Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1872)
- Date
- 1872-02-20
- Page
- Seite 155 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitnua des Zudenthums. Femlleton-Leilage zu Rr. 8. Leipzig, dm 2«. Februar 1872. Eine ungerechte Anschuldigung.*) Von einigen christlichen Geschichtschreibern ist den Juden eine Grausamkeit zum Vorwurf gemacht worden, die sie angeblich bei der Eroberung Jerusalems durch den persischen König Chosroes I!. (614 n. Ehr.) gegen die Christen ausgeübt hätten. Sehen wir näher zu, wie es sich mit dieser Anklage verhält. Im Beginne des siebenten Jahrhunderts nach der gewöhnlichen Zeitrechnung waren unter der Herrschaft der oströmischen Kaiser die Juden in Palästina noch sehr zahlreich. Den vielen äußern Feinden, zumal dem nahen persischen Reiche gegenüber, wäre es für die Griechen ein Gebot der Klugheit — wenn nicht der Menschlichkeit — gewesen, sie gut zu behandeln. Im Gegentheile thaten aber die Griechen alles, um sich die Juden zu erbitterten Gegnern zu machen, und bedrückten sie auf jede Weise. Infolge dessen herrschte grimmige Feindschaft zwischen beiden. Völkern; selbst Geld, bei dem doch sonst nicht allein die Gemüthlichkcit, sondern auch der Haß aufhört, wusch man, ehe man es von einander annahm. Aber den Höhepunct der Unterdrückung erlebten die palästinensischen Juden unter der Regierung des Kaisers Phokas (602—610), eines rohen grausamen Soldaten. Er versammelte sie unter trügerischen Vorspiegelungen, umzingelte sie mit Kriegern und ließ sie dann gewaltsam tau-, fen. In Antiochien empörten sich die Juden deshalb, erregten einen großen Aufstand, und tödteten bei dieser Gelegenheit einen ihrer schlimmsten Feinde, den Patriarchen .Anastasius. Auf diesen Act der Nothwehr antwortete Phokas, indem er die Juden an mehreren Orten niedermetzeln ließ. Da riefen die Juden in ihrer Bedrängniß den persischen Großkönig um Hülfe an. Chosroes II. folgte ihrer Aufforderung sehr bereitwillig, da er *) Vor einiger Zeit wurde uns ein westfälisches Zeituugs- Llatt zugesandt,-in welchem mit naiver Bestimmtheit berichtet wurde, die Juden hätten unter dem Kaiser Phokas sich 90,000 Christen gekauft und ermordet. Da die neuern Geschichtschreiber der Juden über dieses Märchen kurz hinweggehen, haben wir die obige genauere Darstellung veranlaßt. Die Redaetion. längst einen Angriff auf das griechische Reich beabsichtigt hatte. Im Jahre 611 eroberte er Syrien, 614 auch Palästina. Die Christen in Jerusalem ergaben sich und wurden mild behandelt. Kaum aber war das persische Heer mit Hinterlassung einer kleinen Garnison abgezogen, als die Griechen in Jerusalem sich über diese und die Juden herwarfen und alle tödteten, die nicht durch die Flucht entkamen. Der persische Feldherr Scharbarza wurde durch so viel Treulosigkeit und Grausamkeit aufs' höchste erbittert, kehrte sofort um und belagerte Jerusalem aufs neue. Am 20. Tage eroberte er es abermals und nahm schreckliche Rache; alles, was den persischen Kriegern in den Weg kam, wurde niedergemacht. Hier erzählt nun ein griechischer Schriftsteller, Theophanus, ein fanatischer Mönch, die Juden hätten theils von Chosroes zum Geschenk, theils durch den Ankauf der Gefangenen 90,000 Christen in ihre Gewalt bekommen und diese sämmtlich getödtet. Es ist schon an und für sich höchst unwahrscheinlich, daß nach dem von den Persern bei der Eroberung angerichteten Blutbads überhaupt noch 90,000 christliche Bewohner übrig geblieben, noch unwahrscheinlicher, daß diese alle in die Gewalt der Juden gekommen sein sollten. Die Erzählung erscheint also durchaus märchenhaft; aber wenn sie selbst wahr wäre, könnte man, zumal nach den Sitten und Anschauungen der damaligen Zeit, den Juden diese Rache gegen die Mörder ihrer Stammes- und Glaubensgenossen nicht so sehr verübeln."-) ■ Wenn übrigens Herr vr. Graetz (Gesch. der Juden V 134 f.) erzählt, der Khalif Omar habe bei der Eroberung Jerusalems im Jahre 637 die Juden aus dieser Stadt und Tiberias verbannt, so ist das eine vollständige Verwechslung. Es hatte sich diese Unduldsamkeit vielmehr der griechische Kaiser Heraklius, der Jerusalem dem Chosroes wieder abgenommen, zu Schulden kommen lassen.; Ömar hat, sowohl dem Geiste des Koran gemäß als auch der constanten Praxis aller spätern mohammedanischen Herrscher entsprechend, die Juden in Jerusalem den Christen vollständig gleichgestellt. Dr. M. P. ' *) Vgl. L. Drapeyron, L’Empereur H6raclius et l’Empire Byzantin au siäcle (Paris 1869) S. 90 f. 120 f. ,7). ®f il