darum war er der mächtigen katholischen Partei verhaßt, und^sie führte seinen Sturz herbei. Diese freisinnige religiöse Denkweise erhärtete er auch den Juden gegenüber. Wir wollen hiermit nicht sagen, daß er ein besondrer Freund derselben war. Aber sobald er sie irgend von Nutzen fand, behinderte ihn kein religiöses oder nationales Vorurtheil, sie nicht allein zu benutzen, sondern auch zu begünstigen. Hieraus erkennt man erst recht den Charakter und die Denkweise Wallensteins. Es ist längst bekannt, daß er sie gern als Intendanten zur Herbeischaffung der Bedürfnisse seiner Heere verwendete. In dem oben genannten Werke Hurters, eines den Juden feindlich gesinnten klerikalen Schriftstellers, finden sich auch einige einzelne Vorkommniffe angeführt. Zuvor wollen wir noch bemerken, daß Wallenstein auch ein ausgezeichneter Administrator war, und jeden Augenblick seiner Muße darauf verwendete, seine ausgedehnten Besitzungen wirtschaftlich zu fördern, angemessene Einrichtungen zu treffen, die Justiz zu ordnen, Schulen und Gymnasien herzustellen, ja selbst an eine Universität in seiner Residenz Gitschin dachte. So werden ^uns die folgenden Stellen, deren erste das Jahr 1633 betrifft, nicht in Verwunderung setzen. S. 315: „Durch den Juden Bassevi wurde des Herzogs Aufmerksamkeit neuerdings auf den Bergbau gelenkt. Ein großes, wurde ihm gesagt, an Silber und an'Gold finde sich in den Gebirgen seiner Herrschaften. — Diesen Nutzen, erklärte er dem Landeshauptmann, wolle er sich nicht aus den Händen gehen lassen. Er habe ihm über die Sache Bericht zu erstatten. Finde er das Unternehmen vortheilhaft, so solle das Werk förderlich zur Hand genommen werden. Es scheint, daß auch Malowetz dieser Meinung war; denn bald darauf fragte er bei seinem Herrn an, wo er mit dem Bergbau beginnen solle, wiewohl er die Aeußerung alter Leute anführte, über die aufgewendeten Kosten hinaus werde, zumal im Anfang, wenig Gewinn zu hoffen sein. Hierdurch ließ sich Wallenstein jedoch nicht abschrecken. Ein Esaias Eckhard ward mit näherer Untersuchung beauftragt. Der Herzog ließ sich die Probezettel über die Ergebnisse der Untersuchung des Gesteins vorlegen und bestellte hierauf den genannten Bassevi zum Betrieb des Bergbaues mit voller Befugniß für ihn und seine Leute, aus Gebirgen, Feldern, Wiesen, ob ihm unmittelbar oder Lehnsleuten oder Unterthanen zugehörig, ungehindert graben und nachspüren zu dürfen." S. 325: „Ferner sollte Gitschin eine Handelsstadt werden. Hierzu gewährte er seinen Hofjuden Jakob und Leon Bassevi jeglichen Vorschub. Da sie ihre Maaren aus Prag in die friedländische Residenz abzuführen gedachten, befahl er dem Oberstwachtmeister desMaximilian- Waldsteinschen Regiments, ihnen alle Beförderung zu erweisen, Verhinderung abzuwenden. Er selbst ließ sich Waaren von ihnen liefern und befahl seinem Landeshauptmann, denselben 12,000 fl. auszubezahlen, „damit

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