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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-02-20 · Heft 8 (20.2.1872) · p. Seite 141

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 8 (20.2.1872)
Date
1872-02-20
Page
Seite 141 (sequence 3)
Language
German
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141 scheut den Bekennern des Judenthums, und zwar allen, einen Vorwurf in's Gesicht zu schleudern, der meiner Meinung nach ebenso unwahr als unerwiesen ist, und der eine Gehässigkeit enthält, die nur dazu dienen kann, den Haß und die Mißachtung ihrer Mitbürger gegen die Bekenner des Iudenthums anzuregen. (Sehr wahrt links.) Meine Herren, der Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde hat zunächst die Initiative ergriffen, um in einer würdigen Weise Protest gegen einen solchen Erlaß einzulegen. Diesem Protest haben sich mehrere andere Gemeinden — ich weiß es namentlich von der königsberger — angeschlossen, und nicht allein das, sondern auch Mitglieder der christlichen Kirche und zwar solche, deren Namen hier in Berlin sehr bekannt und geachtet sind, haben einen solchen Protest gegen diesen Erlaß erhoben. Das, meine Herren, überhebt mich aber weder des Rechts noch der Pflicht, hier an diesem Orte öffentlich und vor dem ganzen Lande Einspruch einzulegen gegen eine in der That unerhörte Verdächtigung, die gegen die Bekenner des Judenthums geschleudert wird, und die nur dazu dienen kann, sie in den Augen ihrer Mitbürger herabzusetzen. Nun, meine Herren, bitte ich Sie aber auch, den Zeitpunct zu beachten, an welchem ein solcher Erlaß ergangen ist. Dieser Zeitpunct war nach fast vollendetem siegreichen Kriege — einem Kriege, in dem alle, sie mögen dieser oder jener Nationalität oder Religionsgenossenschaft , den armen oder reichen Ständen angehören, in gleicher Begeisterung Gut und Blut, soweit es ihnen zu Gebote stand, auf dem Altar des Vaterlandes niedergelegt haben, um der glorreichen Armee zu ihrem Siege, zu ihrem Triumphe über den Erbfeind unseres Vaterlandes zu verhelfen! Meine Herren, einen solchen Zeitpunct wählt gerade der Erlaß aus, und der Oberkirchenrath hat es selbst erklärt, daß er diesen Zeitpunct für geeignet halte — freilich durch eine Beschönigung, die ich nicht verstehe und hier nicht beurtheilen will; — er wählt gerade diesen Zeitpunct aus, um seinen Erlaß in die Welt zu schicken. Meine Herren, das ist nur verständlich und begreiflich, wenn blinder hierarchischer Fanatismus, (Sehr , wahr! links) wenn Muckerthum und Obscurantismus eine Behörde leitet; sonst ist es unbegreiflich. Eine Behörde, die, gewiffermaßen eine Bureaukratie der Seelen und der Gewissen darstellend, nach, der Herrschaft darüber strebt, eine solche Behörde säet die Drachensaat des Glaubenshasses aus. (Sehr wahr! links.) Wenn diese Saat aufginge, meine Herren, so würde der Staat, dem wir angehören und dem wir mit Freude und mit Begeisterung angehören, von der Höhe, die er durch seine Bildung, durch seine Toleranz seit Jahrhunderten erreicht, und die ihm den ehrenwerthen Titel des Staates der Intelligenz verschafft hat, von dieser Höhe wieder herunterstürzen. Meine Herren, einer Behörde, und noch dazu der höchsten geistlichen Behörde in unserem Staate, die freilich nicht auf einem Gesetze beruht, einer solchen Behörde, die statt Liebe — Haß, statt Eintracht — Zwietracht , statt Toleranz — die schmählichste Intoleranz predigt, während es gerade ihre Aufgabe wäre, Liebe und Toleranz allen Staatsbürgern einzuflößen und eine Harmonie in ihren Gesinnungen und in ihrem gegenseitigen Handeln zu bewirken, — einer solchen Behörde vermag ich nach meiner gewiffenhaften Ueberzeugung nicht die Lebensfrist noch zu verlängern, im Gegentheil, ich wünsche, daß ihr der Lebensfaden so bald als möglich abgeschnitten werde. (Bravo! links.) Darum, meine Herren, stimme ich gegen die Bewilligung." (Lebhaftes Bravo! links.) Nach Dr. Kosch nahm der Abgeordnete Holtz das Wort und sprach für Bewilligung der Kosten, ohne jedoch den obigen Gegenstand zu berühren. Gegen die Bewilligung, also für den Antrag der Fortschrittspartei, sprach Pastor Müller aus Berlin. Er wies auf die Thatsachen hin, die dem Oberkirchenrathe zum Vorwurfe gereichen, und sagte hier u. a.: „Ich weise Sie zunächst auf die Thatsache hin, die der Herr College Dr. Kosch wieder angeregt hat. Ja, meine Herren, ich verstehe ja vollständig, wie eine kirchliche Behörde abmahnen könne von dem Uebertritt aus dem Chrisienthume zum Äudenthume; aber ich verstehe nicht, wie Männer, die selbst zum Theil Geistliche und bejahrte Geistliche sind, mit reicher seelsorgerischer Erfahrung, wie sie im Oberkirchenrath und im Consistorium sitzen, dergleichen Schritte generell ohne alle Ausnahme haben bezeichnen können als „verabscheuungswürdige" Schritte. Nach ihm erbat der Cultusminister Dr. Falk das Wort, der in seiner.Rede dem Dr. Kosch das Zeugniß 8*

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