Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1872)
- Date
- 1872-02-13
- Page
- Seite 136 (sequence 18)
- Language
- German
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Streben nach Ehre und dem Rechte, durch verdienstliche Handlungen ein höheres Ansehn, durch großartiges Wirken ein bedeutenderes Maß von Ehre zu erlangen. Also auch hierin ist die Verschiedenheit der Stellung und der Verhältnisse unter den Menschen naturgesetzlich. Nun kann aber auch nicht geläugnet, werden, daß sowohl Besitz als Ehre weder überhaupt noch in ihren verschiednen Abstufungen sich überall an das Maß der Thätigkeit, der Befähigung, der Anstrengung und des wirklichen Verdienstes knüpfen. Nach diesem Maßstabe werden wir immer und immer wieder auf ungerechte Vertheilung stoßen. Aber weil die Mittel zu völlig gerechter Beurtheilung dem Menschen fehlen, haben bis jetzt alle Vorschläge zu festen Abgränzungen ihrer Einseitigkeit wegen mehr Schaden als Nutzen in Aussicht gestellt, dagegen hat sich die freie Bewegung jederzeit als der beste Weg erwiesen. Aus dieser Verschiedenheit des Besitzes und der gesellschaftlichen Stellung entspringt nun Feindseligkeit unter den verschiedenen Classen, Kampf der Besitzlosen gegen die Besitzenden, und der crasse Unterschied zwischen arm und reich, vornehm und gering tritt überall zu Tage und erschüttert von Zeit zu Zeit die Grundfesten der Gesellschaft, wie in unfern Tagen ein wirthschaftlicher Krieg zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern besteht. Wer möchte es nun läugnen, daß dieser unseligen Feindschaft eine gewisie Berechtigung zu Grunde liegt? Wenn die untern Classen sich in Unbehaglichkeit, Dürftigkeit und Mangel versetzt sehn, während sie einen großen Theil ihrer Mitmenschen in Besitz und Genuß des Ueberfluffes, des Luxus, der Ueppigkeit gewahren, wenn sie Noth und Elend zu ertragen haben, wenn ihre Kinder hungern und kaum nothdürftig bekleidet sind, während sie bei andern nur zu sehr das Gegentheil bemerken, kann man es ihnen verdenken, daß ihre Herzen sich mit Neid füllen und von ihren Lippen die Frage nicht weicht: warum haben jene bei dieser ungerechten Vertheilung besondern Anspruch auf ein glückliches Loos? Wenn gleich dies zugegeben werden muß, so liegt doch, meinem Bedünken nach, vom einzelnen abgesehen, für die Gesammtheit der Kernpunct an einem andern Orte. Ich meine nämlich, daß, weil in derartigen Anschauungen der sittliche Gesichtspunct verloren gegangen ist, alles darauf ankomme, das sittliche Gefühl, die sittliche Anschauung in den Menschen zu wecken und zu stärken. Fragen wir, worin diese bestehn, so lautet die Antwort: in der allgemeinen Ueberzeugung, nicht im Besitze, nicht im Reichthum, nicht im Ueberfluß und Luxus beruhe das Glück des Menschen, vielmehr trügen diese nur in sehr beschränktem Maße zur Beglückung und zum wahren Lebensgenüsse bei. Sie sehn, theurer Freund, ich spreche noch gar nicht von der wahren Bestimmung des Menschen und deren Erfüllung, sondern erst vom „Lebensgenüsse". Ich trete aber mit obigen Worten durchaus nicht als moralischer Rigorist auf. Die Zeiten, wo man von der Verachtung des Irdischen, von der Tödtung des, Fleisches predigte, und dem nach Brod schreienden Volke die harten Schalen darreichte, nachdem man die wohlschmeckenden Kerne für sich herausgeschält hatte, diese Zeiten sind vorüber. Die Cyniker finden ebenso wenig Gehör wie die Bußprediger. Es kann und muß noch vieles geschehen, um die Lage der einmal in der Gesellschaft vorhandenen niedern Classen zu verbessern. Der redlich arbeitende Mensch kann mit vollem Rechte verlangen, daß er und die Seinigen gesunde Nahrung, genügende Wohnung und Bekleidung, angemessenen Unterricht, Gelegenheit zur Entfaltung der Kräfte in der aufwachsenden Generation erhalte, daß er in Krankheiten, im Falle der Invalidität, im Alter nicht dem Mangel und der äußersten Entbehrung anheimfalle, und endlich, daß er zur Beschaffung des Nothdürftigen nicht übermäßig zu arbeiten habe. Dies alles muß ihm die Gesellschaft verschaffen und ihm bieten, so lange er nicht in Trägheit und Ausschweifung verfällt. Er hat ein gutes Recht das zu verlangen, und die Mittel und Verhältnisse der Gesellschaft müssen dafür ausreichen. Hiermit stehen wir aber auch an der Gränze, und was darüber hinaus liegt, ist weder recht, noch hat es einen wirklichen Werth. Denn hier tritt ein, was ich schon oben bemerkte, daß Ueberfluß und Reichthum den Menschen nicht glücklich machen. Grade daß jedermann, was er an äußern Gütern erlangt hat, gering schätzt und sein Verlangen auf mehr richtet, beweist, daß ihn sein Besitz unbefriedigt läßt. Gewöhnung ist eine gewaltige Macht, und wer an einfaches, ja an das einfachste gewöhnt ist, fühlt sich dabei ebenso glücklich, wie derjenige, der überall von Luxusgegenständen umgeben ist, mit der Zeit sie mit gleichgiltigem Ueberdruß betrachtet. Wer nicht vom Neide geplagt ist, der wird sich im Leinwandkittel so wohl fühlen wie ein anderer in Sammt und Seide. Nur oas macht unglücklich, entbehren zu müssen, was man seit Jahren gewohnt ist, was unsre Weisen mit den Worten ausdrückten: man solle dem Reichen, wenn er verarmt, ein Reitpferd halten, falls er daran gewöhnt war. Wer in seinem Leben selbst Geschickeswechsel erfahren, wer in seiner Kindheit und Jugend das Loos der Armüth gekostet, sich aber doch theils durch eigne Anstrengung, theils durch die Gunst des Geschickes zu bessern Verhältnissen aufgeschwnngen Hai, der wird zugestehen, daß er in seiner Dachkammer mindestens ebenso fröhlich und glücklich sich gefühlt hat, als später in einem elegant ausgestatteten Zimmer. Die Gränzlinie bezeichnen Nahrungssorgen, Mangel am Unentbehrlichen, die Unfähigkeit das Nothwendigste für sich und die Seinigen anzuschaffen, die drohende Aussicht des Sturzes ohne Mittel zur Verhütung desselben; was hinsichtlich des Besitzes darüber hinaus liegt, ist für das Glück des Menschen von nur zweifelhaftem Werthe. Auch der größte Reichthum hält Krankheit, Verlust der Seinen , Mangel an Liebe und Frieden, Hypochondrie und Trübsinn, Zank unv Kampf, Nichtbefriedigung der innersten Neigungen, Neid und Eifersucht, Kränkung und Schmerz und alles, was den Menschen unzufrieden und