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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-02-13 · Heft 7 (13.2.1872) · p. Seite 126

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 7 (13.2.1872)
Date
1872-02-13
Page
Seite 126 (sequence 8)
Language
German
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: Nach dem bekannten Spruchele roi ©st mort, viv© le roi begrüßen wir freudig den neuen Präses der israelitischen Cultusgemeinde, Herrn Reichsrathsabgeordneten Dr, Ignaz Kuranda. Im Vorstände der Wiener israelitischen Gemeinde sitzen reiche, sehr reiche Herren, die über Millionen und Millionen zu verfügen haben. Die höchste Würde wurde jedoch einem Manne übertragen, der auf geistigem Gebiete sich einen Namen und Ruf erworben hat. ffs wird dieser Vorgang hoffentlich von maßgebendem Einflüsse auf andre Gemeinden sein; denn täuschen wir uns nicht, auch unter uns Juden galt der Grundsatz, daß der reichere Jude auch der bessere Jude war. Die alten Weisem sagten -inun. rps.;:; ... Zur Zeit als jüngst hier die Neuwahlen sür den Vorstand stattfanden, schrieb ich Ihnen, daß die sogenannten Orthodoxen keinen Boden haben, ■. da ihre' Candidaten nicht einmal eine respectable Minorität der Stimmen erlangen konnten. Andre.Journale erzählten jedoch von einem Siege der Konservativen. Es hat sich nun gezeigt , wer im Rechte war. Wie die Journale berichten, hat der Vorstand., den Cantoren der. Gemeindebethäuser den Auftrag-gegeben, jene' Stellen in den Gebeten, welche die Wiederherstellung des blutigen Opfercultus, die Rückkehr nach Palästina rc. enthalten, auszulassen. Ich bin nicht in der Lage zu sagen, ob diese Principien consequent durchgeführt werden, oder ob man auch hier , nicht so heiß essen wird als gekocht wurde. Keinesfalls jedoch kann man sagen, daß diese Beschlüsse das Merkmal der Orthodoxie an sich tragen.; Wien, l. Februar. Zur Erläuterung des obigen Artikels dient die folgende Correspondenz der „N. Fr. Pr.": „Bekanntlich ist in den letzten Tagen zwischen den Parteien der Reformjuden und. her Orthodoxen ein Zwiespalt ausgebrochen, welcher, in der provisorischen Annahme einiger Veränderungen der Gebete seinen Grund hat. Um nun die Kluft, welche dadurch entstand , nach Thunlichkeit zu überbrücken und auf niemanden in der Form seiner Andachtsverrichtungen einen Zwang auszuüben, hat der Vorstand der wiener Cultusgemeinde beschlossen, an die einzelnen Mitglieder derselben ,em Memorandum zu übersenden, in welchem ,die Mißverständnisse, von denen ein großer Theil qus. Ansatz; dieser^ zeitgemäßen. Reform befangen ist, aufgeklärt werden. Von,.denbeiden Fractionen, die sich gebildet haben, .will die eiste die Hinweglassung jener Stellen, welche auf den. Opferdienst und die politische Restauration Jerusalems Bezug haben, während die andre, die orthodoxe Partei, theils aus Ge-; wohnheit, theils aus Pietät fest darauf beharrt, daß an den Gebeten nichts .geändert werde. Um beide Parteien so viel als möglich zu befriedigen, geht man sogar soweit, künftig jene Stellen, welche den Zankapfel zwischen Reformern und Orthodoxen bilden, nicht mehr, wie bisher, vom Vorbeter zuerst leise, dann laut recitiren zu lassen, sondern stets leise, wobei es jedem freisteht, die Stellen mitzubeten oder nicht. Die Prediger. der verschiednen Bezirke Wiens wurden gleich- : zeitig ersucht, in den Töchtergemeinden von der Kanzel herab Aufklärungen zu gehen. Der Rabbinatsaffessor Salomon Spitzer, das Haupt der Orthodoxen, überreichte vor wenigen Tagen dem Cultusvorstande seine Demission, und wurde dieselbe, wie wir erfahren haben, angenommen. Der Herr Assessor führte, wie die Corr. Wilhelm meldet, verflossene Woche in dem Gebethause der Orthodoxen in der Leopoldstadt, große Schiffgasse Nr. 8, .eine drastische Scene auf. Bei Gelegenheit der Trauerfeier'für den verstorbenen Oberrabbiner. von Preßburg trat er mit der offnen Thorarolle in der Hand vor die Bundeslade und schleuderte, fieberhaft erregt, einen fürchterlichen Bannfluch gegen die- Ketzer, Abtrünnigen und Gottesläugner, welche den Beschlüssen der leipziger Synode beiftimmen. Mit erhobener Stimme schrie der Assessor:. Jeder übe ein gottgefälliges, frommes Werk, der sich von einer solchen Reformgemeinde losreiße und fernhalte. Dieser Fanatismus hat selbst unter den Anhängern des Rabbiners Spitzer Indignation erregt." Wien, 4. Februar. (Privatmitth.) Beiliegend sende ich Ihnen die liturgischen Reformen, welche hier eingeführt wurden. Wie Sie sehn werden, sind sie bezeichnet als „Modificationen im Vortrage einiger Gebetstücke durch den Cantor", da der Vorstand auf die Beter selbst keinen Zwang ausüben wollte. Herr Dr. Güdemann hatte seine Entlassung gegeben; nachdem ihm jedoch der Vorstand Concessionen machte, zog er sie zurück. Hingegen hat der Vorstand die Demission des Herrn Rabbinatsaffeffors Spitzer, welcher in der Schiffsynagoge als Rabbiner fungirt, piir et simple angenommen. Herr Spitzer wurde seiner Zeit.von dem ehemaligen Hofwechsler. Deutschs hierher, berufen.

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