Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1872)
- Date
- 1872-02-20
- Page
- Seite 156 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Eine cnriose Erdichtung. Das hohe Alter der jüdischen Glaubensgen offen schüft in mehrern europäischen Ländern ist historisch beglaubigt. Interessant ^möchte es nun sein, daß selbst in dem glaubenseifrigen unduldsamen Spanien von je her die Ansicht verbreitet war, die Juden hätten dort lange vor der Einführung des Christenthums, um so mehr also vor der Eroberung durch die Westgothen, gelebt. Als eigentümlichen'Beweis hierfür und zugleich als Curiosum wollen wir ausder im Jahre 1629 in Madrid erschienenen .Historia de Madrid von Quintana ein angebliches Domment aus dem ersten Jahrhundert nach der gewöhnlichen Zeitrechnung anführen und übersetzen. Quintana erzählt (kol. 35 af.): Die Juden waren nach der Zerstörung Jerusalems durch Nebukadnezar nach Spanien gekommen. Zumal in Toledo existirte eine große Gemeinde mit einer prächtigen Synagoge. An diese Gemeinde schrieben die Priester in Jerusalem und baten sie um Zustimmung zu der Hinrichtung Christi. Darauf erhielten sie folgende, aus einem ältern Werk, Padilla's Historia ecclesiastica, entnommene Antwort, die (angebliche aus dem Hebräischen in altertümliches Spanisch übersetzt ist. „Levi, Synagogenvorsteher, und Samuel und Josef, Aelteste des Ghetto's von Toledo, an Eleasar Muid, Hohenpriester, und an Samuel Canut und Anas und Kaiphas, Aelteste der Gemeinde des heiligen Landes, Heil im Gotte Israels!" „Azarias der Gesetzeslehrer, Euer Bote, überbrachte uns die Briefe, die Ihr uns geschickt habt, und durch welche Ähr uns berichtet, wie die Sache des Propheten von Nazareth vor sich gegangen ist, von dem Ihr sagt, daß er viele Zeichen gethan hat. Es kam durch diese Stadt vor nicht langer Zeit ein gewisser Samuel, Sohn des Amasias, und sprach mit uns, und erzählte viele 'Gutthaten dieses Mannes, was darauf hinaus lief, daß er ein demüthiger und milder Mann ist, der mit den Elenden redet, der allen Gutes thut, und daß, wenn man ihm Böses thut, er dafür niemanden Böses thut, und daß er ein starker Mann ist mit den Uebermüthigen und den bösen Menschen. Und daß Ihr schlimmer Weise mit ihm Feindschaft hieltet deshalb, weil er Euch Eure Sünden in das Angesicht enthüllte; denn weil er dies thäte, hättet Ihr Uebelwollen gegen ihn. Und wir fragen diesen Mann, in welchem Jahre, Monat oder Tage er geboren wäre, und das möchte er uns mittheilen. Wir sagen, daß am Tage seiner Geburt in diesen Gegenden drei Sonnen gesehen wurden, und da.ß sie ganz allmälig zu nur einer Sonne wurden; und so wie unsere Väter dieses Zeichen sahen, sagten sie nach reiflicher Erwägung, daß jetzt eben der Messias geboren würde, und daß er vielleicht schon geboren wäre. Seht, Brüder, ob er zufällig schon geboren ist und Ihr es nicht beachtet habt. Es erzählte auch der obengenannte Mann, daß sein Vater ihm berichtet habe, daß gewiffe Magier, Männer von vieler Weisheit, bei seiner Geburt in das heilige Land kamen, indem sie nach dem Orte forschten, wo das heilige Kind geboren wäre. sJetzt kommt die Geschichte des Kindermordes zu Betlehem, die wir hier übergehen.) Seht, ob das nicht dasselbe ist wie die Prophezeiung: „Könige werden es sehen und werden gehen zu suchen seine Geburt." Außerdem seht, ob Ihr nicht verfolgt denjenigen, den Ihr hoch zu ehren und gutwillig zu empfangen verpflichtet wäret. Aber thut, was Ihr für wohl beschlossen halten möchtet. Wir sagen Euch, daß weder durch unfern Rath und unsre Beihülfe wir zur Beistimmung zu seinem Tode uns verstehen wollen. Denn wenn wir dies thäten, so würde es uns gehen nach der Prophezeiung, welche sagt: „Sie werden sich zusammenrotten gegen den Herrn und gegen seinen Messias." Und wir geben Euch diesen Rath, da Ähr Männer von vieler Weisheit seid, daß Ihr über diese Sache reiflich nachdenkt, damit nicht der Gott Israels Eurer müde werde und das Haus Eures zweiten Tempels zerstöre. Denn wisset sicherlich, er wird binnen kurzem zerstört werden. Und aus diesem Grunde haben unsere Vorväter, als sie aus der babylonischen Gefangenschaft herauszogen unter der Führung des Hauptmanns Pyrrhus, den der König Cyrus entsandte, und der mit uns viele Reichthümer brachte, welche er aus Babylon fortgenommen hatte, sich im Jahre neunundsiebzig der Gefangenschaft hierher gewandt; und sie wurden ausgenommen in Toledo von den Heiden, die oort wohnten, und sie erbauten eine große Synagoge und wollten nicht zum zweiten Male nach Jerusalem zurückkehren, um dort einen Tempel zu bauen, da er zum zweiten Male zerstört werden sollte." „Aus Toledo, den vierzehnten Tag des Monats Nissan, im 18. Jahre der Aera Cäsars (?) und im 71. derjenigen des Augustus Octavianus." *) Dr. M. P. *) Man kennt die lange Reihe falscher und gefälschter Urkunden, die aus dem römisch-katholischen Gebiete eine große Rolle spielen. Die oben mitgetheilte ist wenigstens harmloser Natur und schließt sich vielleicht an das bekannte eingeschobene Capitel im Josephus an. Dabei war die Kunst, mit welcher si^ abgefaßt ist, keine große, da die Unächtheit sofort in die Augen springt. Bekanntlich geht die Sage, daß auch einige deutsche Gemeinden, die zu jener Zeit schon bestanden haben sollen, gegen die Kreuzigung Jesu Protest eingelegt hätten. Aus einer ähnlichen Sage muß das obige Schreiben aus der Feder irgend eines spanischen Mönchs geflossen sein. Richtig ist, daß zur Zeit .der Zerstörung Jerusalems längst schon jüdische Gemeinden in Spanien exiftirten; daß aber solche unmittelbar nach der babylonischen Gefangenschaft gegründet worden seien, also von den aus Babylon gezogenen Juden ein Theil nicht in Palästina geblieben, sondern weiter bis nach Spanien gezogen sei, ist eine Fabel, die jedoch bei spanischen Autoren nicht selten vorkommt; ebenso daß sie eine Menge spanischer Städte gegründet und benannt hätten, wie Toledo, Escalona, Maqueda, Arpes, Noves, el Cerro del Aquila, Tembleque und la Guardia, welche ihren Namen von Ascalon, Makkeda, Joppe u. a. entnommen hätten. S. von Jos6 Amador de los Rios, Estudios sobre los judios de Espana (Madrid 1848), 3 ff.