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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-02-20 · Heft 8 (20.2.1872) · p. Seite 146

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 8 (20.2.1872)
Date
1872-02-20
Page
Seite 146 (sequence 8)
Language
German
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VMWMWDM 146 nicht den Kaiserstaat angeht.*) Wir wissen sehr gut, daß der Wohlthätigkeitssinn der Wiener für heimische Bedürfnisse ein großartiger ist, und daß sie dabei weniger die wiener Hülfsbedürftigen, als die der übrigen Kronländer im Auge haben. Sobald aber vom jüdischen Gemeingeist die Rede ist , können wir bis jetzt ihn unseren Brüdern in Oestreich noch nicht zuschreiben. Ich spreche dies nicht aus um zu tadeln; allein will man einen Gedanken oder eine Sache wahrhaft fördern, so muß man die Wirklichkeit scharf ins Auge fassen, um dort, wo noch kein Platz dafür gefunden worden ist, den tragfähigen Boden urbar zu machen, und sich nicht mit Worten begnügen, sondern eS allseits bethätigen. — Es ist nicht zu übersehen, welch trauriges Gesicht gegenwärtig die „Kreuzzeitung" macht. Sie stößt große Lamentationen darüber aus, daß der Liberalismus dem Herrenhause nur die Wahl zwischen Fall und Abfall lasse. Sie sieht sehr schwarz in die Zukunft und fürchtet, daß die Regierung ganz und gar dem Liberalismus anheimfallen werde. Nun, wir hatten so lange Zeit über die Spott- und Jubellieder der Kreuzzeitung zu trauern, daß es uns nicht zu verdenken ist, wenn wir uns ihrer nunmehrigen Jeremiaden freuen, und den Ver- und Zerfall dieser Partei als ein günstiges Zeichen der Zeit , als ein glückliches Prognosticum der Zukunft betrachten. — Es ist ein eigener Anblick, den Proceß zu verfolgen, welchen gegenwärtig die ultramontane Partei gegen die preußische Staütsregierung anstrengt. Ihr Hauptmotiv ist der Vorwurf gegen dieselbe, die Parität nicht geachtet und die Katholiken namentlich im Staatsdienste zurückgesetzt zu haben. Hinsichtlich des Etats kann sie dies freilich nicht, denn der liefert bedeutend größere Mittel für die katholische Minorität als für die evangelische Majorität. Dagegen bringt sie hinsichtlich des Staatsdienstes im Detail Zahlen heran, die mehrfach nicht mit dem Einwande sich beseitigen lassen, daß die Katholiken eine geringere Zahl quali- *) Aus der „ung. jüd. W." ersehen wir, daß in Pest für die persischen Juden ein Comits zusammengetreten ist und 2000 fl. gesammelt hat. Aus andern östreichischen Gemeinden haben wir bis jetzt nichts erfahren. Als wir vor einigen Jahren wegen der westrussischen Juden uns an einige wiener Notabilitäten wandten, erhielten wir zur Antwort, daß sie genug mit ihren galizischen Glaubensgenossen zu thun hätten. Red actio n. ficirter Individuen darbieten. Doch dieser Strett geht uns nichts an; wir Juden sagen einfach : die preußische Staatsregierung kann nicht läugnen, daß sie bis jetzt den confessionellen Geist hat vorwalten lassen. Eine Regierung, die sich so viele Jahrzehnte geweigert hat, den Rechtsansprüchen der Juden auf den öffentlichen Dienst zu genügen, welche sogar die Bestimmungen des Edicts von 1812 und des Gesetzes von 1847 und endlich diejenigen der Verfassung selbst illusorisch gemacht und immer von neuem restringirt hat, und selbst in diesem Augenblicke noch nicht frei davon ist , giebt Veranlassung genug zu der Annahme , daß sie eine gleiche Richtung auch nach anderen Seiten hin eingehalten habe. Der Ministerpräsident hat in seiner bekannten Rede den Juden ein Zeugniß ihrer Intelligenz und Befähigung zum Staatsdienste ausgestellt. Was dieser Mann sagt, ist auch seine Ueberzeugung. Aber dieses Zeugniß klagt zugleich die bisherige Ausschließung der Juden nachdrücklich an. Wie viele schöne Kräfte sind hier unverwendet geblieben, wie viele Gemüther verbittert worden! Wie viele Thränen geflossen, wie viele Geister zur Verkümmerung verurtheilt worden, die segensreich hätten wirken können!... So sehr wir daher auch wünschen, daß der confessionelle Hader endlich aus der Welt verschwinde, so können wir es doch nur gern sehen, daß dieser Streit sich jetzt so scharf zugespitzt hat. Dadurch wird die Regierung genöthigt, sich von all diesem confessionellen Parteigeiste frei zu machen, und dem Volke die Ueberzeugung zu schaffen, daß sie nur die Befähigung und die patriotische Gesinnung berücksichtige; sie ist gezwungen, sich endlich über die Parteien zu stellen, und das Gute zu würdigen, wo sie es findet. Jede kleinliche Rancüne, jedes engherzige Motiv aus reactionärer und pietistischer Parteinahme muß sie. fallen lassen, wenn sie den Brand, der nun einmal entzündet ist, löschen und ersticken will. Das ist das wahre Gesetz der Entwickelung, mächtiger als alle Revolutionen, die nur immer von einem Extreme zum andern führen. Aus veralteten Principien wächst so viel Unheil heraus, daß endlich diejenigen sie aufgeben müssen, welche sie gepflegt haben, weil sie sich der Einsicht nicht länger verschließen können, daß damit nicht weiter zu kommen ist. Berlin, im Februar. (Privatmitth.) Unter den Zuwendungen iyr Ressort der Unterrichtsverwaltüng,

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